Rudi dreht auf – Mit 80 Sachen durchs Abenteuer!
Ich wusste es. Irgendetwas war im Busch. Schon seit Wochen schlich Rudi, mein Schwager, mit einem verdächtig jugendlichen Grinsen durchs Haus. Immer wieder verschwand er für Stunden – angeblich „nur mal kurz zum Bäcker“. Aha. Mit Helm? Und dann – zack! – fiel mir dieses Foto in die Hände. Ein Schnappschuss, der alles veränderte: Rudi, 80 Jahre jung, in voller Montur auf einer Honda 1500 GL! Sonnenbrille, Lederjacke, der Fahrtwind zersaust sein schütteres Haar – ein Bild für die Götter! Und das Beste: Er dachte, niemand hätte ihn gesehen. Tja, falsch gedacht, Easy Rider! Ob er sich die Maschine wirklich kauft? Das steht noch in den Sternen. Vielleicht wartet er auf ein Zeichen von oben – oder auf einen Sonderrabatt für junggebliebene Draufgänger. Aber eines ist sicher: Wenn man die Schallgrenze von 80 Jahren durchbricht, darf man ruhig mal ein bisschen durchdrehen. Schließlich ist das Leben zu kurz für langweilige Spaziergänge im Park. Also, liebe Familie, haltet euch fest. Rudi ist zurück – und diesmal mit PS unter dem Hintern! Wir wünschen ihm allzeit gute Fahrt, einen stabilen Hüftschwung beim Aufsteigen und dass er beim nächsten Mal wenigstens versucht, unauffällig zu sein. Denn eines ist klar: Rudi wird nicht älter – er wird nur schneller!
Irgendetwas war im Busch.
Schon seit Wochen schlich Rudi, mein Schwager, mit einem verdächtig jugendlichen Grinsen durchs Haus.
Als die LKWs sich noch die Hand gaben – Erinnerungen aus Raesfeld / Erle
Neulich, beim digitalen Frühjahrsputz auf meiner alten Festplatte, stieß ich auf zwei Fotos, die mich direkt in eine andere Zeit katapultierten. Da stand er, Oktober 2013 mein alter Kumpel – der Tieflader mit der Planierraupe von der Firma Hoogen aus Alpen. Ein Anblick wie aus einem Heimatfilm für Baugerätefreunde. Ich erinnere mich noch genau: Ich hatte die Raupe gerade aus Raesfeld / Erle abgeholt. Dort, wo einst eine Tongrube war, hatte die Firma Hoogen eine Deponie für Bodenaushub eingerichtet. Zwei Jahre lang hat Adolf – der ungekrönte König der Raupenfahrer – dort seine Runden gedreht. Wenn einer wusste, wie man mit einer Planierraupe tanzt, dann er. Und jetzt? ( Oktober 2013) Jetzt war Schluss. Die Deponie war abgefertigt, die Maschinen wurden heimgeholt. Ein bisschen wie der letzte Schultag – nur mit mehr Dieselgeruch und weniger Tränen. Na ja, fast. Ich war fast täglich dort. Nicht, weil ich musste – sondern weil ich wollte. Boden abkippen war bei uns keine Pflicht, das war Leidenschaft! Und wenn man dann auf dem Platz ankam und sah, wie sich die LKWs quasi die Hand gaben – im übertragenen Sinne natürlich, obwohl ich schwören könnte, dass zwei MANs mal geblinkt haben wie zum Gruß – dann wusste man: Hier ist was los. An manchen Tagen standen da 30 Fahrzeuge gleichzeitig. Ein einziges Gewusel! Es hupte, es brummte, es wurde wild gestikuliert – und das waren nur die Fahrer. Jeder hatte was zu erzählen: Wer wo festgesteckt hatte, welcher Baggerfahrer wieder rückwärts besser fuhr als vorwärts, und natürlich die ewige Diskussion, ob der Kaffee aus dem Automaten wirklich Kaffee war oder doch nur flüssiger Zement. Und dann war da noch der Duft. Eine Mischung aus frischer Erde, Hydrauliköl und der legendären Leberwurststulle von Uwe, die er immer in der Fahrerkabine lagerte – Sommer wie Winter. Unvergessen. Ja, das war 'ne Zeit. Eine Zeit, in der man sich noch mit einem Kopfnicken verstand. In der man wusste, dass man sich aufeinander verlassen konnte – auch wenn der eine oder andere mal die Kippmulde nicht ganz getroffen hat. Passiert den Besten. Heute steht die Deponie still. Kein Motorengeräusch, kein Funkgerät, das knistert. Nur noch die Erinnerung – und eben diese Handvoll Fotos. Ein paar kleine Fenster in eine große Zeit. Und manchmal, wenn ich an einer Baustelle vorbeifahre und den Duft von frischem Asphalt rieche, dann höre ich sie wieder: das Brummen der Motoren, das Lachen der Kollegen, das leise Klirren der Thermoskanne im Fahrerhaus.
Ach, Raesfeld. Was warst du schön.
An manchen Tagen standen da 30 Fahrzeuge gleichzeitig.
Ein einziges Gewusel!
Campingabenteuer in Winterswijk – Eine unvergessliche Zeit Ende der 70er
Ach, was waren das für Zeiten! Es war irgendwann Ende der siebziger Jahre, als wir – Rosi, unser kleiner Norman und ich, Willi – beschlossen, dem Alltag ein Schnippchen zu schlagen und uns ein Stück Freiheit auf Rädern zu gönnen. Norman war gerade mal ein Jahr alt, als wir in der Nähe von Winterswijk in den Niederlanden einen Wohnwagen kauften. Kein Luxusmobil, aber für uns war es ein Palast auf Rädern.
