Donnerstag 4 September 2025
Also, ich war Willi. 18-einhalb Jahre jung, mit dem Führerschein in der Tasche und dem Wind der Freiheit im Haar – nur leider ohne eigenes Auto. Mein fahrbarer Untersatz? Ein Mofa, das mehr röchelte als rollte. Aber hey, ich war nicht allein. Mein Kumpel Dieter Heise und ich knatterten wie zwei Halbstarke durch die Siedlung, als wären wir die Vorhut der Mofa-Revolution. Und dann – eines Tages – kam Dieter nicht auf zwei Rädern, sondern mit einem Opel Kadett um die Ecke. Und was für einer! Das Ding war so alt, dass man beim Einsteigen automatisch „Heiliger Blechle!“ rief. Rostig, laut und mit dem Charme eines vergessenen Baustellenfahrzeugs. Aber Dieter war stolz wie ein Pfau auf Speed und fragte: „Willi, Lust auf ’ne Spritztour?“ Ich? Klar! Ich hatte eh nichts zu tun, außer vielleicht meine Socken sortieren. Unsere Ziele waren überschaubar: der Rhein – für die frische Luft und das Gefühl von Freiheit – oder der Eikekamp, wo Dieters Schwester wohnte. Und jetzt kommt der Knaller: Die wohnte in einem alten Bunker. Kein metaphorischer Bunker, sondern ein echter, vor dem Krieg gebauter Betonklotz mit dem Wohnkomfort einer Tiefgarage. Ich schwöre, wenn man dort die Tür öffnete, erwartete man eher einen U-Boot-Kommandanten als eine Kaffeetafel. Aber zurück zum Kadett. Der hatte irgendwann am Rhein den Auspuff verloren – oder besser gesagt: der Auspuff hatte sich verabschiedet, weil er keine Lust mehr auf das Leben hatte. Seitdem klang der Wagen wie ein Presslufthammer auf Speed. Gespräche im Auto? Unmöglich. Man konnte sich höchstens mit Rauchzeichen verständigen. Dieter meinte: „Morgen reparier ich das.“ Ich dachte: „Klar, mit Spucke und Hoffnung.“ Am nächsten Tag stand ich also bei ihm auf der Blütenstraße. Und was ich da sah, ließ mir die Augen aus dem Kopf fallen wie Murmeln: Dieter hatte den Kadett einfach auf die Seite gelegt. Nicht mit einem Wagenheber. Nicht mit einem Kran. Nein – einfach umgelegt. Wie ein Stuntman bei den Hell Drivers. Ich stand da, starrte auf das seitlich liegende Auto und dachte: „Das ist kein Mensch. Das ist ein wandelnder Bizeps.“ Dieter, der Arnold Schwarzenegger von Alt-Walsum, werkelte seelenruhig am Auspuff, während ich versuchte, meine Sprache wiederzufinden. Ich meine, wer legt bitte ein Auto um, um darunter zu schrauben? Das war nicht Reparatur – das war Performancekunst. Und das Beste: Ich konnte endlich mal sehen, wie ein Auto von unten aussieht. Sogar die Räder konnte man drehen, als wär’s ein Spielzeugauto. Nachdem der Auspuff wieder brav schnurrte, schob Dieter den Kadett mit einer Hand zurück auf die Räder. Eine Hand! Ich hätte dafür einen Gabelstapler gebraucht und einen Therapeuten. Die Beulen in der Tür? „Nicht so wild“, meinte er. Ich glaube, der Kadett war einfach froh, wieder aufrecht zu stehen. Ich hab mit Dieter noch so einiges erlebt – Dinge, die man keinem TÜV-Prüfer erzählen sollte. Aber das, mein Freund, das erzähl ich dir ein andermal. Denn eins ist sicher: Mit Dieter wurde jeder Tag zur Spritztour ins Staunen.
Nicht mit einem Wagenheber. Nicht mit einem Kran. Nein – einfach umgelegt.
Wie ein Stuntman bei den Hell Drivers.
Lasst euch den Text einfach vorlesen, ist nicht so anstrengend.
Klickt auf den Wiedergabeknopf, lehnt euch zurück und hört einfach zu.
Donnerstag 4 September 2025
Es war mal wieder so weit. Die Erinnerungen klopften an wie alte Freunde, die man viel zu lange nicht gesehen hat. Und wie das so ist mit alten Freunden – sie bringen Geschichten mit. Geschichten, die nach Kreide riechen, nach Pausenbrot mit Leberwurst und nach dem rebellischen Klang der 60er. Wir schreiben das Jahr 1965. Ich war Schüler, mittendrin in der Blüte meiner Unschuld – na ja, zumindest offiziell. Mein bester Kumpel damals war Dieter Heise. Dieter war ein echter Draufgänger, ein Tüftler, ein kleiner Rebell mit einem Hang zu technischen Spielereien. Wenn irgendwo ein Kabel lose rumlag, hatte Dieter es schon in der Hand und versuchte, damit ein UFO zu bauen. Eines Tages – es war ein grauer Dienstag, wie ich ihn nie vergessen werde – brachte Dieter sein neuestes Spielzeug mit in die Schule: ein batteriebetriebenes Tonbandgerät. So ein kleines Teil mit zwei Spulen, das aussah, als hätte man es aus einem Spionagefilm geklaut. Und was lief darauf? Natürlich das Lied, das damals jeder kannte, jeder mitsang und jeder Lehrer verfluchte: „I Can't Get No Satisfaction“ von den Rolling Stones. Die Pausen waren schon elektrisiert von diesem Gerät. Wir hockten um Dieter wie um ein Lagerfeuer, lauschten den ersten Takten und fühlten uns wie Halbstarke auf dem Weg zur Revolution. Doch Dieter wäre nicht Dieter, wenn er sich mit der Pause zufriedengegeben hätte. Nein, er wollte mehr. Er wollte den Sound der Stones in den Unterricht bringen – heimlich, versteht sich. Und so kam es, wie es kommen musste. Herr Bald, unser Lehrer, stand vorne an der Tafel und versuchte, uns irgendetwas über Algebra oder die französische Revolution beizubringen – ich weiß es nicht mehr genau, denn in dem Moment, als Dieter unter der Bank herumfummelte, war Geschichte ohnehin Nebensache. Plötzlich ertönte ein lautes „I can’t get no…“ – und das Tonbandgerät legte los, volle Lotte, mitten im Unterricht. Dieter, der arme Tropf, hatte keine Ahnung, wie man das Ding wieder ausbekam. Er drückte, zog, fluchte leise – das Gerät aber dröhnte weiter, als hätte es sich selbstständig gemacht. Die Klasse war in Aufruhr. Einige kicherten, andere sangen mit, und ich – ich war hin- und hergerissen zwischen Panik und Begeisterung. Herr Bald, sonst eher von der gemütlichen Sorte, verwandelte sich in einen Blitz. Ehe man sich versah, stand er neben Dieter, hatte ihn am Ohr und zog ihn samt Tonbandgerät aus der Bank. Es war wie eine Szene aus einem Charlie-Chaplin-Film – nur ohne Happy End für Dieter. Das Tonband wurde beschlagnahmt, Dieter bekam eine ordentliche Standpauke, und wir alle – ja, wirklich alle – mussten eine Stunde nachsitzen. Der Grund? „Kollektives Mitgrölen“, wie Herr Bald es nannte. Dieter bekam eine schlechte Note, das Tonband erst am nächsten Tag zurück, und wir bekamen eine Lektion in Sachen Timing und Lautstärkeregulierung. Aber weißt du was? Es war eine herrliche Zeit. Eine Zeit, in der Rebellion noch mit Spulen und Batterien funktionierte. In der Freundschaft bedeutete, gemeinsam Ärger zu bekommen. Und in der ein Lied von den Rolling Stones mehr bewirken konnte als jede Matheformel. Wenn ich heute daran denke, dann lächle ich. Mit einem kleinen Stich im Herzen, aber auch mit dem Wissen: Diese Erinnerungen sind das wahre Gold der Schulzeit.
Doch Dieter wäre nicht Dieter, wenn er sich mit der Pause zufriedengegeben hätte.
Nein, er wollte mehr. Er wollte den Sound der Stones in den Unterricht bringen – heimlich, versteht sich.
Mittwoch 3 September 2025
Also, Freunde der gepflegten Fortbewegung, ich muss euch was erzählen. Damals, als ich noch ein halbstarker Jungspund war – mit mehr Pickeln als Fahrpraxis – war ich bei Familie Hochstein in Aukrug auf dem Bauernhof. Und glaubt mir, das war nicht irgendein Hof. Das war das Epizentrum meiner pubertären Abenteuer. Zwischen Misthaufen, Mähdreschern und der legendären Milchkuh Hilde hab ich Dinge erlebt, die selbst ein Navi nicht orten kann.
Die Gummikuh und ihr Autopilot
Jetzt aber zur BMW. Ja, die Gummikuh. Ein deutsches Meisterwerk auf zwei Rädern. Ich hab den Autopiloten auf Kirchellen programmiert – keine Ahnung wie, wahrscheinlich mit einem Mix aus jugendlichem Leichtsinn und einem Schraubenzieher – und zack, die Karre hat sich auf den Weg gemacht, als hätte sie Heimweh. Aber warum heißt das Ding eigentlich Gummikuh?
Ich hab da so meine Theorie.
Wenn man eine Kuh laufen sieht – und ich hab in Aukrug mehr Kühe gesehen als Mathehausaufgaben gemacht – dann schaukelt das Heck wie ein Fischkutter bei Windstärke 8. Und genau so fühlt sich die BMW an, wenn du Gas gibst. Du sitzt drauf, hältst dich an den Hörnern fest – also am Lenker, nicht an echten Hörnern, außer du hast was falsch montiert – und dann geht’s los. Das Heck schaukelt, der Boxermotor brummt, und du denkst: „Wow, das ist wie Gummi!“
Von Kühen zu Kaulquappen
Und wenn die BMW beschleunigt, erinnert mich das an eine Kaulquappe. Kein Witz. Das Hinterteil wackelt beim Schwimmen genauso wie die BMW beim Anfahren. Ich hab mal versucht, das meiner Biolehrerin zu erklären – sie hat mich dann in den Kunstunterricht abgeschoben.
Hilde – die echte Gummikuh
Ach ja, und jetzt kommt der Knaller: Ich bin wirklich mal auf einer Kuh geritten. Kein Scherz. Sie hieß Hilde, war die Königin der Milchproduktion bei Bauer Hochstein und hatte mehr Persönlichkeit als mein damaliger Mofa-Club. Ich hab mich auf sie gesetzt – ohne Sattel, versteht sich – und wollte losreiten wie Winnetou auf Speed. Hilde hat mich angeschaut, als hätte ich ihr die Steuererklärung geklaut, und dann ging’s los. Drei Schritte, ein Furz, und ich lag im Misthaufen. Aber hey, das war mein erster Ritt auf einer echten Gummikuh.
Das Heck schaukelt, der Boxermotor brummt, und du denkst: „Wow, das ist wie Gummi!“
Montag, 2. April 2007
Montag, 2. April 2007 – Der Tag, an dem mein Puls schneller raste als mein Moped.
Es war wieder soweit. Der Tag, den ich monatelang verdrängt hatte, stand plötzlich vor der Tür wie ein schlecht gelaunter Paketbote: TÜV-Termin! Mein treues Motorrad, Baujahr gefühlt kurz nach dem Mauerfall, sollte zur DEKRA nach Neumühl. Und ich? Ich war nervös. Nein, ich war nicht nervös – ich war ein Nervenbündel auf zwei Beinen mit Schweißperlen auf der Stirn und einem inneren Monolog, der klang wie ein schlechter Krimi. „Willi“, sagte ich mir, „du hast das Ding gepflegt wie andere ihre Bonsai-Bäumchen. Was soll da schon schiefgehen?“ Aber mein innerer TÜV-Trauma-Geist flüsterte: „Denk an die Blinker. Denk an die Bremsen. Denk an die Hupe, Willi!“
Warten wie beim Zahnarzt – nur mit mehr Gabelstaplern. Ich kam an. Vor mir: eine Schlange aus Autos, die alle aussahen, als hätten sie mehr TÜV-Chancen als mein Moped. Also hieß es: warten. Und was macht man, wenn man eine Stunde Zeit hat und keine Lust auf Panikattacken? Man beobachtet Menschen, die versuchen, einen Gabelstapler zu bändigen. Da waren sie – fünf junge Kerle, die aussahen, als hätten sie gerade erst gelernt, wie man eine Banane schält, und jetzt sollten sie einen tonnenschweren Gabelstapler durch einen Parcours jagen. Ich schwöre, einer von denen hat rückwärts eingeparkt wie ein betrunkener Flamingo. Aber hey – am Ende hatten sie ihren Schein und ich meine Unterhaltung.
Der Moment der Wahrheit
Dann war ich dran. Mein Herz klopfte wie ein Presslufthammer auf Speed. Der Prüfer kam, sah mein Moped und sagte: „Sie müssen mir mal helfen.“ Ich? Helfen? Ich dachte, jetzt kommt was mit Schraubenschlüssel und Ölwechsel. Aber nein – er wollte nur, dass ich Licht, Hupe und Blinker teste. Ich drückte, schaltete, blinkte – und siehe da: Alles funzt! Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd auf Speed. Dann murmelte der Prüfer etwas wie „Ich muss noch mal fahren“ und schwupps – saß er auf meinem Moped und düste los. Ich stand da wie ein Vater, der sein Kind zum ersten Mal allein Fahrrad fahren lässt. Nur mit mehr Angst um den Auspuff.
Er kam zurück – und ich schwöre, ich sah ein Lächeln. Ein echtes! Kein „Ich hab gerade einen Strafzettel verteilt“-Lächeln, sondern ein „Das Ding fährt wie Butter auf heißem Toast“-Lächeln. Bürokratie mit Happy End „Sie läuft gut und sie bremst gut“, sagte er. Ich folgte ihm ins Büro, als hätte ich gerade den Oscar gewonnen. 37 Euro später war ich nicht nur erleichtert, sondern auch offiziell TÜV-geprüft.
Dann kam der Satz: „Jetzt muss ich Ihnen noch eine kleben.“ Ich war kurz irritiert. Kleben? Prügel? Plakette? Ich entschied mich für das Beste: „Kleben Sie mir ruhig eine, Herr Prüfer.“ Und so bekam mein Moped – 22 Jahre jung, mit mehr Charakter als ein Tatort-Kommissar – seine neue Plakette. Ich fuhr vom Hof, die Sonne schien, mein Herz war leicht, und ich fühlte mich wie der König von Neumühl.
Dann war ich dran. Mein Herz klopfte wie ein Presslufthammer auf Speed.
Dienstag, 2. September 2025
Ich sitze auf meiner Terrasse, die Sonne brutzelt mir die Glatze, und irgendwo in der Ferne höre ich das Brummen eines Treckers. Sofort springt sie auf – meine Erinnerungskiste mit der Aufschrift „Heu“. Und was da alles drin steckt, mein lieber Scholli! Vor etwa 60 Jahren, da war ich ein junger Hüpfer mit mehr Muskeln als Verstand und arbeitete auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein. Damals war Heu machen noch echte Knochenarbeit, nix mit diesen riesigen Maschinen, die heute aussehen wie Transformer auf dem Acker. Wir hatten Heuforken – die sahen aus wie Mistgabeln, nur mit mehr Stolz – und damit haben wir das Heu von Hand aufgesammelt. Ja, richtig gelesen: von Hand! Da wurde nicht geschummelt. Das Heu lag lose auf dem Feld, und wir haben es auf den Wagen gewuchtet, bis der Haufen so hoch war, dass man oben fast Sauerstoff brauchte. Der Heuwagen war ein wackeliger Geselle, und ich erinnere mich noch, wie ich einmal beim Aufladen rückwärts vom Haufen geplumpst bin – direkt in eine Brennnessel. Mein Hintern hat drei Tage geglüht wie ein Grillanzünder. Am Hof angekommen, wurde das Heu mit einem riesigen Gebläse – das klang wie ein startender Düsenjet – auf den Heuboden gepustet. Und oben, da standen wir dann wie die Heinzelmännchen und haben das Heu in jede Ecke gestopft. Es war wie Tetris, nur mit juckendem Material. Die Luft flimmerte vom herumwirbelnden Heustaub, und wir sahen aus wie paniert. Es juckte überall – in den Ohren, in der Nase, sogar in den Kniekehlen! Und wehe, man hat sich gekratzt – dann hat man gleich eine Ladung Heu ins Gesicht bekommen. Einmal hat mir ein Knecht aus Versehen eine Heuforke auf den Fuß fallen lassen. Ich hab geschrien wie ein Opernsänger auf Koffein. Der Heuboden lag direkt über dem Kuhstall. Im Winter haben wir das Heu durch eine kleine Luke runtergeworfen – wie bei einem mittelalterlichen Burgverlies. Die Kühe unten haben schon gewartet, als würden sie gleich applaudieren. Und wir oben haben uns gefühlt wie die Lieferanten des Glücks. Ach ja, das waren Zeiten. Kein WLAN, kein Streaming, aber dafür Heu in den Haaren und Geschichten fürs Leben. Wenn ich heute einen Trecker sehe, denke ich nicht an Technik – ich denke an juckende Knie, fliegende Heuflocken und den besten Muskelkater meines Lebens.
Am Hof angekommen, wurde das Heu mit einem riesigen Gebläse –
das klang wie ein startender Düsenjet – auf den Heuboden gepustet.
Mit einem alten Lanz-Bulldog Trecker wurde das Gebläse angetrieben!.