Den Wagen ließen wir auf den Campingplatz der Familie Breuking bringen – ein idyllisches Fleckchen Erde, wo die Wiesen grüner, die Luft frischer und die Nachbarn freundlicher waren. Und als ob das Schicksal selbst Regie geführt hätte, war direkt neben unserem Schwager Bernhard Zwingenberg ein Stellplatz frei. Zack – unser neues Wochenenddomizil war perfekt. Fast jedes Wochenende packten wir unsere sieben Sachen – inklusive Norman, der zu der Zeit mehr Sand als Nahrung zu sich nahm – und fuhren nach Winterswijk. Dort wurde nicht nur entspannt, sondern auch ordentlich angepackt: Rasen mähen, Blumen pflanzen, Heringe einschlagen (die im Boden, nicht auf dem Teller!) – das alles wurde zu unserem neuen Hobby. Wer braucht schon Tennis, wenn man mit einem rostigen Rasenmäher über den Platz brettert? Und dann war da noch das legendäre Radrennen rund um Winterswijk. Keine Ahnung, wer auf die Idee kam, aber wir waren dabei – mit mehr Ehrgeiz als Kondition. Hauptsache, der Picknickkorb wartete im Ziel. Natürlich blieb auch der Humor nicht auf der Strecke. Als Neulinge auf dem Platz wurden wir mit einem ganz besonderen Willkommensgruß überrascht: Eine riesige Gummispinne im Kochtopf! Ein Schrei, ein Lacher, und schon waren wir offiziell aufgenommen in die Camping-Community. Die Verwandtschaft – allen voran Rosis Geschwister Klaus Dieter, Ernst und Gerda – hatte ihren Spaß. Und wir auch. Auf einem Foto aus dieser Zeit sieht man Tanja und Norman – beide etwa zwei oder drei Jahre alt – wie sie lachend im Gras tanzen, vermutlich waren sie gerade dabei, sich gegenseitig mit Kekskrümeln zu bewerfen oder heimlich Regenwürmer zu sammeln. Zwei kleine Campinghelden, die das Leben genauso genossen wie wir Großen.Wenn ich heute daran denke, spüre ich wieder den Duft von frisch gemähtem Gras, höre das Klappern der Zeltheringe und sehe uns alle lachend am Campingtisch sitzen. Winterswijk war mehr als nur ein Ort – es war ein Gefühl. Und dieses Gefühl bleibt.
Als Neulinge auf dem Platz wurden wir mit einem ganz besonderen Willkommensgruß überrascht:
Eine riesige Gummispinne im Kochtopf!
Ein Morgen mit Johann – Erinnerungen an einen besonderen Freund
Es war einer dieser stillen Momente, in denen man einfach nur durch alte Dateien klickt, ohne ein bestimmtes Ziel. Ich, Willi, saß wie so oft an meinem Computer und durchstöberte eine meiner vielen Festplatten. Plötzlich stieß ich auf einen Ordner mit dem Namen „Johann“. Und da war sie – diese Welle der Erinnerung, die einen ganz unerwartet trifft. Erst vor Kurzem hatte ich die traurige Nachricht erhalten: Johann war nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Ich konnte es kaum glauben. Es fühlte sich an, als hätte jemand ein Stück meiner Vergangenheit herausgerissen.
Ich erinnere mich besonders an einen Morgen im Oktober 2006. Damals arbeiteten wir beide bei der Papierfabrik Haindl in Walsum. Johann war nicht nur ein Kollege – er war ein Mensch, mit dem man lachen, reden und schweigen konnte, ohne dass es unangenehm wurde. An diesem Morgen hatten wir uns verabredet, um gemeinsam in der Rheinaue Walsum Fotos zu machen. Die Natur war unser gemeinsames Hobby, und wir beide hatten ein Auge für die kleinen, oft übersehenen Schönheiten am Wegesrand. Ich fuhr früh los, die Straßen waren noch leer, der Nebel hing über den Feldern. Johann wartete bereits auf dem kleinen Parkplatz direkt am Eingang zur Aue. Er wohnte damals ganz in der Nähe. Als ich ankam, grinste er mich an, wie er es immer tat – dieses verschmitzte, ehrliche Grinsen, das sofort gute Laune machte. Wir begrüßten uns herzlich, flachsten herum, als hätten wir uns ewig nicht gesehen, obwohl es vielleicht nur ein paar Tage her war. Unsere ersten Motive waren die Pferde gleich am Eingang. Die Tiere standen ruhig auf der Weide, der Morgentau glitzerte auf ihrem Fell. Dann kamen die Enten und Gänse, die sich im Wasser tummelten, und die Kühe, die auf den saftigen Wiesen grasten. Wir gingen langsam, ließen uns Zeit, hielten immer wieder inne, um Fotos zu machen oder einfach nur zu schauen. Es war einer dieser Tage, an denen die Welt stillzustehen schien – kein Lärm, kein Stress, nur Natur, Kamera und Freundschaft. Etwa in der Mitte der Aue setzten wir uns auf eine Bank. Wir schauten uns unsere Fotos an, lachten über verwackelte Aufnahmen und freuten uns über gelungene Schnappschüsse. Wir redeten über alles Mögliche – Arbeit, Familie, Träume, Erinnerungen. Es war kein tiefschürfendes Gespräch, aber eines, das hängen blieb. Weil es ehrlich war. Weil es leicht war. Weil es mit Johann war.Später gingen wir zurück zum Parkplatz, aber der Tag war noch nicht zu Ende. Ich begleitete Johann noch in seine Wohnung. Dort tranken wir einen Kaffee, redeten weiter, lachten noch ein bisschen. Es war ein ganz normaler Morgen – und doch war er besonders. Weil er sich eingebrannt hat. Weil ich ihn nie vergessen werde.Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen. Nur um noch einmal mit Johann durch die Aue zu gehen. Noch einmal sein Lachen zu hören, seine ruhige Art zu spüren. Johann war mehr als ein Kollege. Er war ein Freund. Ein Mensch, der Spuren hinterlassen hat – nicht laut, nicht aufdringlich, aber tief. Und manchmal reicht ein Ordner auf einer Festplatte, um all das wieder lebendig werden zu lassen.