Montag, 3 März 2025
Es war einmal ein Frühlingstag im März 2025, als Willi – ein gestandener Herr mit 72 Jahren – auf seinem Balkon saß und plötzlich ein vertrautes Geräusch hörte: das knatternde Röhren eines alten Mopeds. Und zack! Da sprang in seinem Kopf eine Erinnerungs-Schublade auf, die seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden war. Der Duft von Zweitaktöl, das Gefühl von Freiheit und die wilde Zeit der Jugend – alles war wieder da. „Ach, die guten alten Zeiten“, murmelte Willi und grinste. Damals, mit 16, war er der König der Siedlung. Sein Thron? Eine feuerrote Zündapp KS 50 Sport mit kleinem Nummernschild – versteht sich. Die Kreidler Florett war zwar auch angesagt, aber Willi schwor auf seine Zündapp. Sie war nicht nur schnell, sie war ein Statement. Jeden Nachmittag donnerte er mit seinen Kumpels durch die Straßen, als gäbe es kein Morgen. Die Mädels standen am Gartenzaun, die Haare im Wind, und Willi wusste: Jetzt musste er Eindruck machen. An der Ampel legte er den perfekten Kickstart hin – das Vorderrad hob ab, der Sozius hinten kreischte und rutschte fast vom Sitz. Ein echter Stuntman, dieser Willi! Aber Ruhm und Benzin kosten Geld. Und so stand Willi fast täglich bei seiner Mutter auf der Matte: „Mutti, fünf Mark für Sprit, bitte!“ Die Antwort war stets dieselbe: „Nur wenn du die Schuhe von allen putzt – auch die von Papa!“ Und Willi, der Held auf zwei Rädern, wurde zum Schuhputzer mit Benzin im Blut. Die Siedlung war sein Revier, die Straße sein Laufsteg, und die Zündapp sein treuer Begleiter. Es ging nie um Geschwindigkeit allein – es ging um das Gefühl, jung zu sein, frei zu sein und ein bisschen verrückt.
Die Mädels standen am Gartenzaun, die Haare im Wind,
und Willi wusste: Jetzt musste er Eindruck machen.
Montag, 1 September 2025
Es war wieder mal so weit. Eine dieser mit Erinnerungen vollgepackten Schubladen in meinem Kopf sprang auf – ohne Vorwarnung, versteht sich – und heraus purzelte eine Szene, die ich bis heute nicht vergessen habe. Und das will was heißen, bei dem Durcheinander da oben. Ich war so zehn, vielleicht auch zwölf Jahre alt, als wir in den Sommerferien bei Tante Irmchen und Onkel Alwis in Marienhagen bei Hannover zu Besuch waren. Meine Brüder Dirk und Erhard waren natürlich mit von der Partie – wir waren wie die drei Musketiere, nur mit weniger Schwertern und mehr Unsinn im Kopf. Tante Irmchen hatte ein Herz aus Gold, aber ein Badezimmer aus der Steinzeit. Es gab nämlich nur ein Klo – und das war ein Plumpsklo. Jawohl, ein echtes, ehrliches, rustikales Plumpsklo mit Herzchen in der Tür und einem Duft, der einem die Tränen in die Augen trieb, ganz ohne Emotionen. Wir tobten wie die Wilden auf dem Innenhof, jagten uns gegenseitig, warfen uns mit alten Kartoffeln ab (fragt nicht, woher wir die hatten), und irgendwann musste einer von uns – Dirk oder Erhard, ich weiß es wirklich nicht mehr – mal dringend aufs Klo. Also ab durch den Hof, rein ins Häuschen mit dem Herz. Wir warteten draußen, kichernd und voller Vorfreude, ob es wohl wieder so stinken würde wie beim letzten Mal. Und dann – plötzlich – ein lautes Geschrei! Kein normales „Ich bin fertig“-Ruf, sondern ein panisches, verzweifeltes „Meine Hosenträger! Meine Hosenträger!“ Wir stürmten das Häuschen, rissen die Tür auf – und da war er: mit dem Kopf über im Plumpsklo, die Beine in der Luft, die Arme ruderten wie bei einem Ertrinkenden. Der nackte Hintern ragte uns entgegen wie ein Mahnmal der Verzweiflung. Ich schwöre, ich habe seitdem nie wieder so schnell die Luft angehalten. Er hatte wohl beim Geschäft seine Hosenträger irgendwie verloren – fragt mich nicht, wie das geht – und war nun dabei, sie heldenhaft aus dem Abgrund zu retten. Wir zogen ihn erst mal aus dem Loch, bevor er ganz verschwand. Dann holten wir einen langen Stock – wahrscheinlich ein alter Besenstiel – und begannen selbst mit der Bergungsaktion. Und was soll ich sagen: Wir haben sie gefunden. Die Hosenträger. Nur… sie waren nicht mehr ganz so frisch wie vorher. Ich glaube, sie haben eine kleine Reise durch die Kanalgeschichte gemacht. Aber wir waren stolz wie Bolle und drückten sie dem Besitzer feierlich in die Hand. Der Gesichtsausdruck – eine Mischung aus Dankbarkeit und Ekel – war unbezahlbar. Diese Geschichte wurde später bei jeder Familienfeier mindestens einmal erzählt. Und jedes Mal lachten wir Tränen, selbst Tante Irmchen, obwohl sie dabei immer leicht rot wurde. Ich habe keine Sekunde meiner Kindheit in unserer kinderreichen Familie bereut. Im Gegenteil – ich denke oft an diese Momente zurück, die weit über 60 Jahre her sind, und ich schmunzle. Manchmal sogar laut. Denn eins ist sicher: Hosenträger im Plumpsklo vergisst man nie.
Wir warteten draußen, kichernd und voller Vorfreude, ob es wohl wieder
so stinken würde wie beim letzten Mal.
Montag, 1 September 2025
Es war so um 2008. Ich war 55, aber innerlich noch irgendwo zwischen Schulranzen und Fahrradklingel. Das neue Kohlekraftwerk Walsum wuchs damals wie ein Betonpilz aus dem Boden und verlieh der Landschaft ein Gesicht, das man wohl als „markant“ bezeichnen muss – wenn man höflich sein will. Für mich war es eher das Ende einer Ära. Die Dorfidylle, die ich kannte, war verschwunden. Einfach weg. Wie weggeweht von einem Wind, der nach Fortschritt roch – und ein bisschen nach Schwefel. Wenn ich heute daran denke, wie die Rheinstraße damals aussah, dann sehe ich sie noch ganz klar vor mir. Sie führte direkt zum Rhein, wie eine Einladung zum Träumen. Damals standen dort noch viele Häuser, kleine, krumme, mit Gärten, in denen die Wäsche flatterte und die Kinder sich um die besten Kirschen stritten. Selbst der Bus hielt dort – mehrere Haltestellen! Heute fährt da keiner mehr, außer vielleicht ein paar Autos oder Fahrradfahrer, die zur Rheinfähre wollen, oder vielleicht ein Bagger auf dem Weg zur nächsten Betonplatte. Aber was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, das ist die kleine Trinkhalle. Ach, die Trinkhalle! Ein winziges Paradies für durstige Schüler und neugierige Naschkatzen. Oft bin ich im Sommer nach der Schule mit meinem Fahrrad dort vorbeigefahren – nicht, weil ich musste, sondern weil ich sehen wollte, ob der Rhein noch da war. Und er war immer da. Treu wie ein alter Freund, der nie viel redet, aber immer zuhört. An der Trinkhalle hielt ich an, holte mir eine Cola – die gute alte in der Glasflasche, die beim Öffnen so schön zischte, als würde sie sich freuen, mich zu sehen. Ich setzte mich auf den Bordstein, trank langsam und ließ die Welt vorbeiziehen. Manchmal kam Herr Schmitz mit seinem Dackel vorbei, manchmal Frau Krüger mit ihrem Einkaufskorb. Und manchmal war einfach nur Ruhe. Eine Ruhe, die heute schwer zu finden ist. In der Nähe der Trinkhalle gab es ein großes Rohr, das über die Straße führte. Es gehörte zur Papierfabrik Haindl und war schon damals rostig wie ein vergessener Gartenzwerg. Ich habe es oft angeschaut und mich gefragt, ob es wohl irgendwann zusammenbricht. Hat es nie. War wohl stabiler als manche Erinnerungen. Die Straße selbst – die alte Rheinstraße – hatte eine ganz eigene Form. Von der Mitte aus bog sie sich zu den Rändern wie ein Flitzebogen. Bei Regen wurde sie zur Rutschbahn für Mutige. Ich erinnere mich, wie ich einmal fast in die Regenrinne geschlittert bin, weil ich meinte, ich könne mit einer Hand am Lenker und der anderen an der Cola fahren. Ging nicht gut aus. Aber ich habe gelacht. Damals konnte man noch über sich selbst lachen, ohne gleich ein Selfie davon zu machen. Heute, mit 72, sitze ich manchmal auf der Bank am neuen Radweg und schaue in die Richtung, wo früher die Trinkhalle war. Da ist jetzt nichts mehr. Nur Beton, Stahl und das leise Brummen der Industrie. Aber in meinem Kopf – da steht sie noch. Mit dem Cola-Kühlschrank, dem rostigen Rohr und dem Duft des Rheins, der sich wie ein alter Freund in meine Nase schleicht. Würde ich all das in Kauf nehmen – den Verkehr, den Lärm, die neuen Straßen – nur um einmal noch mit dem Fahrrad durch die alte Häusergasse zu fahren, die Cola in der Hand und den Rhein im Blick? Ja. Ohne zu zögern. Und dabei hätte ich ein Schmunzeln im Gesicht. Denn Erinnerungen – die rosten nicht.
Oft bin ich im Sommer nach der Schule mit meinem Fahrrad dort vorbeigefahren
– nicht, weil ich musste, sondern weil ich sehen wollte, ob der Rhein noch da war.
Montag, 1 September 2025
Die grauen Zellen haben beschlossen, mir ein kleines Geschenk zu machen: eine Erinnerung! Und wie das bei mir so ist – wenn die Erinnerung kommt, dann kommt sie mit Pauken, Trompeten und einem Freddy-Quinn-Ohrwurm im Gepäck.Ich erinnere mich an einen dieser legendären Kindersommer in Neumünster. Ach ja, damals, als die Welt noch aus Lakritzschnecken, Fahrradklingeln und dem Duft von frisch gemähtem Rasen bestand. Wir waren eine Großfamilie – zehn Kinder! Zehn! Das ist kein Haushalt, das ist ein Wanderzirkus mit Dauerbetrieb. Wenn wir alle gleichzeitig Hunger hatten, sah der Küchentisch aus wie ein Schlachtfeld. Und wehe, jemand hat das letzte Stück Butter genommen – da wurde nicht diskutiert, da wurde verhandelt wie bei den Vereinten Nationen.Um uns Kinder in den Sommerferien nicht völlig durchzudrehen – und vermutlich auch, um unsere Eltern eine kurze Verschnaufpause zu gönnen – wurden wir strategisch auf Verwandte verteilt. Ich landete bei Onkel Peter in Neumünster. Ein Mann mit einem Gesicht wie ein Kommandant und einem Herz wie ein Teddybär.Das Kinderzimmer dort war mein Königreich. Klein, aber mit Blick auf den Garten – und das Wichtigste: ein Schallplattenspieler! Nicht irgendeiner, nein, ein batteriebetriebener Wunderkasten mit einem Schlitz vorne, in den man die Platte reinschieben konnte. Das Ding hat die Platte eingesogen wie ein hungriger Staubsauger und dann losgelegt, als hätte es einen Plattenvertrag bei Polydor.Meine Lieblingsplatte? Natürlich Freddy Quinn: *100 Mann und ein Befehl*. Ein Lied, das ich so oft gehört habe, dass ich heute noch im Schlaf mitsingen kann. Die Batterien waren regelmäßig leer – und ich meine *leer*. Ich habe sie so oft gewechselt, dass ich dachte, ich hätte bald ein Diplom in Batteriewissenschaften.Marlene und Heidi, die Töchter von Onkel Peter und Tante Thea, waren weniger begeistert. Während ich mit glänzenden Augen und militärischer Begeisterung Freddy lauschte, hielten sie sich die Ohren zu und flüchteten aus dem Zimmer, als wäre ich ein wandelnder Lautsprecher auf Rädern. Ich glaube, sie haben bis heute ein leichtes Trauma, wenn sie Freddy Quinn hören. Sorry, Mädels!Aber für mich war das pure Glück. Ein Sommer voller Musik, Gartenblick und dem Gefühl, dass die Welt in Ordnung war – solange die Batterien hielten.
Das Ding hat die Platte eingesogen wie ein hungriger Staubsauger und dann losgelegt, als hätte es einen Plattenvertrag bei Polydor.
Samstag, 31 August 2025
Es war mal wieder soweit. Ein Geräusch – nein, ein Gereusch mit Gänsehautgarantie – donnerte durch die Luft und ließ mich wie ein aufgeschrecktes Huhn aus dem Sessel springen. Ich schaute hoch, zuckte zusammen und hatte plötzlich dieses seltsame Gefühl im Bauch. So ein Kribbeln, das sich irgendwo zwischen Angst, Aufregung und „Oh mein Gott, was war das denn?!“ einpendelt. Dieses Gefühl kannte ich. Und zwar ganz genau. Ich war damals neun oder zehn – also in dem Alter, in dem man glaubt, man könne mit einem selbstgebauten Drachen bis nach Amerika fliegen. Papa hatte uns zu einer Flugschau mitgenommen. Und ich sag’s euch: Das war kein Sonntagsspaziergang mit Picknickdecke. Das war ein Spektakel! Amerikanische Bomber im Tiefflug, die über unsere Köpfe hinwegsausten, als wollten sie uns die Frisur neu föhnen. Ich war so erschrocken, dass ich gezittert habe wie ein Chihuahua im Schneesturm. Aber gleichzeitig war ich fasziniert. Verzaubert. Hin und weg. Da sprangen Fallschirmspringer aus Flugzeugen, als wäre das das Normalste der Welt. Und ein Typ – ich schwöre es – stellte sich einfach auf ein Flugzeug und flog über uns hinweg. Ich dachte, der hat doch nicht alle Latten am Zaun! Aber cool war’s. Und das Beste: Nach der Show durften wir in die Flugzeuge rein. Ich hab alles angefasst, alles bestaunt, und in meinem Kopf war klar: Ich werde Pilot. Punkt. Zuhause war ich nicht mehr zu bremsen. Ich baute Flugzeuge aus Karton, Drachen aus alten Bettlaken, und las alles, was ich über Flugzeuge in die Finger bekam. Ich sah mich schon mit Sonnenbrille und cooler Lederjacke im Cockpit eines riesigen Jets, wie ich durch die Wolken pflüge und dabei lässig „Willi Airlines“ durch die Lautsprecher nuschele. Aber – und jetzt kommt der Teil, den man in Filmen mit melancholischer Musik unterlegt – das Leben hatte andere Pläne. Mein Traum vom Fliegen? Geplatzt. Einfach so. Wie ein Luftballon auf einem Kindergeburtstag, wenn Tante Erna sich draufsetzt. Aber hey, kein Grund zum Trübsalblasen! Denn kaum war der Traum vom Himmel gefallen, rollten schon die nächsten Träume auf vier Rädern an. Autos! Motorräder! Ich war plötzlich nicht mehr Pilot, sondern Rennfahrer, Mechaniker, Motorrad-Stuntman – je nach Tagesform. Meine Fantasie fuhr Achterbahn, und ich saß ganz vorne mit den Händen in der Luft. Und wer weiß? Vielleicht kommt der Traum vom Fliegen ja nochmal zurück. Vielleicht nicht als Pilot, aber als Passagier mit einem Fensterplatz und einem Herzen voller Erinnerungen an Bomber, Drachen und den kleinen Willi, der einst den Himmel erobern wollte.“
Ich hab alles angefasst, alles bestaunt, und in meinem Kopf war klar: Ich werde Pilot. Punkt.
Sonntag, 31 August 2025
Ich war gerade dabei, mich mit meinem Lieblingskissen zu versöhnen – Mittagsschlaf, die heilige Stunde eines 72-Jährigen – als plötzlich ein Kind draußen rief. Und zack! Da war er wieder. Dieser Ton. Dieser Befehlston, der mir als Kind regelmäßig die Socken ausgezogen hat, obwohl ich sie gar nicht anhatte. Es war, als hätte jemand die alte Kommode in meinem Kopf aufgestemmt, die mit dem wackeligen Scharnier und dem Nebel drumherum. Und aus dieser Lade sprang sie hervor: Ulli. Meine Schwester. Mein persönlicher Feldwebel in Zöpfen. Ich sehe sie noch genau vor mir – große Augen, wild fuchtelnde Arme, und ein Organ, das locker mit jedem Megafon konkurrieren konnte. Wenn Ulli rief, kamen wir alle angerannt. Nicht aus Angst, sondern weil man sonst einfach nicht mitspielen durfte. Und das war schlimmer als Hausarrest ohne Fernseher. „Wir spielen Fußball!“ rief sie. Und ich wusste: Jetzt wird’s ernst. „Willi, du bist im Tor!“ – Natürlich war ich im Tor. Ich war IMMER im Tor. Ich hatte die Beweglichkeit einer müden Schildkröte, aber Ulli sagte, ich sei „verlässlich“. Das war ihr Codewort für „du bist zu langsam zum Weglaufen“. Dirk wurde rechter Verteidiger, Erhard Stürmer, und der Rest – ein ganzer Haufen Kinder, die aussahen wie eine Mischung aus Räuberbande und Zirkustruppe – wurde von Ulli taktisch verteilt wie Schachfiguren. Wer motzte, flog raus. „Peng!“ sagte sie dann. Und das war kein Scherz. Ulli war gnadenlos. Sie war nicht nur Spielführerin, sie war auch Schiedsrichterin, Trainerin und, wenn’s sein musste, auch Platzwart. Und wir? Wir folgten ihr wie die Lemminge – glücklich, dass jemand wusste, was zu tun war. Ich glaube, das war das Geheimnis: Ulli hatte einen Plan. Und wir hatten Spaß. Heute, viele Jahrzehnte später, sitze ich hier mit einem Tee, der mehr Zucker als Flüssigkeit enthält, und denke zurück. Diese Zeiten – sie waren laut, chaotisch, und voller kleiner Dramen. Aber sie waren auch warm, lebendig und irgendwie... echt. Wir haben uns alle aus den Augen verloren. Jeder ging seinen Weg. Manche geradeaus, manche mit Umwegen, und ich... na ja, ich bin irgendwann einfach stehen geblieben und hab angefangen zu träumen. Was bleibt, sind diese Erinnerungen. Sie sind wie alte Fotos – leicht vergilbt, aber voller Leben. Und wenn ich die Augen schließe, höre ich sie wieder: „Willi, du bist im Tor!“ Und ich lächle. Denn manchmal ist ein Befehl der schönste Liebesbeweis.“
„Wir spielen Fußball!“ rief sie. Und ich wusste: Jetzt wird’s ernst.