Es war ein ganz normaler Morgen – und doch war er besonders.
Weil er sich eingebrannt hat.
Willi erinnert sich ans Hallenbad Walsum
Neulich, beim Stöbern nach alten Fotos von Walsum – so eine meiner liebsten Zeitreisen – stolpere ich über eine vergilbte Ansichtskarte. Und da war es: das alte Hallenbad. Zack, wie ein Sprung ins kalte Wasser, war ich wieder acht. Oder zehn. Irgendwas dazwischen. Jedenfalls jung, wild entschlossen und absolut wassersüchtig. Damals war ich eine echte Wasserratte. Wenn das Taschengeld reichte – und das war leider nicht immer der Fall, denn ein Zehner war damals schon ein kleiner Schatz – ging’s schnurstracks ins Hallenbad. Mein treuer Komplize: Jürgen Dreger. Oder Treger? Ach, das Gedächtnis ist auch nicht mehr das, was es mal war. Ist ja auch schon über 60 Jahre her. Aber wir zwei waren wie Flosse und Flipper – unzertrennlich und immer auf Tauchstation. Der Eintritt war ein kleines Ritual: Unten rein ins Gebäude, rechts der Schalter. Dort bekam man ein Ticket und – jetzt kommt’s – ein breites, farbiges Gummiband. Das trug man wie ein modisches Statement am Hand- oder Fußgelenk. Die Farbe verriet, wie lange man planschen durfte. Und wehe, man war noch im Wasser, wenn die Anzeige auf deine Farbe sprang – dann hieß es: „Raus da, oder nachzahlen!“ Und das war für uns arme Jungs natürlich der Super-GAU. Drinnen war’s herrlich. Das Becken dampfte, das Wasser war warm, und rundherum standen diese hölzernen Liegen auf einer kleinen Erhöhung. Direkt vor den riesigen Fenstern, durch die das Licht so schön fiel. Unter den Liegen verliefen dicke Heizungsrohre – unsere heimliche Spielwiese. Wir kippten regelmäßig Wasser drauf, und dann stieg der Dampf auf wie in einer finnischen Sauna. Das war unser kleines Spektakel. Natürlich nur, wenn der Bademeister gerade anderweitig beschäftigt war. Sonst gab’s Mecker. Und zwar ordentlich. Ich erinnere mich an das Gefühl, wenn man nach dem Schwimmen mit klappernden Zähnen, aber glückselig, wieder rausging. Die Haare noch nass, die Haut nach Chlor duftend – das war Freiheit. Das war Kindheit. Heute steht da ein Ärztehaus. Funktional, steril, irgendwie... erwachsen. Nur der Eingang erinnert noch an das, was einmal war. Und jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, spüre ich ein kleines Ziehen im Herzen. Nicht traurig – eher wie ein warmes Echo aus einer Zeit, in der ein Gummiband am Handgelenk das Tor zu einem ganzen Universum war.
Das Becken dampfte, das Wasser war warm, und rundherum standen diese hölzernen Liegen auf einer kleinen Erhöhung.
Willi und das Ungetüm in Grün – Eine Erinnerung an die wilden Siebziger.