„Willi, du bist im Tor!“ – Natürlich war ich im Tor. Ich war IMMER im Tor.
Samstag, 30 August 2025
Also passt auf – ich mach die Augen zu und zack, bin ich wieder da: Was soll ich euch sagen – manchmal öffnet sich so eine alte Erinnerungsschublade ganz von allein, wie ein alter Sekretär, der plötzlich meint, mir seine Geheimnisse verraten zu müssen.Also passt auf: Es hatte geregnet. Nicht so ein bisschen Nieselregen wie bei langweiligen Spaziergängen mit meinen Freunden – nein, richtiges Matschwetter! Und das war für mich, Willi, acht Jahre alt und offizieller Pfützen-Tester der Ackerstraße, das beste Wetter überhaupt. Ich stapfte mit meinen grünen Gummistiefeln durch die Gegend, als plötzlich etwas in einer Pfütze wackelte. Ich beugte mich runter – und da waren sie: Hunderte kleine schwarze Kaulquappen! Die sahen aus wie Mini-U-Boote mit Schwänzchen, die wild durch die Pfütze düsten. Ich rief: „Jungs! Die Kaulquappen sind da! Operation Quappensichtung beginnt!“ Sie kamen alle angerannt – bewaffnet mit Marmeladengläsern, Joghurtbechern und einem alten Suppenlöffel, den ich aus der Küche geklaut hatte (Mama hat ihn später vermisst, aber ich hab gesagt, er sei auf geheimer Mission gewesen).Die Kaulquappen waren flink. Ich hab versucht, eine mit dem Löffel zu erwischen, aber die glitschte weg wie ein Seifenstück auf Fluchtmodus. Mein Freund Dieter meinte, man müsse sich „anschleichen“. Ich hab mich also auf den Bauch gelegt, robbte zur Pfütze und flüsterte: „Ich bin ein Grashalm… ich bin unsichtbar…“ – und zack! Eine Kaulquappe im Glas! Ich war so stolz, ich hab sie „Karl-Quappe“ genannt. Und dann kam die große Idee: Wir bauen ein Kaulquappen-Zoo! Mit verschiedenen Becken – Pfütze A, Pfütze B, und das große Teichbecken (ein alter Eimer mit Loch, aber wir waren optimistisch). Wir beobachteten sie stundenlang. Manche hatten schon winzige Beinchen, andere sahen noch aus wie kleine Gummibärchen mit Schwanz. Ich hab Karl-Quappe sogar ein Blatt angeboten, aber er hat mich nur angeschaut, als wollte er sagen: „Willst du mich veräppeln, Willi? Ich bin noch nicht mal ein Frosch!“ Am Ende des Tages haben wir alle Kaulquappen wieder freigelassen. Ich hab Karl-Quappe ins Wasser gesetzt und gesagt: „Mach’s gut, mein Freund. Werd ein großer Frosch. Und wenn du mal quakst – denk an mich.“ Dann bin ich nach Hause gestapft, voller Matsch, voller Glück – und mit dem festen Glauben, dass ich irgendwann Tierforscher werde. Oder zumindest Kaulquappenflüsterer.!“
Manche hatten schon winzige Beinchen, andere sahen noch aus wie kleine Gummibärchen mit Schwanz.
Samstag, 30 August 2025
Also, ich bin Willi. Acht Jahre alt, stolzer Besitzer von zwei Gummistiefeln, einer Dose voll Regenwürmer und einer Angel, die eigentlich ein Stock mit Mamas Nähgarn ist. Und ich sag euch was: Der coolste Ort der Welt war für uns Kinder damals nicht der Spielplatz, nicht die Eisdiele – sondern der Ententeich an der Ackerstraße. Da, wo heute Tor 5 von thyssenkrupp steht. Damals war da noch nix mit Stahl und Schichtarbeit – nur ein Teich, ein bisschen Matsch und ganz viel Abenteuer. Jeden Tag nach der Schule ging’s los: Ranzen in die Ecke, Angel geschnappt, Würmer gesucht. Und das war schon die erste Herausforderung. Regenwürmer sind nämlich schneller als man denkt. Ich hab mal einen fast gehabt, aber dann hat er sich wie ein Ninja in den Boden gebohrt. Ich hab geschrien: „Mamaaaa, der Wurm ist abgehauen!“ – und sie nur: „Dann grab tiefer, Willi.“ Also hab ich gegraben. Und gegraben. Und irgendwann hatte ich eine ganze Wurmsammlung in einem alten Marmeladenglas. Die haben sich da drin gewunden wie beim Limbo-Tanz. Dann ging’s zum Teich. Meine Angel war ein Stock, der so lang war wie ich selbst – mit Zwirn dran, den ich heimlich aus Mamas Nähkasten geklaut hab. Ich hab den Wurm drangebunden, aber nicht zu fest, sonst hatte ich plötzlich zwei halbe Würmer. Und das mochten die Stichlinge nicht. Die wollten den Deluxe-Wurm – ganz und zappelnd. Am Teich saßen wir dann wie die Profis. Ich hab meine Angel ins Wasser gehalten und die Stichlinge kamen angeschwommen wie bei einem Buffet. Die sind um den Wurm rumgeschwommen, haben ihn angestupst, als wollten sie sagen: „Na, was bist du denn für einer?“ Und manchmal – ZACK! – hat einer angebissen. Dann musste man schnell sein. Angel raus, Fisch festhalten – aber nicht zu fest! Denn die Stichlinge hatten Stacheln. Und wenn man nicht aufpasste, hatte man plötzlich einen Stachel im Finger und der Fisch grinste einen an, als hätte er gerade „Ätsch!“ gesagt. Ich hab ihn dann fallen lassen und bin rumgehüpft wie ein Frosch auf Koffein. Apropos Frösche: Wenn’s geregnet hat, war der ganze Weg zum Teich voller Pfützen – und in den Pfützen war Froschlaich. Und kurz danach: Kaulquappen! Überall! Ich hab mal versucht, eine zu fangen, aber die waren schneller als meine Gummistiefel. Ich bin ausgerutscht, mitten in die Pfütze, und sah aus wie ein lebendiger Matschklumpen. Meine Freunde haben gelacht, ich hab gelacht – und Mama hat später nicht gelacht, als sie meine Hose gesehen hat. Am Ende des Tages war mein Glas voll mit Stichlingen, meine Finger voller Stachel-Piekser und mein Herz voller Stolz. Ich bin nach Hause gelaufen wie ein König mit seiner Beute. Und Papa hat gesagt: „Na, Willi, hast du den Teich leergeangelt?“ – und ich nur: „Fast! Morgen mach ich weiter!“
Also hab ich gegraben. Und gegraben.
Und irgendwann hatte ich eine ganze Wurmsammlung in einem alten Marmeladenglas.
Samstag, 30 August 2025
Manchmal… manchmal laufe ich einfach los. Ohne Ziel. Nur meine Schritte, der Wind, ein paar Stimmen in der Ferne. Und meine Gedanken, die immer mitgehen. Ich denke über Stress nach. Über diesen ständigen Druck, der sich wie ein Rucksack anfühlt – schwer, obwohl ich ihn jeden Tag aufs Neue schulter. Und dann sag ich mir: Stress gehört doch irgendwie dazu. Wer leben will, muss was leisten, muss wirken, muss taugen, sagt man. Ja, das klingt so, als wäre Leben nur dann richtig Leben, wenn man's sich verdient. Aber ehrlich – das bringt mich oft außer Atem. Die Angst treibt mich an. Sie flüstert: „Tu was!“ Sie macht mich unruhig, lässt mich planen, organisieren, machen. Und während ich all das tue, verliere ich das, worum’s doch eigentlich geht: Freude. Glück. Hoffnung. Diese leisen, warmen Gefühle, die das Leben wirklich lebenswert machen. Und dann – dann sehe ich Vögel. Da sitzen sie, auf einem Ast oder hopsen durchs Gras. Kein Stress, keine Eile. Sie tun, was notwendig ist. Jeden Tag. Zur rechten Zeit. Sie leben einfach. Und das Leben… das haben sie geschenkt bekommen. Ich bleibe stehen. Schaue. Und frage mich: Warum kann ich das nicht auch? Einfach leben, nicht alles kontrollieren. Das Unbesorgbare einfach lassen. Denn wer sich zu viel sorgt, wird blind für Geschenke. Und am Ende? Da sind sie, die Reichen, die sich leer fühlen. Die Gesunden, die nicht heil sind. Die Satten, denen etwas fehlt. Die Lebenden, die innerlich doch still geworden sind. Also schau ich wieder zu den Vögeln. Unter dem Himmel. Und denke: Wenn für sie gesorgt ist, warum sollte ich ausgeschlossen sein? Vielleicht darf ich glauben, dass auch für mich gesorgt wird. Vielleicht darf ich einfach ein wenig loslassen.
Freude. Glück. Hoffnung. Diese leisen, warmen Gefühle, die das Leben wirklich lebenswert machen.
Mittwoch, 2. November 2005
Ein Tag, den ich mir am liebsten aus dem Kalender radiert hätte. Der TÜV-Termin stand an – und ich? Ich war ein nervliches Wrack mit Magengrummeln deluxe. Mein Auto, mein treuer Gefährte, sollte auf Herz und Nieren geprüft werden. Und ich? Ich hoffte inständig, dass der Prüfer keinen Streit mit seiner Frau hatte oder versehentlich entkoffeinierten Kaffee getrunken hatte. Schon auf dem Weg zum TÜV hörte ich jedes Geräusch doppelt. War das ein Klappern? Ein Quietschen? Oder einfach mein Puls, der gegen die Windschutzscheibe trommelte? Dann kam der Moment. Der Mann mit dem Klemmbrett. Der TÜV-Gutachter. Er kam auf mich zu wie ein Sheriff in einem Western – nur ohne Hut, aber mit dem gleichen Gesichtsausdruck: „Den Fahrzeugschein bitte.“ Panik. Wo war der verdammte Schein? Ich saß drauf! Natürlich. In der Gesäßtasche, wo er sicher und unauffindbar ruhte. Ich sprang aus dem Auto wie ein Flummi, riss die Tür auf, griff nach der Brieftasche – und ließ sie prompt fallen. Bravo, Willis. Ganz großes Kino. Mit zitternden Fingern übergab ich das Dokument, als wäre es ein Geständnis. Der Prüfer nickte. Ich nickte. Mein Magen machte einen Flickflack. Dann begann der TÜV-Parcours: Lenkrad drehen, Licht an, Licht aus, Blinker links, Blinker rechts, Hupe – oh Gott, die Hupe klingt wie ein erkälteter Hamster. Und dann… die Grube. Der Mann verschwand unter meinem Auto. Ich hörte Rütteln, Schütteln, Fluchen? Nein, das war ich innerlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte er wieder auf – mit einem Gesichtsausdruck wie ein Mathematiklehrer, der gerade eine Klassenarbeit korrigiert hat. Nicht gut. Er verschwand in seine Kabine. Ich schlich vorbei, versuchte einen Blick zu erhaschen. Er schrieb. Und schrieb. Und schrieb. Ich sah mein Auto schon auf dem Schrottplatz, umringt von traurigen Ersatzteilen. Doch dann – ein Wunder! Er kam raus, murmelte etwas von „82 Euro“ und begann, die neuen Plaketten anzubringen. Ich war wie vom Blitz getroffen. Vor Freude! Ich bezahlte, sprang ins Auto und fuhr los – mit einem Jodeln, das selbst in den Alpen für Aufsehen gesorgt hätte. Ein Fußgänger schaute mich an, als hätte ich gerade ein Lama auf dem Beifahrersitz. Ich winkte ihm zu, trat aufs Gas und dachte: „Willis TÜV – bestanden. Aber nächstes Jahr fahr ich mit Beruhigungstee.“
Lenkrad drehen, Licht an, Licht aus, Blinker links, Blinker rechts, Hupe
– oh Gott, die Hupe klingt wie ein erkälteter Hamster.
Mittwoch 20 August 2025
Alsooo, Leute, haltet euch fest! Ich muss euch was erzählen, das ist so verrückt, das glaubt ihr mir nie. Ich, Willi – 14 Jahre, frisch aus der Schule raus und direkt ins Arbeitsleben katapultiert, wie so’n Gummiball, den man zu fest auf den Boden knallt. Mein Papa meinte, ich soll mal „zu Kräften kommen“ (was auch immer das heißen soll), und hat mich nach Böken geschickt – das ist in Holstein, da wo ich geboren wurde. Voll das Kaff, aber mit Kühen. Viele Kühe. So, ich also auf’m Bauernhof, voll motiviert (na ja, sagen wir halbmotiviert), und meine Aufgabe war: Kühe von der Weide zur Melkmaschine bringen. Easy, dachte ich. Normalerweise stehen die Kühe da schon wie beim Aldi an der Kasse, bereit zum Melken. Aber an dem Tag? NIX. Keine einzige Kuh. Einfach leer. Ich dachte erst, ich bin im falschen Film. Ich stapf also los, über die Weide, ruf wie so’n Cowboy: „Kommt, kommt ihr Kühe!“ – aber nix kommt. Nicht mal ein Muuuh. Ich über die Kuppe, und dann... BAM! Ich seh sie. Alle Kühe liegen da rum wie kaputte Luftmatratzen, mit Bäuchen so dick wie Wasserbälle. Ich schwöre, ich dachte kurz, die haben sich heimlich mit Helium vollgepumpt für ’ne Kuh-Party oder so. Aber Spaß beiseite – die schnappen nach Luft, als hätten sie grad ’nen Marathon unter Wasser gemacht. Ich krieg voll Panik, weil ich mich erinner, dass in Innien (das Dorf nebenan, kennt ihr eh nicht) mal ’ne Kuh fast geplatzt ist. Kein Witz! Ich renn wie ein Irrer zum Bauern, schrei irgendwas von „Kuh-Explosion!“ – und der ruft den Tierarzt. Und jetzt kommt’s: Der Tierarzt war eh schon da! Wegen Schweinegeburt oder so. Der Typ sprintet rüber, zieht so’n komisches Rohr raus – sah aus wie ’ne Mischung aus Fahrradpumpe und Alien-Werkzeug – und sticht damit jeder Kuh in den Bauch. Und dann: ZISCHHHH! Wie wenn du ’nen Luftballon aufpiekst. Die Kühe schrumpfen einfach! Zack, Bauch weg, Kuh steht auf, schüttelt sich, und rennt los, als wär der Teufel persönlich hinter ihr her. Ich stand da mit offenem Mund und dachte nur: „Was zur Hölle war das gerade?“ Aber hey – alle Kühe gerettet, keine ist geplatzt, und ich hab sie dann doch noch zur Melkmaschine gebracht. Und jetzt weiß ich: Kühe sind nicht nur Milchmaschinen, sondern auch wandelnde Überraschungseier.
Kühe von der Weide zur Melkmaschine bringen. Easy, dachte ich.
Normalerweise stehen die Kühe da schon wie beim Aldi an der Kasse, bereit zum Melken.
Aber an dem Tag? NIX. Keine einzige Kuh.
Lasst euch den Text einfach vorlesen, ist nicht so anstrengend.
Klickt auf den Wiedergabeknopf, lehnt euch zurück und hört einfach zu.
Dienstag 19 August 2025
Also, das war so:
Also passt auf – ich mach die Augen zu und zack, bin ich wieder da: kleiner Hosenscheißer mit Schultasche auf dem Rücken und einer Mission im Herzen. Es war irgendwann Ende der 50er, und ich war mal wieder auf dem Weg zur Deponie in Alsum. Warum? Keine Ahnung. Abenteuer vielleicht. Oder weil ich dachte, da gibt’s was zu entdecken – wie Indiana Jones, nur mit Fahrrad und Pflaster statt Peitsche.
Aber bevor man da hinkam, musste man diesen fiesen Berg hoch. Ich schwöre, der war für mich wie der Mount Everest für Reinhold Messner – nur ohne Schnee, dafür mit Schotter und Schweiß. Mein Fahrrad? Ein treuer Begleiter, aber bergauf eher ein fauler Esel. Also stieg ich oft ab und schob. Und schob. Und fluchte leise, damit Mama nix hört.
Doch an diesem Tag – diesem Tag – hatte ich eine Eingebung. Ich, Willi, der kleine Daniel Düsentrieb aus Walsum, hatte eine Idee, die die Welt verändern sollte. Ich fuhr zurück nach Hause, schraubte das Vorderrad raus und setzte ein kleineres ein, das ich vom Schrotthändler am Bahnhof geklaut... äh, besorgt hatte. Meine Theorie: Wenn’s bergab leichter geht, dann muss es mit kleinem Vorderrad auch bergauf leichter gehen. Logisch, oder?
Also wieder rauf auf den Drahtesel und ab zum Alsumer Berg. Und siehe da – ich kam ganze drei Meter weiter als sonst! Ich war begeistert. Ich war ein Genie. Ich war... na ja, zumindest überzeugt von mir selbst.
Aber ich wäre ja nicht Willi, wenn ich nicht noch einen draufsetzen würde. Mein Tretroller musste herhalten. Das Rad vorne war noch kleiner – also musste es ja noch besser funktionieren. Denkste. Ich kam nicht mal bis zur alten Markierung. Aber ich schob das auf meine Ausdauer. War ja schon das dritte Mal heute, dass ich den Berg bezwingen wollte. Ich war quasi der Rocky Balboa von Walsum.
Dann kam der große Moment: Ich wollte meine Erfindung meinen Geschwistern zeigen. Stolz wie Oskar stieg ich aufs Rad und fuhr den Berg runter. Und dann... kam die Schwerkraft. Und zwar mit voller Wucht. Das kleine Rad vorne machte einen auf Stuntman, ich kippte über den Lenker, landete auf dem Schotter und mein Fahrrad rollte fröhlich ohne mich weiter – direkt in den Zaun der Thyssenhütte. Ich lag da wie ein gestrandeter Seestern, mit Schürfwunden an Knie, Ellenbogen und Händen. Ich sah aus wie ein lebendiger Pflasterkatalog.
Das Fahrrad verschwand für zwei Wochen im Stall. Meine Erfindung gleich mit. Und ich? Ich lernte später in der Schule, was es mit der Schwerkraft auf sich hat. Newton hätte sicher applaudiert – oder gelacht. Wahrscheinlich beides.
Ich lag da wie ein gestrandeter Seestern, mit Schürfwunden an Knie, Ellenbogen und Händen.
Ich sah aus wie ein lebendiger Pflasterkatalog.
Sonntag 17 August 2025
Also, das war so:
Es war ein ganz gewöhnlicher Nachmittag, als das Lied plötzlich aus dem Radio klang. „Marina, Marina, Marina…“ – und mit einem Schlag war ich wieder zehn Jahre alt. Die Melodie wirbelte Staub auf in meinem Gedächtnis, riss Türen auf, die längst verschlossen schienen. Ich schloss die Augen – und war wieder da. In Walsum. Auf dem Schulhof der Dittfeldschule. Ich war ein schüchterner Junge mit viel Fantasie und wenig Mut. Und sie? Sie war aus meiner Parallelklasse. Marina. Ja, sie hieß wirklich so. Lange, goldene Haare, große Augen, ein roter Mund, der aussah, als hätte ihn jemand mit Kirschsaft gemalt. Ich konnte kaum atmen, wenn sie in der Nähe war. Und sie wusste es. Natürlich wusste sie es. Marina war kein gewöhnliches Mädchen. Sie war klug, selbstbewusst und hatte dieses Lächeln, das einem den Boden unter den Füßen wegzog. Sie spielte mit den Blicken, mit den Jungs – und ich war einer von ihnen. Einer, der sich hoffnungslos in sie verliebt hatte.
Dann kam die Klassenfahrt ins Schullandheim nach Bronsfeld. Für mich war das wie ein Abenteuerroman, in dem ich der Held sein wollte – und sie die Prinzessin. Doch das Kapitel, das sich dort schrieb, war anders als erhofft.
Es war früher Abend, die Sonne warf lange Schatten auf die Flure. Ich wollte nur kurz ins Badezimmer. Die Tür war nicht abgeschlossen, also trat ich ein – und da stand sie. Marina. Allein. Vor dem Spiegel. Ich hielt den Atem an.
Sie hatte sich die Lippen mit Zahnpasta eingerieben. Ich starrte sie an, verstand nichts. Sie erschrak, drehte sich zu mir um, ihre Augen weit, ihr Mund – weiß verschmiert. „Raus!“, schrie sie. Ich zuckte zusammen, drehte mich um – und rannte gegen die Tür, die ich eben noch geöffnet hatte.
Später erklärte mir eine Mitschülerin, was ich gesehen hatte. Zahnpasta, sagte sie, mache die Lippen voller, roter. Ein Trick, den Mädchen benutzen, um hübscher zu wirken. Ich war sprachlos. Alles ergab plötzlich Sinn. Und gleichzeitig wusste ich: Marina würde mich nie wieder anschauen. Und so war es auch.
Aber das Lied? „Marina, Marina, Marina…“ – es bleibt. Es ist wie ein Fenster in eine Zeit, in der alles noch neu war. In der ein Blick alles bedeutete. In der ein roter Mund mein Herz schneller schlagen ließ.
Ich schalte das Lied nicht aus. Ich lasse es laufen. Denn es war doch so schön.
Ich erstarrte. Sie hatte sich die Lippen mit Zahnpasta eingerieben.
Ich verstand gar nichts. Stand da wie eine Salzsäule, mit offenem Mund.
Samstag 16 August 2025
Also, das war so:
Was soll ich euch sagen – ich war eigentlich nur kurz an der Tanke. Ganz harmlos. B8, Walsum, Samstag, Sonne scheint, ich tanke. Und dann passiert’s: Bämm! Ein Liedfetzen, kaum drei Sekunden lang, schallt aus dem Lautsprecher der Tankstelle. Und zack – ich bin nicht mehr in Walsum. Ich bin nicht mal mehr im Jahr 2025. Ich bin plötzlich wieder Willi, 16 Jahre jung, mit Pickeln, Pomade im Haar und einem Hang zu Abenteuerromantik.
Ich sag’s euch: Manchmal öffnet sich so eine Erinnerungsschublade ganz von allein. Wie ein alter Kumpel, der plötzlich neben dir steht, dir auf die Schulter klopft und sagt: „Ey, weißt du noch?“ Und du denkst: „Oh Junge, das hab ich ja völlig vergessen!“ Und genau so war’s.
Die Meeuw 2 – mein schwimmendes Jugendzimmer
Es war irgendwann um 1968. Ich war auf der Meeuw 2, einem kleinen Schiff, das so alt war, dass selbst die Möwen drüber gelacht haben. Ich träumte, das Ding wäre ein Kümo – ein Küstenmotorschiff, das sich tapfer durch die Wellen kämpfte, als wär’s ein Piratenschiff auf Schatzsuche. Wir lagen im Hafen von Rotterdam und warteten auf unsere Ladung. Der Kapitän war in der Stadt, wahrscheinlich auf der Jagd nach holländischem Käse oder neuen Gummistiefeln – wer weiß das schon.
Ich, der junge Willi, lag in meiner Koje, die so gemütlich war wie ein Schuhkarton mit Decke. Und was lief? Radio Nordsee International – der coolste Piratensender, den man damals kriegen konnte. Der sendete von einem alten Schiff vor Noordwijk, außerhalb der Dreimeilenzone, damit ihn keiner hops nehmen konnte. Ich fand das mega. Ein Radiosender, der sich nicht an Regeln hielt – das war Rock’n’Roll pur!
„Man of Action“ – mein Soundtrack zur Seekrankheit
Und dann kam sie: Die Erkennungsmelodie. „Man of Action“. Wenn die lief, wusste ich: Jetzt geht’s los. Ich lag in meiner Koje, das Schiff schaukelte wie ein betrunkener Flamingo, und ich fühlte mich wie der König der Nordsee. Ich war jung, frei, und hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen sollte – aber das war völlig egal. Ich hatte Musik, Wellen und das Gefühl, dass die Welt mir gehörte.
Zurück an der Tanke – mit einem Fuß in der Vergangenheit
Und jetzt, Jahrzehnte später, stehe ich an der Zapfsäule, und dieser kleine Liedfetzen katapultiert mich zurück. Fast 60 Jahre! Ich sehe mich wieder in der Koje, höre das Rauschen der Wellen, spüre den Dieselgeruch und denke: „Verdammt, das war eine geile Zeit.“ Und das alles wegen eines Liedes, das ich beim Vorbeifahren an der Tanke hörte. Verrückt, oder?
Also, falls ihr mal an der B8 in Walsum tankt und plötzlich das Gefühl habt, ihr seid auf einem Piratenschiff in den 70ern – keine Sorge. Das ist nur Willi, der wieder mal in Holland unterwegs ist.
Und Radio Nordsee International sendet immer noch – zumindest in meinem Kopf.
Radio Nordsee International
Ich lag in meiner Koje, das Schiff schaukelte in meinen Gedanken wie ein betrunkener Flamingo, und ich fühlte mich wie der König der Nordsee.
Die Erkennungsmelodie des Senders war
„Man of Action“
Sonntag 16 August 2025
Also, das war so:
Alsooo, pass auf! Ich erzähl dir jetzt was, und zwar so richtig, wie ich’s erlebt hab – mit allem Drum und Dran, wie in einem Abenteuerfilm, nur ohne Popcorn. Ich war zehn Jahre alt, also quasi ein halber Erwachsener, und das war irgendwann in den 60ern, als die Milch noch aus dicken Flaschen kam, die aussahen wie kleine Milchbomben. Die gab’s im Abo, und ich schwör, die waren so dick, man hätte damit locker einen kleinen Drachen erschlagen können – wenn man einen gehabt hätte.
In der Pause saßen wir alle rum, schlürften unseren Kakao wie Könige, und dann kam unser Lehrer – Herr Bold oder vielleicht auch Herr Irgendwer – und sagte: „Kinder, wir fahren ins Schullandheim nach Bronsfeld!“ Und ich so: „Was? In die Eifel? Ist das da, wo die Ritter wohnen?“ Ich war sofort Feuer und Flamme. Aber wir mussten unsere Eltern fragen, ob wir mitdürfen, und ob sie ein bisschen Geld locker machen. Ich hatte Glück – vielleicht, weil ich so lieb war oder weil meine Eltern dachten: „Endlich mal Ruhe zu Hause!“ Jedenfalls durfte ich mit.
Die Reise ins Abenteuerland
Dann kam der große Tag! Wir stiegen in einen Reisebus, der so alt war, dass ich dachte, der fährt mit Dampf oder mit Zauberkraft. Der Bus röhrte wie ein Löwe mit Bauchweh und brachte uns in die Eifel, nach Bronsfeld. Das Schullandheim war riesig! Ein echtes Abenteuerhaus, direkt am Hang, mit Blick auf einen Wald, der so geheimnisvoll aussah, dass ich sicher war: Da wohnen mindestens drei Hexen, ein Troll und ein sprechender Waschbär.
Wir wurden auf Zimmer verteilt, und ich hab mir sofort das Bett am Fenster geschnappt – oben natürlich, wie ein echter König! Ich richtete es mir ein wie ein Thron, mit meiner Taschenlampe, meinem Comic und meinem geheimen Vorrat an Lakritzschnecken. Alles war perfekt.
Die Nacht der Nächte
Als wir abends ins Bett mussten, war ich gar nicht müde. Ich lag da oben, schaute aus dem Fenster und fühlte mich wie ein Astronaut auf Beobachtungsposten. Der Wald glitzerte im Mondlicht, und ich dachte: „Wenn jetzt ein Ufo landet, bin ich der Erste, der’s sieht!“ Und dann – mitten in der Nacht – wurde ich wach. Einfach so. Ich schaute aus dem Fenster und dachte: „Wow, die Luft ist warm, vielleicht kommt gleich ein Sommergeist vorbei.“
Aber dann… DANN passierte es.
Das Fenster wurde plötzlich dunkel. Einfach so. Als hätte jemand einen riesigen Vorhang davor gezogen. Ich starrte raus – und da war ER. Ein Adler. Aber nicht irgendein Adler. Nein, ein MONSTERADLER! So groß wie ein Kleinbus! Seine Flügel waren wie Teppiche, seine Augen glühten wie Taschenlampen, und seine Krallen… seine Krallen waren wie Gartenscheren aus der Hölle!
Ich konnte nicht schreien. Ich konnte nicht blinzeln. Ich konnte nicht mal pupsen vor Angst. Ich dachte: „Jetzt holt mich der Heilige Geist zum Feuermachen in die Hölle!“ (Keine Ahnung, warum ich das dachte, aber es klang dramatisch.)
Und dann – zack! – war er weg. Einfach weg. Als hätte jemand auf „Stopp“ gedrückt. Ich lag da, völlig durchgeschwitzt, und dachte: „War das ein Traum?“ Aber ich hab mir in den Oberschenkel gekniffen – richtig fest! Und ich schwör dir, ich hatte tagelang einen blauen Fleck. Beweisstück Nummer eins!
Das große Rätsel
Am nächsten Morgen hab ich allen davon erzählt. „Ein Adler! Ein Riesenadler! Der wollte mich holen!“ Aber keiner hat mir geglaubt. Die haben nur gelacht und gesagt, ich hätte zu viele Comics gelesen. Aber ich weiß, was ich gesehen hab. Und ich weiß, dass der Adler echt war. Vielleicht war er ein Wächter des Waldes. Oder ein Zauberwesen. Oder einfach nur ein sehr großer Vogel mit einem schlechten Orientierungssinn.
Aber eins ist sicher: Ich werde ihn nie vergessen. Und wenn ich heute aus dem Fenster schaue, denke ich manchmal: „Vielleicht kommt er wieder.
Und diesmal bringt er Freunde mit.“
Hier auf dem Foto, da wo der Feil auf die Dachgaube zeigt, war unser Zimmer.
Freitag 15 August 2025
Was soll ich euch sagen – manchmal öffnet sich so eine alte Erinnerungsschublade ganz von allein, wie ein alter Sekretär, der plötzlich meint, mir seine Geheimnisse verraten zu müssen. Und diesmal hat sie mir ein ganz besonderes Schmankerl serviert: eine Szene aus den späten 60ern, vielleicht war’s auch schon 1970 – die Zeit verschwimmt ja ein wenig, wenn man wie ich schon 72 Jahre auf dem Buckel hat. Aber sobald der Anfang da war, purzelten die Details nur so aus dem Gedächtnis wie Flaschen aus einem löchrigen Einkaufsnetz. Und davon will ich euch erzählen.Damals war ich ein junger Schiffsjunge auf der Meeuw 2, einem stolzen Kahn, der in Ruhrort direkt unterhalb der Schifferbörse anlegte. Der Raddampfer, der heute dort liegt und Touristen beglückt, war damals noch nicht mal eine Idee. Ich hatte Landgang – ein paar Stunden Freiheit! Und wie das so ist, wenn man jung ist und nach Hause fährt: Man will nicht mit leeren Händen kommen. Also packte ich meine sieben Sachen zusammen, darunter ein paar Geschenke für die Familie. Und natürlich – wie es sich gehört – ein Einkaufsnetz. Ihr kennt sie noch, diese Dinger aus Kunststoff mit Maschen so groß, dass man fast durchgreifen konnte. Damals hatte jeder so eins, das war quasi Standardausrüstung.In dieses Netz legte ich zwei Flaschen mit edlem Inhalt. Die eine war ein Black & White Whisky – teuer, aber mit diesen zwei Hunden auf dem Etikett, die mich irgendwie ansprachen. Wahrscheinlich hab ich ihn nur deswegen gekauft. Die andere Flasche war Jenever – damals der letzte Schrei, wenn man was auf sich hielt. Ich also voller Stolz und Vorfreude stieg von Bord und machte mich auf den Weg durch diese Gasse, die heute mit einem Bild von Schimanski geschmückt ist. Damals wie heute: Kopfsteinpflaster, das einem jeden Absatz ruiniert und – wie ich lernen sollte – auch Flaschen nicht gut gesinnt ist.Und dann passierte es. Das Einkaufsnetz, dieses Maschenwunder, entschied sich spontan für eine kleine Fluchtaktion. Eine der Flaschen – ich glaube, es war der Jenever – zwängte sich durch die Maschen, als hätte sie einen eigenen Willen. Und kaum war sie draußen, folgte die zweite gleich hinterher. Beide Flaschen schlugen mit einem lauten Scheppern auf das Pflaster auf, als wollten sie ein Konzert geben. Und ich? Ich stand da, sah den teuren Whisky davonfließen wie einen kleinen Bach der Tränen. Zurück blieb nur das Etikett mit den zwei Hunden.Und ich schwöre euch – ich hörte sie knurren. Diese zwei Hunde auf dem Etikett, als wollten sie mir sagen: „Das hast du jetzt davon, du Tollpatsch!“ Seitdem, jedes Mal wenn ich durch diese Gasse gehe, sehe ich den Whisky fließen und höre die Hunde knurren. Eine Szene, die sich eingebrannt hat wie ein guter Tropfen im Gedächtnis.Ach ja – so war das damals. Und wenn ihr mal in Ruhrort seid, schaut euch die Gasse an. Vielleicht hört ihr sie auch knurren. Aber bringt lieber kein Einkaufsnetz mit.

Das Einkaufsnetz, dieses Maschenwunder, entschied sich spontan für eine kleine Fluchtaktion.
Lasst euch den Text einfach vorlesen, ist nicht so anstrengend.
Klickt auf den Wiedergabeknopf, lehnt euch zurück und hört einfach zu.
Freitag 15 August 2025
Also passt auf – ich schließe die Augen und zack, da bin ich wieder mittendrin: Es war irgendwann zwischen 1985 und 1991, als ich bei Hartung in Walsum als Lkw-Fahrer unterwegs war. Wir kutschierten Sand, Schotter und allerlei Geröll durch Duisburg, meist zur Schiffsbeladung oder zur Deponie in Wehofen. Ein Job wie jeder andere – dachte ich zumindest.
Der ganz normale Wahnsinn auf der Thyssenhütte
An dem Tag wollte ich mit meinem Sattelzug zur Ladestelle. Ich ließ mich leer einwiegen und fuhr zügig los, denn ich wusste: Die Radladerfahrer machen um diese Zeit Pause. Wenn ich Glück hatte, erwischte ich noch einen vor dem Pausenkaffee. Doch kaum bog ich um die Ecke, da stand er vor mir – der Caterpillar 800K. Kein Radlader, sondern ein rollender Schrank auf Steroiden. Normalerweise wühlt der sich durchs Schlackebeet, aber heute war er auf der Straße unterwegs. Und dann ging alles blitzschnell.
Monster trifft Kleinwagen – fast wie Godzilla in der Fußgängerzone
Der Fahrer sah mich, wollte mir noch schnell was aufladen und legte den Rückwärtsgang ein – mit einem Tempo, das man sonst nur vom Formel-1-Start kennt. Leider übersah er dabei einen kleinen PKW, der direkt hinter ihm fuhr. Und zack – fuhr er auf die Haube, als wäre sie Teil des Parkplatzes. Kurz vor der Frontscheibe kam er zum Stehen. Doch der Schreck ließ ihn wieder nach vorne fahren – und er rollte nochmal über die Haube, diesmal runter. Ich schwöre euch, ich hab in dem Moment kurz überlegt, ob ich nicht doch lieber Briefmarken sammle.