Die grauen Zellen – manchmal sind sie wie alte Freunde, die plötzlich anrufen und sagen: „Weißt du noch?“ Und genau so war es neulich. Ich war gerade auf dem Weg zum Hausarzt, Montagmorgen, nichts Besonderes. Doch dann – zack! – ein Geräusch, ein tiefes Grollen, wie aus einer anderen Zeit. Und ehe ich mich versah, war ich nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern zurück in den Siebzigern. Ich steh da, mitten auf der Elperstraße, direkt vor unserem Elternhaus. Die Sonne glitzert auf dem Lack eines wahren Ungetüms: ein Oldsmobile Cutlass in schimmerndem Grünmetallic. Mein Spielzeug aus den späten Sechzigern. Mein ganzer Stolz. Diese Karre war kein Auto – das war ein Statement! Die Motorhaube? Ein Monument aus Stahl. So lang, dass man darauf locker ein Picknick hätte veranstalten können. Ich hab immer gesagt: Wenn du mit dem Ding abbiegen willst, brauchst du vorne einen Einweiser mit Funkgerät, der dir sagt, wann du das Lenkrad einschlagen darfst, damit du nicht mit dem Heck den Kantstein küsst. Aber das Beste – das wahre Herzstück – war das, was unter dieser Haube schlummerte: ein 5,7-Liter-V8-Motor mit satten 310 PS. Ein Biest! Wenn du den Schlüssel umgedreht hast, hat der Motor nicht einfach gestartet – er hat gebrüllt. Und ich? Ich hab jedes Mal Gänsehaut bekommen. Gekauft hab ich das Prachtstück von einem Rechtsanwalt aus Duisburg. Der wollte auf ein deutsches Auto umsteigen – wahrscheinlich was mit weniger Durst und mehr Vernunft. Ich dagegen wollte einfach nur fahren. Drei Tage lang war ich König der Straße. Drei Tage lang war ich der Typ mit dem grünen Monster. Und dann – wie das Leben so spielt – kam einer vorbei, sah das Auto, verliebte sich auf den ersten Blick und bot mir mehr als das Doppelte von dem, was ich bezahlt hatte. Tja, was soll ich sagen? Ich konnte einfach nicht nein sagen. Und so war ich wieder ohne Auto. Aber nicht lange. Damals, in den Siebzigern, da gab’s Gebrauchtwagen an jeder Ecke. Keine Onlinebörsen, keine Leasingverträge – nur ein bisschen Bargeld, ein fester Händedruck und los ging’s. Kurz darauf stand ein blauer 280er-Mercedes mit Automatik vor der Tür. Nicht ganz so viel Wumms wie der Oldsmobile, aber solide, zuverlässig – und Ersatzteile gab’s wie Sand am Meer. Ach, das waren Zeiten. Benzin roch noch nach Abenteuer, und jedes Auto hatte Charakter. Heute? Heute piepsen sie, wenn man zu nah an die Bordsteinkante kommt. Damals hat man halt einfach einen Einweiser auf die Haube geschnallt. Ja, die Erinnerung war ein schönes Geschenk. Und wer weiß – vielleicht kommt sie ja bald wieder vorbei, mit quietschenden Reifen und einem satten V8-Grollen im Gepäck.
Die Sonne glitzert auf dem Lack eines wahren Ungetüms: ein Oldsmobile Cutlass in schimmerndem Grünmetallic.
Wenn ich zurückblicke – Willi's Gedanken mit 73 Jahren
Man sagt oft: „Schau nach vorne, nicht zurück.“ Aber ich, Willi, schaue zurück. Nicht aus Wehmut, sondern aus Dankbarkeit. Denn meine Vergangenheit ist kein verblasstes Fotoalbum – sie ist lebendig, sie spricht zu mir, sie begleitet mich jeden Tag wie ein treuer Freund.
Mit 73 Jahren habe ich vieles erlebt. Ich habe geliebt, gelacht, gearbeitet, gestritten, gehofft und getrauert. Ich habe Kinder aufwachsen sehen, Freunde verloren, neue Wege eingeschlagen und alte Pfade verlassen. Und wenn ich heute in meinem Sessel sitze, mit einer Tasse Kaffee oder Tee in der Hand und dem Blick aus dem Fenster, dann kommen sie zu mir – diese Erinnerungen, leise und doch so kraftvoll. Ich sehe mich als Kind, barfuß auf dem Hof, den Sommerwind im Gesicht und das Lachen meiner Geschwister in den Ohren. Ich erinnere mich an die ersten Schuljahre, an den Geruch von Kreide und die Aufregung vor Klassenarbeiten. Ich denke an meine Jugend, an das erste Verliebtsein, an Musik, die heute kaum noch jemand kennt, und an Nächte, die nie enden sollten. Die Vergangenheit ist für mich kein Ort der Flucht, sondern ein Schatz. Sie ist voller Momente, die mich geprägt haben. Die mich gelehrt haben, was es heißt, Mensch zu sein. Und wenn ich heute zurückblicke, dann spüre ich nicht nur Nostalgie – ich spüre Leben. Echtes, tiefes Leben. Natürlich hat die Zeit auch ihre Spuren hinterlassen. Mein Körper ist nicht mehr so kräftig wie einst, mein Gedächtnis spielt manchmal Streiche, und die Welt um mich herum verändert sich schneller, als ich folgen kann. Aber meine Erinnerungen sind klar. Sie sind mein innerer Kompass, mein Zuhause. Wenn ich höre: „Schau nach vorne“, dann denke ich: Warum sollte ich das tun, wenn mein Herz doch rückwärts schlägt? Die Zukunft ist wichtig, ja – aber sie ist ungewiss. Die Vergangenheit hingegen ist mein Fundament. Sie ist das, worauf ich stehe. Und sie ist schön. So schön, dass ich sie nicht loslassen will. Ich bin kein Mann, der in der Vergangenheit lebt. Aber ich bin einer, der sie ehrt. Der sie liebt. Und der weiß: Ohne sie wäre ich nicht der, der ich heute bin.
Die Vergangenheit ist für mich kein Ort der Flucht,
sondern ein Schatz. Sie ist voller Momente, die mich geprägt haben.