Der Fahrer im PKW: zwischen Schockstarre und göttlicher Eingebung
Der ältere Herr im Auto saß da, als hätte er gerade Moses auf dem Beifahrersitz gesehen. Kein Ton, nur Zittern. Als er endlich ausstieg, sahen wir: ein bisschen Blut an den Fingern, sonst nichts. Der Mann hatte mehr Glück als ein Lottogewinner mit Schutzengel-Abo. Und was sagt er? „Ich wollte morgen in Urlaub fahren.“ Na, das nenn ich mal einen Start in die Ferien mit Adrenalin-Upgrade.
Was ich gelernt habe?
Dass diese Warnschilder mit „Abstand halten“ nicht nur Deko sind. Der Radladerfahrer konnte den PKW schlicht nicht sehen – das Ding ist so groß, da könnte man einen Kleinbus drunter parken und es würde keiner merken.
Und zum Schluss:
Seitdem halte ich nicht nur Abstand zu Radladern, sondern auch zu allem, was größer ist als mein Kühlschrank. Und wenn ich heute einen Caterpillar sehe, grüße ich ihn höflich – man weiß ja nie, ob er gerade rückwärts denkt.
Normalerweise wühlt der sich durchs Schlackebeet, aber heute war er auf der Straße unterwegs.
Donnerstag 14 August 2025
Ich war ungefähr zehn Jahre alt, glaub ich. So ganz genau weiß ich das nicht mehr. Mutti war damals im Krankenhaus oder vielleicht in so ’ner Mütterkur – das hat man mir gesagt, aber ich hab das nie richtig verstanden. Jedenfalls war sie nicht da. Und weil sonst keiner da war, der auf uns aufpassen konnte, mussten wir ins Kinderheim.Wer alles von meinen Geschwistern dabei war? Hm... das weiß ich nicht mehr so genau. Ich glaub, Ulli war da. Und Lindi. Und Heidi auch. Aber ob noch jemand dabei war – keine Ahnung. Mein Kopf will das einfach nicht mehr rausrücken. Ich hab da so ’ne Erinnerungslade im Kopf, und wenn ich die aufmach, kommen nur ganz blasse Bilder raus. So wie alte Fotos, die schon fast verblichen sind. Das Heim... das war kein schöner Ort. Ich weiß nicht mehr, wo es war. Ich weiß nur, dass ich mich nicht wohlgefühlt hab. Es war laut, fremd, und irgendwie kalt – nicht nur vom Wetter, sondern auch vom Gefühl her. Ich erinnere mich an ein paar Sachen, aber die sind nicht schön. Ich glaub, ich hab da oft geweint, aber ich weiß nicht mehr genau warum. Die Erzieherinnen waren streng, und das Essen hat irgendwie immer gleich geschmeckt – so matschig und langweilig. Aber dann kam endlich der Tag, an dem wir wieder nach Hause durften. Ich weiß noch, wie wir durch die Haustür gegangen sind. Es roch so vertraut – wie Zuhause eben. Ich kann den Geruch heute noch fast riechen, wenn ich die Augen zumach. Es roch nach Kohleofen, nach Mutti, nach unserem alten Teppich, und ein bisschen nach Apfelkompott. Und es fühlte sich an wie „endlich wieder daheim“. So richtig warm im Herzen. Im Wohnzimmer stand rechts unser Kohleofen. Und oben drauf – das werd ich nie vergessen – da war ein riesiger Kürbis. So ein ausgehöhlter, mit Augen, Mund und Nase reingeschnitzt. Und innen drin hat eine Kerze gebrannt. Das sah so schön aus! Der Kürbis hat irgendwie gesagt: „Willkommen zurück, Willi.“ Ich hab ihn angestarrt, als wär’s ein Zauberwesen. Ich glaub, ich hab sogar gelächelt, obwohl ich sonst nicht so oft gelächelt hab in der Zeit. Und dann kam Mutti. Sie hat uns in den Arm genommen, ganz fest. Ich weiß nicht, ob sie geweint hat, aber ihre Augen haben geglänzt. Ich hab geweint. Vor Freude. Und Papa war auch da – er hat gestrahlt wie ein Weihnachtsbaum. Er hat uns alle gedrückt, obwohl der sonst immer so ruhig und nachdenklich war. Papa hat gesagt: „Jetzt ist die Familie wieder komplett.“ Und das hat sich richtig angefühlt. Wir haben an dem Abend zusammen gegessen, ich glaub es gab Kartoffelsuppe oder sowas Warmes. Und wir haben gelacht. So richtig gelacht. Das Heim war vergessen. Und ins Heim mussten wir nie wieder. Das war das Beste daran.
Es roch nach Kohleofen, nach Mutti, nach unserem alten Teppich, und ein bisschen nach Apfelkompott.
Mittwoch 14 August 2025
Also passt auf – ich schließe die Augen und zack, da bin ich wieder mittendrin: frühe 90er-Jahre, Spätsommer, so gegen 21 Uhr. Die Luft war warm, der Himmel klar, und unser Garten lag da wie gemalt. Ich saß da, ganz entspannt, Jenny auf meinem Schoß, und kraulte ihr den Rücken, während irgendwo in der Ferne leise Musik aus einem Gartenfest herüberwehte. Ein Abend wie aus dem Bilderbuch. Jenny war ganz ruhig – na ja, bis sie plötzlich anfing, nervös in eine bestimmte Richtung zu starren. Ich dachte mir gleich: „Na, was sieht sie da wieder, was ich nicht sehe?“ Ich meine, Hundeaugen sind ja bekanntlich besser als unsere, und Jenny war sowieso ein kleiner Spürhund mit eingebautem Radar. Dann sprang sie plötzlich von meinem Schoß, lief so schnell, wie eine Rakete fliegen kann in die Ecke des Gartens und fing an zu knurren. Leise zuerst, dann immer lauter. Ich dachte sofort: „Elster-Alarm!“ Denn wenn Jenny eines nicht ausstehen konnte, dann waren es Elstern. Und das hatte einen traurigen Grund. Damals, ein paar Jahre zuvor, hatte sich eine Elster in einer unserer Tannen auf die Lauer gelegt. Sie beobachtete ganz genau, wo die Amsel mit dem Futter hinflog – und zack, als die Amsel kurz weg war, stürzte sich die Elster auf das Nest. Die kleinen Amselkinder hatten keine Chance. Jenny hatte das alles mitbekommen, bellte wie verrückt, versuchte die Elster zu vertreiben – aber sie kam zu spät. Die Schreie der Jungvögel, das war etwas, das sie nie vergessen konnte. Seitdem war jede Elster für sie ein Feindbild auf zwei Flügeln. Aber zurück zum Abend: Jenny knurrte also wie ein kleiner Wachhund deluxe, und ich dachte mir, ich sollte mal nachsehen. Ich stand auf, trottete rüber – und sah erst mal: nichts. Wollte mich schon wieder hinsetzen, als plötzlich aus dem Gebüsch etwas Großes, Grünes, Glitschiges auf mich zu hüpfte. Ich schwöre euch, das Ding war so groß wie ein Huhn! Eine Kröte, ein Monster, ein Amphibien-Albtraum! Ich bin rückwärts gestolpert und – ja, ich geb’s zu – direkt auf meinen Allerwertesten gefallen. Und das, obwohl ich als Kind als „Frosch-Willi“ bekannt war. Ich hatte Frösche in der Hosentasche, Frösche im Schuh, Frösche im Waschbecken (sorry, Mama). Aber so ein Riesenvieh hatte ich noch nie gesehen. Kaum hatte ich mich wieder aufgerappelt, kam noch eine zweite Kröte aus dem Gestrüpp. Jenny bellte jetzt wie verrückt, als wollte sie uns vor einem Angriff der Amphibien-Armee retten. Doch die beiden Kröten ließen sich nicht beirren, krochen seelenruhig unter dem Maschendrahtzaun durch – und waren weg. Einfach so. Nie wieder gesehen. Jenny aber nahm ihre neue Aufgabe sehr ernst. Von diesem Abend an patrouillierte sie täglich am Zaun entlang, auf der Suche nach den „Monstern“. Und ich? Ich kraulte ihr den Rücken und dachte: „Gut gemacht, meine kleine Heldin.“
Aber jedes Mal, wenn ich eine Elster höre, kommt dieser Stich zurück. Die kleinen Amseln, ihre Schreie – das bleibt. Und Jenny, die tapfere Wächterin, hat das nie vergessen.
Ich auch nicht.
Dann sprang sie plötzlich von meinem Schoß, lief so schnell, wie eine Rakete fliegen kann in die Ecke
des Gartens und fing an zu knurren.
Dienstag 13 August 2025
Also, passt auf – ich schließe die Augen und zack, da bin ich wieder mittendrin: frühe 60er-Jahre, Ruhrgebiet, Walsum, Elperstraße. Und nein, das ist kein Zeitsprung aus einem Science-Fiction-Film, sondern mein ganz persönlicher Erinnerungs-Express – ohne Fahrkarte, aber mit ordentlich Bohnerwachs im Gepäck! Ich war ein norddeutscher Bengel, frisch importiert aus Schleswig-Holstein, zusammen mit meinen Eltern und einer wachsenden Schar Geschwister. Wie viele wir damals waren? Keine Ahnung. Aber am Ende waren wir zehn – eine Fußballmannschaft plus Ersatzbank, alle mit dem gleichen Nachnamen und dem gleichen Chaos-Gen. Mein Vater, ein echter Malocher, fand Arbeit unter Tage auf Schacht 2,5. Und weil der Bergbau damals nicht nur Kohle, sondern auch Häuser aus dem Boden stampfte, bekamen wir ein funkelnagelneues Zweifamilienhaus mit einem Garten, der so groß war, dass man darin fast einen Traktor hätte parken können. Für uns war das wie ein Sechser im Lotto – nur ohne Ziehung, aber mit viel Ziehen… an den Putzlappen! Denn jetzt kommt das Highlight: Bohnerwachs! Ja, richtig gehört. Nicht Botox, nicht Bausparvertrag – Bohnerwachs war das Gold unserer Kindheit. Unsere Mutter, die Königin der glänzenden Böden, hat die braunen Kunststofffliesen liebevoll eingerieben, bis sie aussahen wie frisch lackierte Möbel aus einem 50er-Jahre-Katalog. Und dann kamen wir ins Spiel – die kleine Bohnerwachs-Brigade! Jeder bekam einen Putzlappen unter die Füße geschnallt, und los ging’s: Wettrutschen durch die Flure, Tür auf, Anlauf nehmen, und schwupps, wie kleine Curling-Steine flitzten wir über den Boden. Manchmal haben wir uns gegenseitig gezogen, manchmal sind wir einfach nur spektakulär gegen die Wand gerutscht. Die Hosen glänzten wie frisch polierte Motorhauben, und der Duft von Bohnerwachs war unser Eau de Cologne. Wenn ich heute mal mies drauf bin – ihr kennt das, Montagmorgen, Kaffee leer, Socke hat ein Loch – dann öffne ich meine mentale Erinnerungslade. Da steht drauf: „Bohnerwachs“. Und peng, die Laune macht einen Satz wie damals beim Wettrutschen. Wer braucht schon Wellness, wenn man Bohnerwachs hat? Also Leute, wenn ihr mal wieder denkt, die Welt sei zu spießig – denkt an uns, die Bohnerwachs-Rocker von Walsum. Glanz in der Bude, Glanz im Herzen!
Udo Jürgens
Ich war noch niemals in New York
Er zog die Tür zu, ging stumm hinaus,
ins neon-helle Treppenhaus,
es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit.
und auf der Treppe dachte er, wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär,
er müsse einfach geh'n für alle Zeit,
für alle Zeit...
Dienstag 13 August 2025
Lieber Willi, heute nehme ich mir einen Moment — nur für mich. Ich schreibe, weil es so vieles gibt, das in mir klingt, sich bewegt, sich verändert. Vielleicht hast du es selbst schon gespürt: Etwas ist im Wandel. Nicht laut, nicht schlagartig, aber stetig. Wie ein leiser Strom, der sich seinen Weg durch dein Innerstes bahnt. Du denkst nach über die Zeit. Sie vergeht – manchmal zu schnell, manchmal zu langsam. Du wünschst dir, dass manche Augenblicke verweilen, dass du sie festhalten könntest. Aber sie huschen davon, werden Vergangenheit, noch bevor du sie ganz begreifen konntest. Und du fragst dich:
Was bedeutet das alles?
Du hast Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Sicherheit. Nach einem vertrauten Ort – vielleicht auch nach einer früheren Version deiner selbst. Du möchtest verstehen, was dir da entgleitet, möchtest es nicht einfach hinnehmen. Denn du fühlst: Diese Veränderungen tragen Bedeutung. Sie wollen erkannt, vielleicht sogar willkommen geheißen werden. Doch bei all den Fragen, bei allem Suchen – du bewegst dich. Du bist nicht stehengeblieben. Dein Leben ist in Bewegung, auch wenn es dir manchmal wie Stillstand erscheint. Deine Gedanken sind Zeichen dieser Bewegung. Und das allein ist kostbar. Ich möchte dir sagen: Du darfst zweifeln. Du darfst dich zurücksehnen. Und zugleich darfst du neugierig sein auf das, was kommt. Du trägst die Fähigkeit in dir, Wandel zu begreifen – in deinem Tempo, mit deiner Tiefe. Halte inne, wenn du kannst. Nicht um stehenzubleiben, sondern um zu erkennen: Du bist unterwegs. Und du bist nicht allein. In Verbundenheit mit dir, Willi.
Halte inne, wenn du kannst. Nicht um stehenzubleiben, sondern um zu erkennen:
Du bist unterwegs. Und du bist nicht allein.
Dienstag 12 August 2025
Also, das war so:
Ich schließe meine Augen und zack – da bin ich wieder: irgendwo zwischen Bonanza und Beatles, mitten in den frühen 60er-Jahren. Ich, Willi, stolze acht (oder vielleicht zehn?) Jahre alt, mit mehr Flausen im Kopf als Mut in den Knochen. Und dann kam Papa. Mit einem Auftrag, der klang wie aus einem Horrorfilm: „Willi, du musst die Kartoffelkäfer absammeln.“
Kartoffelkäfer?
Ich hatte keine Ahnung, was das für Wesen waren. In meiner kindlichen Fantasie waren das mindestens faustgroße Monster mit Panzer, Klauen und einem Appetit auf alles, was grün war – und vielleicht auch auf kleine Jungs mit Einmachglas. Ich sah sie schon vor mir: mit scharfen Zähnen, die klackerten wie die Scheren eines Hummers auf Speed. Papa drückte mir ein großes Glas in die Hand, als wäre es ein heiliger Gral. „Fang schon mal an, ich komme gleich.“ Gleich? Warum gleich? War das ein Code für „Ich warte, bis du von den Käfern gefressen wirst und rette dich dann heldenhaft“?
Ich schlich zum Beet wie ein Spion auf geheimer Mission.
Und da waren sie. Nicht ein paar – nein, eine ganze Armee! Gelb, gestreift, gepunktet, und mit einem Appetit, der selbst meine Oma beim Sonntagsbraten neidisch gemacht hätte. Die Pflanzen schrien förmlich um Hilfe – ich schwöre, ich konnte sie wimmern hören. Aber dann passierte etwas Unerwartetes: Mein Ekel wurde von meinem Mitleid überholt. Ich, der Käferphobiker, wurde zum Retter der Kartoffelpflanzen. Mit zitternden Fingern und einem Gesichtsausdruck zwischen „gleich übergebe ich mich“ und „ich bin ein Held“ begann ich, die Käfer einzusammeln. Und siehe da – das Glas füllte sich. Und dann noch ein zweites. Papa kam zurück, sah mein Werk und staunte. Ich glaube, er war kurz davor, mir eine Medaille aus Kartoffelschalen zu basteln. Aber ganz ehrlich: Wenn ich heute daran denke, wird mir wieder ganz anders. Ich glaube, ich würde heute eher einen Kartoffelkäfer zum Bürgermeister wählen, als ihn nochmal anzufassen. Ekelhaft war das. Aber hey – ich habe damals meine Pflanzen gerettet. Und ein bisschen meine Würde.
Ich schlich zum Beet wie ein Spion auf geheimer Mission.
Die Pflanzen schrien förmlich um Hilfe – ich schwöre, ich konnte sie wimmern hören.
Dienstag 12 August 2025
Also, das war so:
Ach ja, wenn ich die Augen schließe und die knarzende Tür meiner Erinnerungen öffne, lande ich direkt im Walsum der frühen 60er. Damals war ich ein kleiner Lausbub mit großen Plänen – und noch größerer Neugier. Es war die Zeit, als die B8 noch nicht von PitStop und Zapfsäulen dominiert wurde, sondern von einem halb verfallenen Haus, das aussah, als hätte es mit einem Panzer Schach gespielt – und verloren.
Das Kino im Kraterhaus
Dieses Haus war ein echtes Original: zwei oder drei Stockwerke, je nachdem, wie viel man dem Dach noch zutraute. Die Fassade war übersät mit Einschusslöchern – ob vom Krieg oder von besonders wütenden Tauben, wer weiß das schon. Aber das Beste: drinnen lief ein Kino! Und nicht irgendein Kino, sondern eines, das Filme zeigte, die für uns Halbstarke streng verboten waren. Ab 16 oder 18 – ein echtes Paradies für pubertierende Rebellen wie Dieter Heise und mich.
Die magische Hintertür
Da wir mit unseren 14 Jahren offiziell nicht rein durften, wurde die Hintertür unser Tor zur verbotenen Welt. Mal war sie zu, mal war sie offen – ein Glücksspiel, das wir regelmäßig spielten. Und eines Tages: Jackpot! Die Tür war offen, und wir schlichen uns rein wie zwei Ninjas mit Pomade im Haar.