Willi, der Filzhut und die goldenen Jahre von Hamborn
Es war irgendwann um 1973, vielleicht auch '74 – so genau weiß das heute keiner mehr. Aber eines ist sicher: In Hamborn brummten die Motoren, die Thermoskannen waren stets gut gefüllt, und die besten Geschichten wurden nicht in Büchern geschrieben, sondern auf der Ladefläche eines LKWs erzählt. Willi war damals König der Straße – zumindest zwischen dem Lagerplatz von H. van Wahnem und den unzähligen Baustellen, deren genaue Lage heute niemand mehr so recht benennen kann. Vielleicht war’s Marxloh, vielleicht auch Beeckerwerth. Egal. Hauptsache, der Kaffee war heiß und der Diesel billig. An seiner Seite: die legendären Baggerfahrer Adolf und Isidor – zwei Typen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Adolf, der mit seinem Bagger so feinfühlig war, dass er einem Regenwurm das Rückgrat massieren konnte. Und Isidor, der mit seinem Seilbagger lieber durch die halbe Baugrube pflügte, als sich mit Zentimetern aufzuhalten. Zusammen waren sie das unschlagbare Trio – eine Mischung aus Baustellen-Ballett und Ruhrpott-Kabarett. Und dann war da noch dieses Foto. Gefunden auf einer alten Festplatte, zwischen vergessenen Urlaubsbildern und einem Ordner namens „Wichtig!!!“ (der natürlich leer war). Darauf zu sehen: Ich, Wilhelm, in der heimischen Küche, die Thermoskanne immer dabei, bereit für den nächsten Einsatz. Auf dem Kopf: der legendäre Filzhut von Onkel Fritz aus dem Saarland – ein echtes Unikat, das mehr Kilometer auf dem Buckel hatte als mancher 16-Tonner. Und der Spazierstock? Der war mehr Zierde als Stütze, aber er verlieh dir den eleganten Touch eines Fernfahrers mit Stil. Die Pausen zu Hause waren heilig. Während andere Kollegen ihre Stullen auf staubigen Baustellenbänken verdrückten, zog es dich in die heimische Küche – wo der Kaffee nicht nach Altöl schmeckte und die Butterbrote nicht schon um sechs Uhr morgens geschwitzt hatten. Es war eine Zeit, in der man sich noch mit einem kräftigen Händedruck begrüßte, in der der CB-Funk mehr Drama bot als jede Fernsehserie, und in der man wusste, dass man sich aufeinander verlassen konnte – ob beim Einweisen in die enge Einfahrt oder beim gemeinsamen Feierabendbier in dem Pausenraum auf'm Platz. Heute? Heute ist der Filzhut verschwunden, der Spazierstock auch. Die Baustellen sind längst überbaut, und die alten Kollegen fahren vielleicht nur noch im Traum ihre Maschinen. Aber die Erinnerungen – die tuckern weiter, irgendwo zwischen Herz und Hirn, mit 80 Sachen auf der Überholspur der Nostalgie. Und wenn du heute das Foto anschaust, dann hörst du vielleicht noch das Rattern des Motors, das Lachen von Adolf, das Fluchen von Isidor und das leise „Klick“ der Thermoskanne, wenn der Kaffee eingeschenkt wird. War 'ne schöne Zeit. Und sie lebt weiter – in Geschichten wie dieser.
Und dann war da noch dieses Foto. Gefunden auf einer alten Festplatte,
zwischen vergessenen Urlaubsbildern und einem Ordner namens „Wichtig!!!“
Damals in Böken – Sommer 1962
Ach, 1962… das war ein Sommer, wie man ihn heute nur noch in alten Liedern findet. Ich war gerade mal zehn Jahre alt, aber fühlte mich wie der König der Welt – oder zumindest wie der König von Böken. Und das will was heißen, denn Böken, das war nicht gerade Paris oder New York. Nein, Böken war… naja, Böken eben. Ein kleines Dörfchen bei Neumünster, das man heute nur noch findet, wenn man sich mit dem Navi verirrt oder einen besonders poetischen Umweg fährt.Wir waren zehn Kinder. Zehn! Heute würde man dafür wahrscheinlich einen eigenen Fernsehsender bekommen. Damals bedeutete das vor allem eins: Wenn Sommerferien waren, musste man uns irgendwie loswerden. Unsere Eltern hatten schließlich genug damit zu tun, den Alltag zu wuppen. Mein Vater war Hauer auf dem Pütt in Duisburg – unter Tage, mit Helm, Grubenlampe und dem ganzen Gedöns. Ein harter Knochen, der sich für uns den Buckel krumm geschuftet hat. Und Mama? Die hatte das Kommando über eine wilde Horde, die jeden Tag wie ein Sack Flöhe durch die Wohnung tobte. Also wurden wir in den Ferien verteilt wie Spielkarten – jeder zu einem anderen Verwandten. Ich hatte Glück. Mich verschlug es nach Böken, zu Onkel Fritz, einem Cousin von Mama. Der hatte einen kleinen Bauernhof, ein paar Kühe, ein paar Hühner und einen Trecker, der mehr Öl verlor als mein alter Moped später Sprit. Aber das war egal – ich durfte mit dem Trecker zum Melken fahren! Ich, kleiner Willi, mit flatternden Ohren und viel zu großen Gummistiefeln, auf dem Bock wie ein echter Landwirt. Ich sag euch: Das war Freiheit! Und dann war da noch der alte Mercedes. Der stand schon ewig auf dem Hof, fuhr keinen Meter mehr, aber für uns Kinder war das ein Raumschiff, ein Piratenschiff, ein Fluchtauto nach Amerika – je nachdem, was wir gerade spielten. Ich saß oft am Steuer, drehte an einem Lenkrad, das sich anfühlte wie ein Mühlstein, und brüllte: „Festhalten, wir heben ab!“ Die Mädchen von Onkel Fritz – meine Cousinen – waren meine treuen Co-Pilotinnen. Wir haben gelacht, gestritten, uns vertragen und wieder gelacht. So wie Kinder das eben machen. Abends roch ich nach Heu, Kuhstall und Abenteuer. Ich schlief auf einer Matratze, die mehr Federn hatte als ein Hühnerstall, und träumte von Traktorrallyes und geheimen Schatzsuchen im Maisfeld. Und morgens weckte mich kein Wecker, sondern der Hahn, der offenbar dachte, er sei ein Rockstar. Weißt du, heute, wenn ich durch Böken fahre – ja, manchmal tue ich das noch im Traum – dann steht der alte Hof leer. Der Mercedes ist längst weg, wahrscheinlich zu Cola-Dosen verarbeitet. Aber wenn ich die Augen schließe, höre ich das Lachen, das Quietschen der alten Scheunentür und das Brummen des Treckers. Und dann bin ich wieder zehn. Und es ist wieder Sommer. Und alles ist möglich. Ach ja… das war eine Zeit. Eine tolle Zeit. Und manchmal, wenn ich ganz still bin, glaube ich, der alte Mercedes wartet noch irgendwo auf mich.
Also wurden wir in den Ferien verteilt wie Spielkarten – jeder zu einem anderen Verwandten.
Mit dem Ford 20 M durch die Eifel
Also, wenn ich mir die alten Fotos so anschaue – da steht er, unser ganzer Stolz: der Ford 20 M. Ein echtes Schlachtschiff in Braun-Metallic, mit mehr Chrom als ein amerikanischer Kühlschrank und einem Sound, der irgendwo zwischen sonorem Brummen und heiserem Röcheln pendelte. Aber er fuhr. Meistens. Und wenn nicht, hatte ich ja meine Geheimwaffe: frische Zündkontakte im Handschuhfach. Ich sag mal so – andere hatten Pflaster, ich hatte Bosch. Damals – das muss irgendwann in den 70ern gewesen sein, als Schlaghosen noch nicht ironisch waren – sind wir mit dem guten Stück nach Saarbrücken gedüst. Oder besser gesagt: gemütlich gegondelt. Mit an Bord: Rosi (meine bessere Hälfte mit dem besseren Orientierungssinn), unser Sohn Norman (damals noch klein, aber schon mit großem Appetit auf Pausenbrote), und Rosis Mutter Elisabeth – eine Frau, die selbst bei 30 Grad im Schatten noch einen Mantel trug, „weil’s ja ziehen könnte“. Ziel der Reise: Hillbringen. Dort wohnten Onkel Fritz und Tante Lestin – zwei Originale, wie sie im Buche stehen. Rosi's Mutter blieb dort immer ein paar Wochen zur Erholung. Ich vermute ja bis heute, sie wollte einfach mal ein paar Tage ohne meine Bastelaktionen am Auto verbringen. Verständlich. Die Hinfahrt war wie immer ein kleines Abenteuer. Wir fuhren durch die Eifel, weil ich der festen Überzeugung war, dass man auf der Autobahn nichts erlebt außer Rückenschmerzen und Radiogedudel. In der Eifel hingegen gibt’s Kurven, Kühe und Kaffeepausen mit Aussicht. Und natürlich – wie sollte es anders sein – irgendwann ein kleines Zündproblem. Aber Willi wäre nicht Willi, wenn er nicht mit einem Schraubenzieher zwischen den Zähnen und ölverschmierten Fingern am Straßenrand gestanden hätte, während Elisabeth aus dem Fenster rief: „Willi, beeil dich, ich hab Rücken!“ Nach dem erfolgreichen Abliefern von Elisabeth – sie winkte uns mit einem Lächeln und einem „Vergesst mich nicht!“ hinterher – machten wir noch einen Abstecher zu Rudi. Rudi war so eine Art wandelndes Lexikon für alles, was vier Räder hatte. Bei ihm gab’s immer Kaffee, Kuchen und mindestens drei neue Theorien, warum mein Ford „nicht ganz rund“ lief. Wir blieben ein paar Stunden, redeten über Vergaser, Ventile und das Wetter, und dann ging’s wieder heimwärts. Ich sag’s euch: Diese Fahrten waren keine Urlaube – das waren Expeditionen. Ohne Navi, ohne Klimaanlage, aber mit viel Herz, Humor und dem ständigen Nervenkitzel, ob der Wagen die nächste Steigung schafft. Und trotzdem – oder gerade deswegen – war’s eine herrliche Zeit. Der Sommer roch nach Benzin, Freiheit und ein bisschen nach Öl. Und ich? Ich war mittendrin. Mal wieder verheddert, aber glücklich.
Hillbringen. Dort wohnten Onkel Fritz und Tante Lestin –
zwei Originale, wie sie im Buche stehen. Rosi's Mutter blieb dort immer ein paar Wochen zur Erholung.
Von Wurst zu Wow – Wie ein BMW 502 meine Einkaufsliste pulverisierte
Ach, die grauen Zellen – manchmal sind sie wie ein alter Fernseher: Man haut einmal drauf, und zack, das Bild ist wieder da! So war’s auch diesmal. Keine dramatische Offenbarung, kein Geheul à la Rosamunde Pilcher, sondern einfach eine Erinnerung, die sich aus dem Staub der Jahrzehnte erhob wie ein Phönix aus der Asche – oder besser gesagt: wie ein BMW 502 aus der Metzgerei-Schaufensterscheibe.