„Tür zu!“ – Der Klassiker
Kaum hatten wir die Tür geöffnet, passierte das Unvermeidliche: ein greller Lichtstrahl durchbrach die Dunkelheit des Kinosaals wie ein göttlicher Laser. Die Kinobesucher, gerade tief versunken in die Wochenschau, wurden geblendet wie Maulwürfe beim Sonnenbad. Und dann – wie aus einem Chorbuch: „TÜÜÜÜR ZUUUU!“ schallte es durch den Saal. Ich glaube, selbst die Leinwand zuckte zusammen.
Wir schlossen die Tür hastig, als hätten wir gerade das Tor zur Hölle geöffnet, und setzten uns auf zwei freie Plätze. Herzklopfen wie beim ersten Kuss. Doch kaum hatten wir es uns gemütlich gemacht, kam der Platzanweiser – der Chuck Norris unter den Taschenlampenträgern – und leuchtete mir direkt ins Gesicht. „Peng!“ – erwischt. Raus mit uns. Und wieder: „TÜÜÜÜR ZUUUU!“ – diesmal als Abschiedsgesang.
Fazit: Kino, Chaos und Kindheit
So war das damals in Walsum. Ein bisschen verboten, ein bisschen verrückt – und absolut unvergesslich. Wenn ich heute an die „Tür zu!“-Rufe denke, höre ich sie fast wie ein nostalgisches Echo meiner Jugend. Und wer weiß – vielleicht war das der erste Film, in dem ich selbst die Hauptrolle spielte.
Das Filmeck auf der Kolpingstr. / Ecke Friedrich-Ebert-Str. im Jahre 1952,
zerstört durch die Bomben im 2. Weltkrieg. Foto: Christoph Reichwein
Der Junge auf dem Foto mit der kurzen Hose könnte ich gewesen sein, aber wer weiß das schon.
Hier, an der Ecke, wo heute das Mehrfamilienhaus neben PitStop steht, war einst das alte Kino.
Rückblick
Willi und das Spielzeug vom Müll – Die Schatzsuche auf der Deponie
Montag 11 August 2025
Also, das war so:
Es war so Mitte der 60er und ich war wieder mal auf meiner Lieblingsdeponie unterwegs – ja, du hast richtig gehört, Lieblingsdeponie! Für andere war das ein stinkender Müllberg, für mich war’s ein Abenteuerspielplatz mit Überraschungseffekt. Ich war quasi der Indiana Jones von Alsum, nur mit Fahrrad statt Peitsche.
Wenn die LKWs rollten, wurde’s spannend
Die LKWs kamen an, kippten ihre Ladung ab, und ich stand da wie ein Schatzsucher mit Adleraugen. Und dann – Jackpot! Ein ganzer Haufen kaputtes Spielzeug. Ich sag dir, Willi war im siebten Himmel. Da lagen Puppen mit nur einem Bein, Autos ohne Räder, und sogar ein halber Teddybär, der aussah, als hätte er einen Boxkampf verloren.
Reparieren à la Willi – Improvisation ist alles
Aber ich war ja nicht blöd. Ich hab mir die besten Teile rausgesucht und zu Hause eine kleine Werkstatt eingerichtet – mein „Spielzeughospital“. Da wurde geklebt, geschraubt, genäht und manchmal einfach nur mit einem Gummiband zusammengehalten. Einmal hab ich ein Auto repariert, indem ich einen Löffel als Achse benutzt hab. Hat funktioniert! Na gut, es fuhr nur im Kreis, aber immerhin.
Geschenke für die Geschwister
Meine Geschwister bekamen regelmäßig „neue“ Spielsachen von mir. Klar, die Puppe hatte nur ein Auge und der Ball war eher ein unförmiger Klumpen, aber hey – es war mit Liebe ausgesucht und repariert! Ich war quasi der Weihnachtsmann im Sommer, nur mit Apfelsinenkiste statt Schlitten.
Ich schwöre, das war so!
Alsum – das Abenteuerland für kleine Entdecker
Die Mülldeponie – mein persönlicher Spielzeugladen
Rückblick
Willi erzählt aus alten Zeiten – Die Hühner von Alsum
Montag 11 August 2025
Willi aus Walsum erzählt:
Es war so Mitte der 60er, ich war elf oder zwölf, also noch jung, flink und voller Flausen im Kopf. Alsum, dieser kleine Flecken Erde bei Duisburg, wurde damals plattgemacht. Einfach so – zack, weg! Ich bin da oft mit meinem Fahrrad hingefahren, so ein klappriger Drahtesel, aber er hat mich zuverlässig durch die Gegend geschaukelt.
Alsum – das Abenteuerland für kleine Entdecker
Ich erinnere mich noch an ein Haus, durch dessen Giebelseite ein dickes Rohr von der Thyssenhütte führte. Einfach mittendurch! Als hätte jemand gesagt: „Ach, da steht ein Haus? Egal, Rohr muss da lang!“ Und das Kuriose: Unten hingen noch Gardinen, und vor der Tür standen Fahrräder. Vielleicht war da noch jemand drin – vielleicht auch nur Geister mit gutem Geschmack für Fensterdeko.
Die Mülldeponie – mein persönlicher Spielzeugladen
Alsum wurde zugeschüttet, und es entstand eine riesige Mülldeponie direkt am Rhein. Für mich war das wie Disneyland – nur mit Müll. Da kamen täglich LKWs, die ihre Ladung abkippten. Und manchmal, oh Wunder, war da Spielzeug dabei! Kaputte Sachen aus Kaufhäusern, aber für mich war das Gold. Ich hab so manches Teil mit nach Hause genommen und wieder zum Leben erweckt – MacGyver hätte applaudiert!
Die Hühner – mein tierischer Coup
Und jetzt kommt der Knaller: Eines Tages stand ich wieder am Fuß der Deponie, wollte gerade den Müllberg erklimmen, da raschelt’s im Busch. Ich dachte sofort: „Ratten! Große, fette Ratten mit Mafia-Verbindungen!“ Ich war kurz davor, das Weite zu suchen – aber dann: Hühner! Ganz normale, gackernde Hühner, die da im Sand rumkratzten, als wär’s ihr Vorgarten.
Da kam mir die Idee: „Willi, du bist ein guter Junge. Die Hühner haben’s hier nicht leicht. Nimm sie mit, gib ihnen ein besseres Leben!“ Also schnappte ich mir eine Apfelsinenkiste mit Deckel – die perfekte Hühnertransportbox – und zack, drei Hühner eingefangen wie ein Profi. Auf den Gepäckträger damit und ab nach Hause.
Hühnerglück und Bratenende
Meine Geschwister guckten, als hätte ich den Osterhasen persönlich mitgebracht. Die Hühner zogen in unseren Stall ein, bekamen Futter und legten fleißig Eier. Sie lebten glücklich bei uns – bis sie irgendwann… na ja… sagen wir mal: Sie wurden Teil eines sehr leckeren Sonntagsessens. So ist das Leben eben – vom Müllhuhn zum Festtagsbraten.
Alsum – das Abenteuerland für kleine Entdecker
Die Mülldeponie – mein persönlicher Spielzeugladen
Rückblick
Euphorischer Rückblick aus Willis Sicht
Sonntag 10 August 2025
Oh Mann, das war ein Tag, den ich nie vergessen werde – ein echtes Highlight meiner Bundeswehrzeit in Itzehoe! Ich war gerade mal 20 Jahre jung, aber fühlte mich wie der König der Landstraße. Warum? Weil ich – wie fast alle in unserer Einheit – den Führerschein für schwere LKWs gemacht hatte. Und nicht irgendeinen Führerschein, nein: Ich durfte Tieflader fahren. Mit Anhänger. Mit Rakete drauf. Mit allem, was richtig Eindruck macht!
Sechs Monate Ausbildung – und dann: Raketenchauffeur!
Die Ausbildung war hart, aber ich hab sie durchgezogen. Sechs Monate Theorie, Praxis, Schweiß und Flüche – und am Ende hielt ich den Schein in der Hand. Ich war bereit, die großen Dinger zu bewegen. Und bei uns in der Raketenartillerie war das keine leere Floskel. Wir hatten echte Raketen. Riesige Dinger, die auf Tiefladern transportiert wurden – und diese Tieflader waren in den 70er-Jahren noch echte Biester. Keine gelenkten Hinterachsen, kein Schnickschnack. Wenn du abbiegen wolltest, musstest du ausholen wie ein Boxer vor dem Knockout.
Der Einsatz: Rakete auf Reisen – mit Oberfeldwebel als Beifahrer
An dem besagten Tag sollte ich mal wieder eine Rakete von A nach B bringen. Ich war stolz wie Bolle, hatte alles im Griff – bis mein Beifahrer, ein Oberfeldwebel (Name leider vergessen, aber das Gesicht hab ich noch im Kopf), plötzlich sagte:
„Halt mal an, ich fahr jetzt.“
Ich war perplex. Unser Schirrmeister hatte mir vorher noch gesagt: „Lass den bloß nicht ans Steuer!“ Aber was sollte ich tun? Der Mann war mir im Dienstgrad überlegen und gab mir einen direkten Befehl. Also ließ ich ihn fahren. Und das war der Moment, an dem die Geschichte ihren Lauf nahm…
Die Kurve des Grauens – und der Mercedes als Kollateralschaden
Wir fuhren eine Weile, alles schien okay – bis wir an eine Kreuzung kamen. Der Oberfeldwebel setzte zum Abbiegen an… und ich sah es kommen. Er holte nicht weit genug aus. Ich rief noch „Stopp!“ – aber er hörte nicht. Und dann passierte es: Der Tieflader, voll beladen mit einer Rakete, fuhr über die Motorhaube eines nagelneuen Mercedes. Einfach drüber. Wie ein Panzer über einen Klappstuhl. Und blieb oben drauf stehen.
Der Fahrer? Ein älterer Herr, der den Wagen gerade frisch vom Autohaus abgeholt hatte. Keine 10 Kilometer gefahren. Und jetzt? Rakete auf der Haube. Der Mann saß einfach da, starrte uns an, als wären wir Außerirdische. Ich konnte ihn verstehen.
Alarmstufe Bundeswehr – Feldjäger marsch!
Und dann ging’s richtig los. Da unsere Raketen mit Atomsprengköpfen bestückt werden konnten (ob sie das dann auch wirklich waren, wusste keiner so richtig), dauerte es keine fünf Minuten, bis ein ganzer Trupp Feldjäger und bewaffnete Soldaten vor Ort war. Blaulicht, Funkgeräte, hektisches Gebrüll – das volle Programm. Ich stand da, zwischen Rakete und Mercedes, und dachte: Das wird ein Bericht fürs Geschichtsbuch.
Der Oberfeldwebel? Wollte mir die Schuld in die Schuhe schieben. Aber unser Schirrmeister war zum Glück ein Mann mit Rückgrat. Er stellte klar:
„Der Kanonier hat gewarnt. Der Oberfeldwebel ist gefahren. Punkt.“
Fazit: Rakete 1 – Mercedes 0
Ich bin zwar nicht mit Orden aus der Sache rausgegangen, aber mit einer Geschichte, die ich bis heute mit einem breiten Grinsen erzähle. Und jedes Mal, wenn ich einen Tieflader sehe, denke ich: Bloß nicht zu knapp abbiegen.
Keine 10 Kilometer gefahren. Und jetzt? Rakete auf der Haube.
Der Mann saß einfach da, starrte uns an, als wären wir Außerirdische.
Rückblick
Donnerstag 07.08.2025
Liebes Tagebuch,
Heute muss ich dir von einem ganz besonderen Tag erzählen – einem Tag, der mir gezeigt hat, dass man auch mit 14 nicht unbesiegbar ist. Es war Heuernte auf dem Bauernhof in Innien, und ich war mittendrin statt nur dabei. Das Gras lag gemäht auf der Wiese, die Mistgabeln flogen, und der Heuwagen füllte sich langsam mit duftendem Heu. Links und rechts standen Helfer, die das Heu auf den Anhänger warfen, und oben drauf balancierte die Freundin vom Sohn des Bauern, als wäre sie die Königin des Heus. Und ich? Ich durfte den Trecker fahren! Auf der Straße! Ich war so stolz, dass ich innerlich schon überlegte, ob ich mir ein Schild basteln sollte: „Wilhelm – Treckerpilot mit Auszeichnung“. Ich summte leise vor mich hin, während ich den Wagen Richtung Hof lenkte. Alles lief wie geschmiert – bis zur Abzweigung. Da passierte es. Ich nahm die Kurve zu früh. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich dachte, ich sei der Michael Schumacher der Landwirtschaft. Der Heuwagen schwenkte nicht weit genug aus, rutschte in den Graben und – plumps – kippte einfach um. Heu überall. Und mittendrin: die Freundin des Bauernsohns. Sie flog in hohem Bogen vom Wagen und landete direkt auf der Weide – vor einer Kuh, die sie mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters ansah.
Die Freundin hingegen schrie, als hätte sie gerade den Weltuntergang erlebt. Ich glaube, sie war weniger von der Kuh als von meiner Fahrkunst erschüttert. Ihren Satz werde ich nie vergessen: „Wie kann man nur so einen kleinen Bengel einen Trecker fahren lassen?!“ Ich wurde rot wie ein Traktor bei Sonnenuntergang und fühlte mich, als hätte ich gerade das Heilige Heu entweiht. Zwei Wochen lang habe ich keinen Trecker mehr angefasst. Aber ich habe etwas gelernt: Ein guter Fahrer macht nicht nur Meter – er macht auch den richtigen Bogen.
Ende des Eintrags.
Ich nahm die Kurve zu früh. Warum? Keine Ahnung.
Vielleicht, weil ich dachte, ich sei der Michael Schumacher der Landwirtschaft.
Rückblick
Mittwoch 6 August 2025
Erzählt im Jahr 2025, mit 72 Jahren Lebenserfahrung und einem Herzen voller Benzin. Ja ja, ich weiß schon… die Mopedgeschichten gehen euch langsam auf den Keks. Aber was soll ich sagen – so bin ich eben. Ihr habt ja die Wahl: Abschalten liegt ganz bei euch. Aber wehe, ihr kommt später wieder angekrochen – dann gibt’s kein Zurück mehr! Man sagt ja, eine Freundschaft muss wachsen. Und das stimmt. Aber mögen muss man sich auch. Ich für meinen Teil habe eine neue Freundin gefunden – und ich mag sie wirklich. Sie ist meine Gummikuh. Meine treue BMW R80. Am Anfang… na ja, da war ich nicht gerade hin und weg. Vielleicht war ich auch ein bisschen verwöhnt von ihren Vorgängerinnen. Aber inzwischen? Inzwischen hat sie mein Herz erobert. Jeden Tag wächst meine Begeisterung. Ich habe noch nie ein gutmütigeres Motorrad gefahren. Ob enge Kurven oder langgezogene Bögen – sie nimmt alles mit einer Gelassenheit, die mich staunen lässt. Und die Beschleunigung? Für ihre bescheidenen 50 PS ist das einfach ein Gedicht. Die Schräglagen – na gut, die Zylinder setzen Grenzen, aber das Gefühl dabei? Unbeschreiblich geil. Da grinst selbst ein alter Sa.. wie ich wie ein Schuljunge. Das Fahrwerk? Ausgewogen wie ein guter Rotwein. Und der Kardan? Die Krönung! Klar, es gibt modernere Maschinen, mit Hightech und Schnickschnack. Aber meine Gummikuh hat 21 Jahre auf dem Buckel – und fährt, als wäre sie gerade erst aus dem Stall gekommen. Ja, eine Freundschaft muss wachsen. Und meine wächst. Jeden einzelnen Tag. Und wisst ihr was? Das ist jetzt alles über 20 Jahre her. Damals, als ich mit meiner Gummikuh unterwegs war, war das Leben noch ein bisschen rauer, ein bisschen direkter – aber auch irgendwie ehrlicher. Ich war jünger, wilder, und hatte mehr Haare auf dem Kopf als Sorgen im Herzen. Die BMW R80 war nicht nur ein Motorrad. Sie war ein Stück Freiheit, ein treuer Begleiter, und manchmal auch ein geduldiger Zuhörer, wenn ich einfach nur fahren musste, um den Kopf frei zu kriegen. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, wenn der Motor brummte, die Straße sich unter mir öffnete und die Welt für ein paar Stunden stillstand. Heute sitze ich hier, mit einem Lächeln im Gesicht, und denke zurück. An Kurven, die ich wie ein Tanz genommen habe. An Regentage, an denen ich trotzdem gefahren bin – einfach, weil es sich richtig angefühlt hat. Und an das leise Klacken des Kardans, das mir sagte: „Alles gut, ich bin bei dir.“ Die Gummikuh ist längst weitergezogen, vielleicht fährt sie irgendwo noch durch die Lande. Aber die Erinnerungen? Die sind geblieben. Und sie wachsen – genau wie die Freundschaft damals. Täglich.
Ich habe noch nie ein gutmütigeres Motorrad gefahren.
Das Fahrwerk? Ausgewogen wie ein guter Rotwein.