Stellt euch vor: Walsum, 1962. Ich, Willi, zehn Jahre jung, mit dem Auftrag bewaffnet, irgendwas aus der Metzgerei Schänzer zu holen. Was genau? Keine Ahnung. Mein Gedächtnis hat da wohl gerade Mittagspause gemacht. Aber egal – ich also los, voller Tatendrang, die Mission: Fleisch. Der Weg war kurz, die Motivation groß (ich meine, es ging um Wurst, Leute!). An der Ecke rechts, dann wieder rechts – und da stand er. Nein, nicht der Metzger. Also doch, auch. Aber eigentlich stand da ein Monument auf vier Rädern. Unser Metzger – ja, unser, immerhin hat er uns mal ein Schwein geschlachtet, das verbindet – hatte sich einen BMW 502 gegönnt. Einen echten Barockengel! Ich sag euch, das Ding war so lang, da hätte man drauf kegeln können. Die Motorhaube? Länger als meine damalige Mathe-Hausaufgabe. Und das will was heißen. Ich stand da wie vom Blitz getroffen. Der Einkauf? Komplett gelöscht aus dem Arbeitsspeicher. Stattdessen: Sabbern, Staunen, Schwören. Ich, Willi, zehn Jahre alt, beschloss in diesem Moment: So ein Teil will ich auch mal fahren! (Spoiler: Hat nicht ganz geklappt. Aber dazu später.) Natürlich musste ich unverrichteter Dinge wieder heim – ohne Wurst, aber mit leuchtenden Augen und einem Redeschwall, der selbst Tante Erna beim Kaffeekränzchen neidisch gemacht hätte. Ich glaube, Papa hat mir gar nicht richtig zugehört, sondern sich direkt selbst auf den Weg gemacht, um das rollende Schlachtschiff zu begutachten. Heimlich, versteht sich. Männer und ihre Autos – das ist wie Mett und Brötchen, gehört einfach zusammen. Der BMW wurde zum inoffiziellen Wahrzeichen von Walsum. Jeden Morgen auf dem Schulweg hab ich ihn bewundert, als wär’s der Eiffelturm auf Rädern. Und dann – eines Tages – war er weg. Einfach so. Puff. Fort. Wahrscheinlich hat er sich in eine Garage zurückgezogen, um seine Motorhaube zu polieren. Aber das Schicksal hatte ein Einsehen: Papa kaufte uns einen Borgward Isabella. Kein BMW, aber immerhin ein Straßenkreuzer. Und ich durfte hinten sitzen und so tun, als wär ich der Kapitän auf der Brücke. Kurs: Schulhof. Geschwindigkeit: Schneckentempo. Stolz: Unermesslich.
Moral von der Geschicht’?
Manchmal ist der Weg zur Wurst gepflastert mit automobilen Offenbarungen. Und wenn man schon vergisst, was man einkaufen sollte, dann bitte wenigstens aus gutem Grund – wie einem BMW, der aussieht wie ein Ozeandampfer mit Hupe.
Einen echten Barockengel! Ich sag euch, das Ding war so lang, da hätte man drauf kegeln können.
Willi und der Anker
Willi und der Anker – Eine Gehirnwindung auf Abwegen
Also Leute, haltet euch fest – meine grauen Zellen haben sich mal wieder zusammengerottet und beschlossen, mir ein Geschenk zu machen. Kein Gutschein für den Baumarkt, kein Hörgerät mit Bluetooth, sondern: eine Erinnerung! Jawohl! Und was für eine. Ich mach die Augen zu, und zack – bin ich wieder im Jahr 1968. Die Haare voller Pomade, die Stimme noch im Stimmbruch, und das Hirn... na ja, sagen wir: in der Testphase. Ich war damals stolze 16 Jahre alt und Schiffsjunge auf der „Meeuw 2“, einem niederländischen Motorschiff. Der Name klingt wie ein Nieser mit Windstärke 8, aber das Schiff war solide. Mein Kapitän war gerade in Amsterdam unterwegs – wahrscheinlich auf der Suche nach dem besten Matjesbrötchen der Stadt – und ich hatte Pause. Also stand ich da, auf Deck, mit der Eleganz eines pubertierenden Seemanns, und ließ meinen Blick schweifen. Da sah ich ihn. Den Anker. Nicht irgendein Anker – nein, ein Prachtexemplar! Gut, „klein“ ist relativ. Er wog 50 Kilo, also ungefähr so viel wie ich nach drei Wochen Schiffskost. Das Ding lag da wie ein schlafender Riese auf dem Vorschiff eines umgebauten Frachters, der jetzt als Hausboot diente. Ich war sofort verliebt. In den Anker, nicht ins Hausboot. Obwohl... das hatte auch Charme. So wie ein alter Turnschuh mit Blümchentapete. Ich suchte den Besitzer – und wie es sich für Amsterdam gehört, war es natürlich ein Niederländer. Freundlich, mit einem Akzent, der klang wie Käse auf Rädern. Ich konnte mittlerweile ganz passabel Niederländisch, also unterhielten wir uns über den Anker. Ich bot ihm 25 Gulden. Damals gab’s noch keine Euros, und ein Gulden war so etwas wie ein Goldstück mit Fahrradklingel. Der Mann überlegte kurz, dann sagte er: „50 Euro.“ Ich war verwirrt. Euro? In 1968? Ich dachte, ich hätte einen Zeitreisenden vor mir. Aber ich war jung und höflich, also sagte ich einfach: „Deal!“ Und so wurde ich stolzer Besitzer eines Patentankers. Ein Anker, der sich immer eingräbt – egal wie er fällt. Also quasi der Chuck Norris unter den Ankern. Ich schleppte das Ding nach Hause – vermutlich mit Hilfe von drei Passanten, einem Rollbrett und einem halben Nervenzusammenbruch – und schenkte ihn meinem Vater. Der war begeistert. Er baute eine Stütze, stellte den Anker in den Garten und lackierte ihn regelmäßig. Der Anker wurde zum Familienmitglied. Er bekam mehr Pflege als unser Pudel. Der Anker. Mein erster großer Deal. Mein erstes echtes Gewicht. Und jedes Mal, wenn ich ihn sah, dachte ich: „Gut gemacht, Willi. Du hast nicht nur einen Anker gekauft – du hast eine Geschichte geangelt.“
Das Ding lag da wie ein schlafender Riese auf dem Vorschiff
eines umgebauten Frachters, der jetzt als Hausboot diente.