Ticket To Heaven · Dire Straits
Rückblick
5 August 2025
Also Leute, ich muss euch unbedingt noch die eine Szene erzählen – ihr sollt ja ein klares Bild im Kopf haben, wie das damals wirklich aussah. Stellt euch vor: Wir standen mitten in einem Raum, der eigentlich mal ein Kommandoraum gewesen sein soll. Doch ehrlich gesagt… das Ding sah aus wie eine Mischung aus Büro, Baustelle und Improvisationstheater. Links stapelten sich Kisten, so hoch wie unsere Motivation vor dem ersten Feierabendbier. Darin: Schrauben, Werkzeuge, halbe Schreibtische – alles, was irgendwie aus unserer alten Kaserne gekommen war. Rechts hing ein trauriger Vorhang, der mal ein Sichtschutz sein wollte, nun aber aussah wie die letzte Hoffnung auf Privatsphäre. Klaus-Dieter stand am Rand und hielt einen Schraubenzieher in der Hand, als wäre es sein Zepter. Ich (Willi) balancierte eine Liste, auf der jedes Teil inventarisiert war – sogar das kaputte Rad vom Bürostuhl. Brinkmann war in Gedanken wohl noch bei seinem elitären Gestüt, denn er polierte seinen Helm, als wäre er ein Pokal vom Springturnier. Der Höhepunkt war Unteroffizier Delfs (oder Delfts – keiner war je ganz sicher). Er trat ein, als hätte er gerade ein Schlachtfeld inspiziert. Mit donnerndem Ton verkündete er: „Männer, das hier ist nicht nur ein Raum. Das ist das Herz unseres Einsatzes. Und ihr seid die Venen, die es mit Schrauben am Leben halten!“ Man hätte meinen können, er wäre General in einem Hollywood-Film – nur mit mehr Kabelsalat hinter sich. Und dann war da noch der namenlose Politiker in spe, der sich inmitten dieses Chaos hinstellte und ganz ernst meinte: „So sieht Organisation aus. Ein Mikrokosmos der Gesellschaft!“ – und ich dachte nur: Wenn das Gesellschaft ist, will ich lieber zurück in den Schützengraben. Es war warm, es war laut, es roch nach Staub und kaltem Kaffee – aber wir waren da, Schulter an Schulter, und hätten wahrscheinlich selbst noch ein Regal mit Raketen montiert, wenn man uns gefragt hätte. Ich muss allerdings sagen, dass ich, so lange ich auch überlege, keinen Augenblick missen möchte, den wir damals durchlebten. Selbst die Befehle, die noch heute in meinen Ohren erklingen, lassen mich schmunzeln und erwecken in mir den Wunsch, alle Beteiligten einmal noch wiederzusehen.
Hierhin hat es uns verschlagen: Flensburg – Weiche war unser neuer Standort.
Dalida, Alain Delon - Paroles, paroles
Rückblick
5 August 2025
Itzehoe-Nordoe. Zwei Kanoniere – Klaus-Dieter und Willi – blicken entschlossen in die Kamera, als würden sie sagen: „Wir verteidigen die Heimat, zur Not mit Werkzeugkasten!“ Raketen-Artillerie 650 war kein gewöhnlicher Verband. Nein, dort wurde selbst die Feldflasche alphabetisch sortiert. Als der große Umzug nach Flensburg kam, hieß es nicht „Antreten zum Marsch“, sondern „Antreten zum Möbelpacken“. Ein Stuhl? Mitgenommen. Ein Tisch? Verstaut. Jede Schraube? Inventarisiert. Man munkelt, einer der Kanoniere habe versehentlich das Tor der Kaserne mit verladen – und die Post musste über den Zaun springen. Frericks aus Wesel war angeblich der Mann mit dem schärfsten Blick fürs Detail – konnte aus 30 Metern erkennen, ob eine Schraube M6 oder M8 war. Brinkmann aus Warendorf hingegen hielt sich vornehm zurück – er hatte schließlich Pferde-DNA in den Adern und bewegte sich in der Stube wie auf einem Dressurparcours. Der Unteroffizier Delfts oder Delfs – ein Mann, dessen Stimme Feldpost zum Zittern brachte. Mit seinem Kommando „Anpacken!“ wurden Berge versetzt – zumindest Bücherberge im Kasernenbüro. Und dann war da dieser mysteriöse Kanonier mit dem politischen Ehrgeiz. Er wollte Karriere machen – vermutlich mit dem Slogan „Statt Raketen: Reden!“ Leider wurde er auf der Liste der vergessenen Helden geführt. Vielleicht ist er heute Minister, vielleicht sitzt er noch im Schützengraben und sucht nach verlorenen Schrauben. Aber stopp: Ich denke, er ist sicher heute auch bereits Rentner wie wir alle von damals. Nur sein Name fällt mir leider immer noch nicht ein. Mist, er möge mir verzeihen.
Frericks aus Wesel war angeblich der Mann mit dem schärfsten Blick fürs Detail
– konnte aus 30 Metern erkennen, ob eine Schraube M6 oder M8 war.
Rückblick
5 August 2025
"Operation Schraubenzieher" – Die Schlacht um Flensburg
1972, irgendwo in Itzehoe-Nordoe: Zwei Kanoniere, Klaus-Dieter und Willi, bewaffnet mit Helm, Spaten und einem unerschütterlichen Sinn für Humor, lauern im Schützengraben – nicht auf den Feind, sondern auf die nächste Kaffeepause. Mit der Präzision einer Raketenartillerie und der Geduld tibetanischer Mönche habt ihr das gesamte Inventar der Kaserne eingepackt: „Jede Schraube!“ – darunter vermutlich auch die, die schon seit 1953 bei mir lose war. Man munkelt, Frericks aus Wesel habe versehentlich den Waffenschrank mit dem Klavier vertauscht – bis heute rätselhaft, warum das Ding nie mehr gestimmt war. Der Umzug nach Flensburg war legendär: Monate des Räumens, Schraubens, Ordnens – eine logistische Meisterleistung, die selbst IKEA beeindruckt hätte. Und irgendwo zwischen Schraubenkisten und Feldbetten tauchte plötzlich Brinkmann auf – ein Mann mit aristokratischen Pferdegenen und einer Frisur, die Windstärke 8 überstand. Der Kanonier ohne Namen? Vielleicht war er so geheim, dass selbst der MAD nichts über ihn wusste. Oder der Politikertraum hat ihn direkt ins Vergessen katapultiert – „Mission Bundestag“ klang halt cooler als „Kanonier Nummer 4“. Und dann war da noch Unteroffizier Delfts (oder Delfs?) – ein Mann, der allein mit einem Blick Soldaten zum Marschieren brachte. Gerüchte besagen, sein Ruf sei noch heute in den Kasernenfluren von Flensburg zu hören.
Wenn ihr euch heute das Foto anschaut – 53 Jahre später – ist das nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern eine Hymne auf Kameradschaft, Chaos und einen Hauch von Wahnsinn. Und mal ehrlich: Wer braucht Actionfilme, wenn man selbst Teil davon war?
Rückblick
4 August 2025
R(h)eingucken macht Spaß – oder: Warum der Rhein der beste Reiseleiter ist, den man sich vorstellen kann Leute, wer nur vom Ufer aus guckt, sieht vom Rhein nur die Vorschau – aber wer draufgeht, bekommt die komplette Staffel in HD! Von dort aus entfaltet sich die Landschaft wie ein Überraschungsei: man weiß nie, ob Weinberg, Schafherde oder Industriecharme als Nächstes auftauchen. Und überhaupt: Wenn man gegenüber vom Ufer steht, sieht man nix Genaues. Man winkt rüber und hofft, dass da drüben jemand zurückwinkt, aber eigentlich könnte es auch ein Baum sein. Vom Boot aus aber – da wird das andere Ufer zur VIP-Loge! Details tauchen auf, als hätte man gerade seine Brille geputzt. Man entdeckt Orte, die man sonst nur im Prospekt der Rheinromantik finden würde. Bootfahren auf dem Rhein ist wie Netflix für Naturfans – es gibt spannende Folgen, entspannende Szenen und den Geruch von „Eau de Wasserstraße“, der sich tief ins Gedächtnis gräbt. Eine Mischung aus Frische, Abenteuerlust und „Was war das gerade für ein Duft?“. Also macht’s wie Willi und gönnt euch mal ’ne Fahrt! Ob Fähre, Paddelboot oder Tretboot mit Sonnenblende – der Rhein zeigt euch Seiten von sich, die ihr nie auf Google Maps entdeckt hättet. Und vergesst nicht: Erinnerungen werden am schönsten, wenn man sie mit allen Sinnen einsammelt – inklusive des Geruchs von Fluss, Freiheit und ein bisschen Diesel. R(h)eingucken macht Spaß – und wenn ihr Glück habt, winkt Willi vom Ufer zurück.
Details tauchen auf, als hätte man gerade seine Brille geputzt.
Wenn ihr Glück habt, winkt Willi vom Ufer zurück.
Rückblick
13 Februar 1970
Das war wie Formel 1 auf'm Wasser !
Also, wir tuckern da mit unserem Schleppkahn „Revance“ ins Rhein-Maas-Delta rein, ganz gemütlich… na ja, eigentlich nicht. Eher so wie wenn dein Opa versucht, mit 200 km/h auf der Autobahn rechts ab zu fahren. Der Schlepper vorne – keine Ahnung was der geraucht hat – zieht uns wie ein Rennboot nach rechts Richtung Schleuse. Ich hab gedacht, gleich heb ich ab wie beim Wasserski. Unser Kapitän – völlig am Ausrasten – brüllt mich an: „Willi! Renn nach vorne! Anker runter!“ Ich? Renn wie in ’nem Actionfilm los, stolper fast über meine Crocs, baller den Anker runter, der Käpten machte hinten dasselbe – war wie auf nem Piratenschiff, nur mit weniger Romantik und mehr Panik. Aber ja – bringt nix. Wir rutschen wie auf Schmierseife mitten rein ins Drama. Und dann kommt da so’n anderes Schiff aus der Schleuse… BAM ! Kollision vom Feinsten. Dessen Anker fräst uns wie ’ne Dose Ravioli auf. Direkt über der Wasserlinie, zum Glück! Meine Kabine vorne? Bruder… die hatte plötzlich ein extra Fenster. Für die Aussicht – falls man Ertrinken romantisch findet. Der Kapitän und der Typ vom Schlepper streiten sich über Funk wie zwei Jungs beim FIFA-Zocken: „Du hast Mist gebaut!“ – „Nein DU!“ – ich stand da und dachte nur, ob ich mir gleich Popcorn holen sollte. Und das Beste? Kein Tropfen Wasser kam rein. Das war wie Lotto gewinnen… nur mit ’nem kaputten Schiff.
Der Schlepper-Kapitän vorne – keine Ahnung was der geraucht hat –
zieht uns wie ein Rennboot Richtung Schleuse.
Rückblick
3 Oktober 1970
Aus den Erinnerungen von Schiffsjunge Willi, 17 Jahre jung.
Es war einer dieser Tage, die sich ins Gedächtnis brennen — das Wetter war perfekt, der Fluss ruhig, die Laune ausgezeichnet. Unser Rheinschiff Express 276 kämpfte sich den Rhein bergauf Richtung Ludwigshafen und bog dann behände in den Neckar ein. Ziel: Heidelberg. Ich erinnere mich noch genau an die grünen Wiesen, die sich wie ein Teppich bis zum Wasser zogen. Ein Ausblick, der sogar einen ruppigen Kapitän wie Herrn Pesik sentimental machen konnte — nun ja, fast. Plötzlich rief er uns zu sich. Der Blick stechend, der Finger ausgestreckt: „Den Baum rausfahren und an Land!“ Kurz und knapp. Keine Widerrede. Der „Schwenkbaum“, unser eisernes Sprungrohr, wurde ausgefahren. Ich legte mich seitlich darauf, stieß mich mit Schwung vom Schiff ab und glitt durch die Luft wie ein Akrobat, nur dass ich dabei einen riesigen Eimer balancieren sollte. Was ich dann sah, raubte mir fast die Sprache: ein leuchtend rotes Tomatenmeer. Eine ganze Plantage, einfach so am Ufer! Mein Magen malte sich bereits das perfekte Tomatenbrot aus, aber Kapitän Pesik unterbrach meinen Tagtraum mit einem donnernden „Los, einsammeln!“. Also füllte ich einen Eimer, dann noch zwei — die Tomaten flogen im Takt der Kommandos zurück an Bord. Die nächsten Tage war klar: Tomaten standen bei jeder Mahlzeit auf dem Plan. Tomatenbrot. Tomatensuppe. Tomatensalat. Ich hätte nicht gedacht, dass ich je von Tomaten träumen würde — aber das tat ich. Rot, saftig und unvergesslich.
Was ich dann sah, raubte mir fast die Sprache: ein leuchtend rotes Tomatenmeer.
Eine ganze Plantage, einfach so am Ufer!
Rückblick
7 Januar 1970
Es war mal wieder so ein Tag, an dem alles sich ändern sollte. Wir waren auf der Maas mit unserem Schleppschiff (REVANCHE) und lagen in Lüttich in Belgien an der Kaymauer. Unser Schlepper hatte sich gerade für ein paar Stunden verabschiedet und wollte am Abend zurück sein. Unsere Ladestelle lag am anderen Ufer. Laden konnten wir leider noch nicht, weil ein anderes Schiff vor uns an der Reihe war. Endlich war das andere Schiff fertig und legte ab. Nun wollten wir laden. Aber unser Schlepper war noch nicht da. Mein Kapitän wollte aber unbedingt rüberfahren, um uns zum Beladen vorzubereiten. Und, ob ihr es glaubt oder nicht, er rechnete sich aus: Wenn wir uns von der Strömung treiben lassen würden, dann würden wir genau an der Ladestelle ankommen und bräuchten nicht auf unseren Schlepper warten. Gesagt, getan. Wir ließen uns vom fließenden Strom rüber zur Ladestelle treiben. Dort drüben an der Ladestelle wurde loser Schotter mit einem Fließband verladen. Das Fließband ragte dafür gute 5 Meter über den Fluss und konnte auch nicht eingezogen werden. Mein Kapitän hatte alles berechnet und war guter Dinge. Er stellte sich vorne an Deck und warf das Seil wie ein Cowboy auf den an Land befindlichen Poller zum Festmachen. Nun musste er nur noch das fahrende Schiff abbremsen und es dann festmachen. Aber wie das Leben eben so spielt, stoppte er das Schiff zu früh ab und das Drama nahm seinen Lauf. Das Vorschiff zog sich schnell an die Kaimauer und nun legte sich das Heck des Schiffes ebenfalls durch den fließenden Strom langsam ans Ufer. Aber was ist das? Das Fließband war im Weg und es geschah das unaufhaltsame, unausweichliche Malheur. Das Fließband bohrte sich in unser hoch aufragendes Führerhaus und ruckzuck war das komplette Führerhaus weg. Es fielen Teile in den Fluss und selbst das große Steuerrad wurde zum Teil beschädigt und fiel runter auf's Deck. Eine halbe Stunde später kam auch unser Schlepper, der uns rüberschleppen wollte, und staunte nicht schlecht. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie mein Kapitän geflucht hat. Wir lagen danach noch gute 10 Tage hier in Lüttich fest. Ein Schreiner kam mit seiner Mannschaft und setzte alles wieder instand. So ist es, wenn man Geld und Zeit sparen will.
Das Fließband bohrte sich in unser hoch aufragendes Führerhaus
und ruckzuck war das komplette Führerhaus weg.
Patsy Cline -- I Fall To Pieces
Rückblick
Ende August 1968
„Express 276“ aus Willi’s Logbuch – Eine haarsträubende Geschichte! Alsooo, ich bin Willi, der Schiffsjunge – noch grün hinter den Ohren, aber mit einem Blick für alles, was sich auf Deck bewegt (und manchmal auch wegfliegt!). Und jetzt halt dich fest, ich erzähl dir vom haarigsten Abenteuer meines Seemannslebens: Wir schreiben Ende August 1968. Express 276 tuckerte gemütlich von Düsseldorf Richtung Holland, mit dem brummigen, aber gutmütigen Kapitän Reinhard Pesik am Steuer. Ich war gerade dabei, Taue zu sortieren (oder wenigstens so zu tun), da tauchte er auf – unser erster Matrose. Ein Kerl wie ein Schiffsmotor: riesig, mächtig, und bisher obenrum so glatt wie die Schiffsschraube! Doch halt – was war das?! Haare! Eine volle Matte! Ich dacht, ich hätt zu lange in die Sonne geschaut. Der Mann hatte sich ’ne Perücke machen lassen – und das nicht irgendwo, nein, beim Perückenkönig von Düsseldorf höchstpersönlich. 400 Mark hat ihn das gekostet, stell dir das mal vor! Und während er stolz über Deck marschierte, kam der Feind – nein, kein Pirat, sondern ein ganz gewöhnlicher Windstoß! Zack, weg war das Prachtstück, segelte über Bord wie ein flauschiger Rettungsring. Ich stand da wie festgenagelt, sah den Haaren nach, wie sie im Rhein davontreiben. Der Matrose? Der war kurz vorm Nervenzusammenbruch. Springen? Keine Chance. Weinen? Fast. Ich? Übelkeit pur, allein bei dem Preis. Der Käpt’n oben auf der Brücke konnte sich kaum noch einkriegen – ich schwöre, sein Schnurrbart hat gezittert vor unterdrücktem Gelächter! Aber er war Profi genug, nichts zu sagen. Der Matrose sprach nie wieder darüber. Und was tat er? Nie wieder eine Perücke, nie wieder Haarträume. So lernt man als Schiffsjunge früh: gegen den Wind hat keiner eine Chance – nicht mal eine sündhaft teure Frisur! Und auf Express 276 gab’s seitdem nur windfeste Glatzen und echte Seemannsehre.
Ich stand da wie festgenagelt, sah den Haaren nach, wie sie im Rhein davontreiben.
Der Matrose? Der war kurz vorm Nervenzusammenbruch.
Rückblick
Donnerstag 2.08.2025
Wilhelm auf Tour
Weißt Du noch, wie das war? Wir waren keine Helden, keine Abenteurer – nur ein paar junge Kerle mit Diesel im Blut und zu viel Vertrauen in ihre Maschinen. Bei Van Wahnem in Duisburg-Hamborn, wir waren LKW-Fahrer mit Herz und Hornhaut an den Händen. Die Schuttladung war Routine. Ziel: die Deponie „Graf Spee“ in Großenbaum – ein gigantischer Baggersee, der das Schicksal eines Schlammlochs ertragen sollte.
An dem Tag schien die Sonne fast ein bisschen zu grell. Der See lag wie ein träger Riese vor uns, still, lauernd. Wir fuhren rückwärts an das Ufer heran, so nah, dass sich das Wasser im Rückspiegel spiegelte. Mein Motor grummelte wie ein alter Wachhund – ich stellte mich direkt neben den Magirus-Dreiachser von Jansen aus Duisburg. Dann begann das Kippen. Alles wie immer. Staub in der Luft, das Knarzen der Hydraulik, das monotone Rieseln des Schutts… Doch plötzlich – als hätte der See genug gehabt – beginnt sich der Jansen-LKW zu heben. Nicht langsam. Wie im Zeitraffer schnellt die Kabine nach oben, der ganze Koloss richtet sich auf wie eine Statue, und dann – Stille. Mit einem lauten, fast würdevollen Glucksen versinkt der LKW in den Baggersee. Kein Ruckeln, kein Widerstand. Einfach weg. Versunken. Ich stand da, wie vom Donner gerührt – und dann sehe ich ihn: den Fahrer, wie er sich aus der Kabine rettet. Wie ein Schatten zwischen Schlamm und Stahl. Nass, außer Atem, aber lebendig. Der See hatte ihn fast verschluckt, doch er entkam. Wir standen schweigend am Ufer, während das Wasser sich wieder glättete. Nur die Wellen erzählten noch vom Drama. Später sagten wir zynisch: „Der See hat Hunger gehabt.“ Aber innerlich… da wussten wir, dass wir diesem Tag nie ganz entkommen würden.
Mit einem lauten, fast würdevollen Glucksen versinkt der LKW in den Baggersee.
Wir waren LKW-Fahrer mit Herz und Hornhaut an den Händen.
Donnerstag 2.08.2025
Wer einmal sich selbst gefunden hat,
der kann nichts mehr auf dieser Welt verlieren.

Rückblick
Donnerstag 2.08.2025
Wilhelm auf Tour
Damals, als Männer noch Schnurrbärte trugen, die Windschutzscheiben größer waren als heutige Einzimmerwohnungen und man sich nicht mit Podcasts, sondern mit lautem Knacken aus dem Radio unterhielt – genau da war ich mittendrin: Wilhelm, der Lasterpilot von Wehmeier, stolzer Besitzer einer Honda 250 T mit mehr PS als Vernunft und einem Ford 17M P3, der durch die Teerstraße schwebte wie ein majestätisches Walross auf Urlaub.
Bei Wehmeier: Chef als menschlicher Wecker mit Hupenfunktion, Dein Chef, Werner – halber Spediteur, halber Frühaufsteher-Fluch – war nicht nur dein Boss, sondern auch dein persönlicher „Wilhelm-Wach-Dienst“. Wenn du mal wieder verschlafen hattest, stand er pünktlich vor der Tür, die Hupe wie ein Trompetensolo des Erwachens. Deine Reaktion? Meist irgendwo zwischen „Wo ist mein linker Schuh?“ und „Ich bin sowas von bereit – gib mir 20 Sekunden!“
Nächte wie im Rock’n’Roll-Film Lohberg war dein Las Vegas. Jeder Abend ein kleines Festival aus Musik, Benzin und Grillwürstchen. Man feierte nicht, man zelebrierte. Wenn die Honda nicht röhrte, röhrtest du – im Chor mit Kumpels, die den Unterschied zwischen Durst und Dürre nicht so genau nahmen. Der Ford war am nächsten Morgen dein rollendes Sanatorium: weich wie ein Sofa aus Wolken, perfekt für Kopfschmerzen mit Rock’n’Roll-Diagnose.
Honda 250 T – wildes Biest mit Herz. Du warst jung, sie war laut. 34 PS in einer Zeit, in der Helmtragen so selten war wie Regen in der Wüste. Das Motorrad war dein Fluchtfahrzeug in die Freiheit, dein Tor zu Abenteuern und dein treuer Begleiter, wenn du zum nächsten Fest brettertest wie ein Cowboy ohne Pferd.
Frei wie ein Vogel – oder wenigstens wie eine Ente mit Führerschein. Keine E-Mails, keine Deadlines. Nur Asphalt, Abenteuer und eine gehörige Portion Lebenslust. Der Leistungsdruck blieb draußen, der Spaß kam rein – oft durch die offene Fensterkurbel des Ford, während du den Sound deines Lebens lebtest.
Hier war meine Mietwohnung in der ersten Etage (geerbt von meiner Schwester Ulli).
Damals, als Männer noch Schnurrbärte trugen und die Windschutzscheiben größer waren als heutige Einzimmerwohnungen, lebte ich hier mit meiner Liebsten "Rosi" auf der Teerstraße in Lohberg.
Leonard Cohen - - Dance Me to the end of Love
Rückblick
Donnerstag 2.08.2025
Ich bin 22 — voller Energie, aber manchmal ist meine größte Superkraft einfach: Pech mit Stil. Da war dieser Tag auf der Baustelle irgendwo in Kleve oder Wesel. Ich saß am Steuer meines 3-Achser-Kippers, im Auftrag von Wehmeier, bereit Mutterboden auf den Deich zu kippen. Alles wie gewohnt — dachte ich zumindest. Ich fuhr die Mulde hoch, der Boden sollte raus … doch anstatt sich ordentlich zu lösen, fing der ganze LKW an, sich ganz langsam zur Seite zu legen. Wie in Zeitlupe. Ich konnte’s kaum glauben. Und dann — KLONK! — mein treuer Begleiter auf der Beifahrersitzbank, das große Kofferradio, beschloss kurzerhand, mir eins über die Rübe zu geben. Danke, Buddy. Die Tür? Eingedrückt. Der Rahmen? Verzogen. Mein Stolz? Verbeult. Zum Glück war der Raupenfahrer vor Ort ein Held ohne Umhang: Er rollte mit seiner Raupe an, setzte das Ungetüm wieder auf die Räder, als wäre es ein Spielzeug-Truck. Unglaublich. Ich tuckerte zur Firma zurück, bereit für den Einlauf meines Lebens. Doch da stand Werner Wehmeier, mein Chef. Statt Ärger gab’s was ganz anderes: Er nahm mich in den Arm. Einfach froh, dass ich heil war. Keine Standpauke, kein Drama — nur Menschlichkeit. Und ja, ich durfte weiterfahren. Mit einem leicht verbeulten Ego, aber einem Chef, der mehr Herz hatte als so mancher Erste-Hilfe-Kasten.
So sahen die 3 Achser LKW's damals aus!
Zum Glück war der Raupenfahrer vor Ort ein Held ohne Umhang
Rückblick
Montag 1 Mai 2006
Nach Jahren im Sattel meiner treuen Drag Star – Gott hab sie selig – habe ich nun die Seiten gewechselt. Weg von japanischer Gelassenheit, hin zur deutschen Präzision: Ich fahre jetzt BMW R 80, oder wie sie in liebevollen Motorradkreisen genannt wird: „Gummikuh“. Warum dieser Name? Keine Ahnung. Vielleicht weil sie beim Fahren eine gewisse elastische Eleganz an den Tag legt? Oder weil sie beim Rangieren wie eine gutmütige Kuh durch die Kurve watschelt? Jedenfalls – der Name passt, und ich mag ihn. Es ist meine erste Gummikuh, und ehrlich gesagt, ich bin baff. Das Ding fährt sich, als hätte sie mir telepathisch versprochen: „Keine Sorge, ich mach das schon.“ Federleicht, dabei ordentlich Bums unter der Haube. Der Durchzug? Überzeugend. Das Handling? Butterweich. Ich musste fast nachprüfen, ob ich versehentlich ein E-Bike gekauft habe. Heute habe ich das gute Stück mit Klaus-Dieter in Unna abgeholt. Er war Chauffeur und moralische Unterstützung – obwohl letzteres schnell in Versuchung umschlug. Die Beschreibung der BMW? Zum ersten Mal in der Geschichte des Internets eins zu eins korrekt. Ich staunte nicht schlecht: Optisch ein Genuss, Pflegezustand exzellent, und keinerlei versteckte Baustellen. Meine Sorgen wegen etwaiger Mängel? Unnötiger als ein Regenschirm im Tunnel. Ein dickes Dankeschön geht an den Vorbesitzer – ein Mensch mit Herz, offensichtlich auch mit Poliertuch. Ich verspreche feierlich: Diese Kuh wird weiterhin verwöhnt und regelmäßig ausgeführt. Und dann war da noch Klaus-Dieter, der plötzlich dachte, die Gummikuh sei eine Probefahrt wert. Ihr könnt es auf dem Foto sehen: der Mann hat sich verguckt. Ich musste ihn mit sanfter Gewalt vom Sattel zerren – ich hatte schließlich vor, meine neue Liebe sicher vor dem Regen zu parken. Mein Tipp an ihn: Wenn du sie so sehr magst – kauf dir doch deine eigene Kuh!
Es ist/war meine erste Gummikuh, und ehrlich gesagt, ich bin/war baff.
Rückblick
Donnerstag 31.07.2025
Erinnere mich an einen Zwischenfall mit meiner Schwester Lindi.
Wir kamen gerade mit unseren knatternden Mofas aus Hamborn, das Motorengeräusch mischte sich mit dem Rauschen der Straßenbahn, die auf der B8 mit ihren eingelassenen Schienen die Straße teilte. Die Sonne stand schräg, warf lange Schatten, und wir hatten Fahrt drauf – kein gemütliches Dahinrollen, sondern eher mit jugendlicher Unvernunft Richtung Zuhause.
Ich fuhr hinter Lindi. Sie war wie immer zielsicher unterwegs, doch dann, nur etwa 100 Meter hinter dem Bahnübergang zur Schachtanlage 2/5, direkt vor der Tankstelle, wollten wir links in die Walsumerstraße einbiegen. Ich sah es kommen und konnte nichts tun: Ihr Vorderrad erwischte eine der Schienen, glatt wie Eis – und in einer filmreifen Zeitlupenbewegung rutschte sie weg. Der Mofa-Lenker drehte sich, ihr Körper flog über das kleine Ding, und dann knallte sie auf den Asphalt.
Ich hielt sofort an, mein Herz pochte bis in die Kehle. Mir wurde fast schlecht, allein vom Anblick. Aber bevor ich etwas sagen konnte, rappelte sie sich auf – als hätte man nur ein Kapitel zu schnell gelesen. Sie schüttelte sich, wie ein Boxer nach dem Gong, hob ihr Mofa und rief mir zu: „Nix passiert, nix passiert.“ Es war unfassbar. Sie fuhr weiter, als wäre das der normalste Stunt ihres Lebens gewesen.
Zuhause sah ich dann die Spuren des Sturzes: Abschürfungen an Händen und Knien, die rot leuchteten und später in Blau übergingen. Aber sie winkte ab. „Ist nicht so schlimm, das heilt wieder.“
Und weißt du was? Ich erinnere mich nicht nur an den Sturz, sondern vor allem an die Stärke, die sie damals gezeigt hat. Lindi war nie zimperlich, aber in diesem Moment wurde mir klar, wie taff sie wirklich ist. Ich bin froh, dass sie meine Schwester ist – und vielleicht, wenn sie das liest, spürt sie noch den Wind von damals in den Haaren und diesen Moment, der uns beide geprägt hat.
Ich hielt sofort an, mein Herz pochte bis in die Kehle. Mir wurde fast schlecht, allein vom Anblick.
Gilbert Becaud - Nathalie
Rückblick
Mittwoch 29.07.2025
Gestern am 28.Juli wäre mein/unser Papa 100 Jahre alt geworden. Und obwohl er schon eine ganze Weile nicht mehr bei uns ist, spüre ich ihn noch immer ganz nah. Ich vermisse ihn, genauso wie ich meine Mama vermisse, die schon viele Jahre vor ihm gegangen ist. Die beiden haben Spuren in meinem Herzen hinterlassen, die nie verblassen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Papa seine letzten Jahre in Mehrum bei Susi gelebt hat. Ich habe ihn dort einige Male besucht – und es war immer schön, mit ihm zusammen zu sein. Dort hat er sich wohlgefühlt. Susi und ihr Mann haben sich rührend um ihn gekümmert. Ich wurde von ihnen herzlich empfangen, als wäre ich nie weg gewesen. Papa... er hatte sein Teleskop dabei – damit hat er Tiere beobachtet, ganz in seinem Element. Das Rauchen hat er einfach nicht aufgegeben, typisch Papa. Und auch wenn das Laufen ihm schwergefallen ist und die Lunge nicht mehr so wollte wie früher, hat er doch noch immer diesen wachen Blick gehabt, diesen neugierigen Geist. Wir haben über vieles gesprochen. Es war gut, ihn wiederzusehen. Ich weiß, dass ich ihn öfter hätte besuchen sollen – damals. Vielleicht tue ich das auf meine Art. Vielleicht schaue ich in den Himmel, dorthin, wo er jetzt ist. Und denke einfach: "Schön, dich mal wieder zu sehen, Papa."
Rückblick
Mittwoch 25.05.2005
Ich erinnere mich noch genau. Ich war vierzehn, voller Hoffnung und ein bisschen Nervosität. Die Welt lag mir irgendwie zu Füßen, auch wenn ich nicht wusste, wo sie mich hinführen würde. Arbeit wollte ich – brauchte ich. Und Dieter, mein bester Freund, war wie immer mit am Start. Zusammen stapften wir zum Hülsermannshof, zum Straßenbaubetrieb Johann Zimmermann. Es ging erstaunlich schnell – plötzlich waren wir Straßenbauhelfer. Keine Vorstellung, kein Plan, nur Neugier und ein bisschen jugendlicher Übermut im Gepäck. Am nächsten Morgen standen wir also auf dieser Baustelle in Walsum. Ich weiß bis heute nicht genau, wo sie war – irgendwo bei Kluge, da sollte ein Tennisplatz entstehen. Dieter und ich alberten rum, lachten, und versprachen uns gegenseitig: Wenn’s nix ist, sind wir schneller weg als der Beton trocknet. Und dann kam er. Dieses Goggomobil – klein wie ein Schuhkarton auf Rädern, hupend und wild gestikulierend. Ein Mann stieg aus, schien mehr Arme als Luft zu haben, und rief uns panisch „Mitkommen!“. Wir kicherten noch: Was für ’ne Karre, und was für ein Vogel. Aber gut – wir stiegen ein, zu dritt in dieses Zwergenauto, das mehr schepperte als rollte. Die neue Baustelle war auch in Walsum, angeblich sollten wir dort „richtig“ anfangen. Der Typ im Goggomobil stellte sich als unser Vorarbeiter vor. Na bravo. Wir grinsten uns zu: „Der verdient bestimmt Millionen, wenn er sich so einen Luxuswagen leisten kann.“ Dann gab’s Harken, Schaufeln, Schubkarren – und wir sollten Schotter verteilen. Einfach drauflos, ohne Erklärung. Und wie erwartet: Der Vorarbeiter war nur am Meckern. Kaum hatten wir was gemacht, war's schon falsch. Dann endlich Mittagspause. Die anderen packten ihre Brote aus – wir auch. Doch bevor das erste Stück überhaupt den Weg zum Mund fand, hallte es von hinten: „Pause gibt’s erst, wenn der Haufen weg ist!“ Mir stieg die Wut ins Gesicht. Wie bitte?! Wir schuften, schwitzen – und das? Ich war jung, impulsiv und stolz. Ich warf ihm die Harke vor die Füße und schnauzte ihn an: „Leck mich, du Penner!“ Das war’s für mich. Dieter wollte bleiben. Ihm schien das Ganze zu gefallen, auf eine seltsame Art. Ich dagegen stampfte zur Firma zurück, wollte wenigstens für meine sechs Stunden bezahlt werden. Doch was bekam ich? Einen Vortrag über Arbeitsmoral – und den Rat, mich besser nicht wieder blicken zu lassen. Heute lache ich darüber. Aber damals... das war meine erste Lektion im Arbeitsleben. Hart, ehrlich – und unverzichtbar. Und Dieter? Ich glaube, der war noch jahrelang bei Zimmermann.
Aber gut – wir stiegen ein, zu dritt in dieses Zwergenauto, das mehr schepperte als rollte.
Fredl Fesl - Der Königsjodler
Rückblick
Donnerstag 5 April 2007
Heute bin ich wieder hier. Am Ufer des Rheins, in Wesel. Und obwohl die Welt sich wandelt – sich verändert mit jedem Tag – bleibt eines für mich unverrückbar: meine tiefe, innige Verbindung zum Wasser. Seit ich denken kann zieht es mich hierher. Zum Rhein, meinem Vertrauten, meinem Wegbegleiter. Seit über einem halben Jahrhundert teilen wir uns Erinnerungen, Sehnsüchte, und diese stille Sprache zwischen Strom und Herz. Ich glaube, der Rhein kennt mich inzwischen besser als manch ein Mensch es je könnte. Und wenn ich ehrlich bin: Ich kenne ihn auch. Seine Stimmungen, sein Murmeln bei Windstille, sein grollender Stolz nach Regen. Ich erinnere mich genau – wie ich als junger Matrose an Bord war, voller Tatendrang, mit offenen Augen für alles, was mir begegnete. Von Kehl bis Emmerich und wieder zurück haben wir den Rhein durchquert, und dabei habe ich mehr als nur die Landschaft gesehen. Ich habe sie aufgesogen, eingesammelt, bewahrt. Wie ein Schwamm, der nicht nur Wasser aufnimmt, sondern auch Geschichten, Gerüche, Geräusche. Wenn ich heute am Wasser stehe, lösen sich die Jahre auf. Ich sehe sie wieder: Die grünen Wiesen, Felder in voller Kraft, Dörfer, die sich wie von selbst an den Rhein schmiegen. Höfe, die so nahe am Ufer liegen, dass man meint, ihre Seele sei mit dem Strom verwoben. Und all die kleinen Begebenheiten – Kinder, die Steine hüpfen lassen, Angler im ersten Licht, Nebel über der Flussbiegung – sie kehren zurück wie gute Freunde. Hier fühle ich mich ganz. Glücklich. Zufrieden. Nicht weil alles perfekt ist – sondern weil es echt ist. Weil dieser Ort mich erinnert, wer ich war, wer ich bin, und wohin meine Gedanken immer wieder reisen. Ich bin Wilhelm. Und der Rhein ist meine Geschichte.
Höfe, die so nahe am Ufer liegen, dass man meint, ihre Seele sei mit dem Strom verwoben.
Salvatore Adamo - Tombe la Neige