🚲Willi und die Scheiben der Vergangenheit🚲
Ich bin Willi. 73 Jahre jung – na gut, das mit dem „jung“ ist Ansichtssache. Aber im Kopf bin ich manchmal noch der Lausbub von damals, der mit seinem klapprigen Fahrrad durch Walsum düste, als gäbe es kein Morgen. Damals, ich war vielleicht zehn oder elf, hatte mein Drahtesel mehr Rost als Farbe, aber er war mein treuer Begleiter. Ich fuhr die Theodor-Heuss-Straße entlang, vorbei am Großmarkt, der damals noch richtig was hermachte – da roch es nach frischem Obst, alten Kisten und dem typischen „Marktgeschrei“, das heute nur noch in nostalgischen Hörspielen vorkommt. Bei Opel Götzen war richtig Betrieb. Da standen die Autos noch wie frisch polierte Schätze, und die Mechaniker hatten Öl an den Händen und Geschichten auf den Lippen. Ich fuhr weiter, Richtung Rheinfähre, mit dem Wind in den Haaren – na ja, was davon übrig war – und dem Gefühl, die Welt zu erobern. Dann kam ich zur alten Zellstofffabrik. Ein riesiger Klotz aus Beton und Geschichte. Die Halle war verfallen, die Scheiben kaputt – ein Paradies für jeden kleinen Rabauken mit einem Hang zur Zerstörung. Ich suchte Steine, um auch die letzten Fenster ihrem Schicksal zuzuführen. Aber der Zaun! Der vermaledeite Zaun war zu weit weg. Ich hätte einen Raketenwerfer gebraucht, um da ranzukommen. Jahre später – und ich meine wirklich Jahre, mit grauen Haaren und Rückenschmerzen als ständige Begleiter – arbeitete ich genau dort. Die alte Ruine wurde zur Papierfabrik Haindl. Acht Jahre lang war ich Teil dieser neuen Geschichte. Ich kannte jede Maschine beim Namen und jeden Kollegen beim Spitznamen. Heute? Wenn man da vorbeifährt, sieht man nur Lagerhallen und Container. Die Fabrik ist weg, als hätte sie sich in Papier aufgelöst. Die Rheinstraße und Fährstraße führen an Erinnerungen vorbei, die nur noch in meinem Kopf lebendig sind. So ist das Leben. Man denkt, man hält die Zeit fest – und dann merkt man, dass sie einem längst durch die Finger geronnen ist. Aber weißt du was? Solange ich mich erinnere, lebt sie weiter. Und vielleicht, wenn ich’s jemandem erzähle, lebt sie auch ein bisschen in dessen Kopf.
Dann kam ich zur alten Zellstofffabrik. Ein riesiger Klotz aus Beton
und Geschichte. Die Halle war verfallen, die Scheiben kaputt.
Willi und der Glanzkuchenzauber
Es war ein frostiger Morgen am 22. November, irgendwann in den 50ern, als der kleine Willi – heute ein stattlicher Herr von 73 Jahren mit mehr Geschichten als Haare auf dem Kopf – seinen zehnten Geburtstag feierte. Damals schlief er noch oben im Doppelbett, das so knarzte, dass es bei jeder Bewegung klang, als würde ein alter Seemann sein letztes Lied pfeifen.
Die Sonne hatte sich noch nicht blicken lassen, wahrscheinlich war sie selbst noch im Winterschlaf. Doch plötzlich – quietsch – ging die Tür auf. Und da stand sie: Mutti. In ihrem geblümten Morgenmantel, der schon bessere Zeiten gesehen hatte, aber immer noch nach Lavendel und Geborgenheit roch. In der Hand hielt sie einen Teller, auf dem ein Stück Glanzkuchen thronte wie ein König auf seinem Marmorthron. Und mittendrin: eine kleine, flackernde Kerze, die tapfer gegen die Dunkelheit ankämpfte.
„Herzlichen Glückwunsch, mein Junge“, sagte sie – oder so ähnlich. Willi war noch halb im Traumland, irgendwo zwischen Ritterburg und Mathehausaufgaben. Doch der Duft des Glanzkuchens – dieser süße, buttrige, leicht karamellige Duft – holte ihn zurück in die Realität. Und was für eine Rückkehr das war! Gerade als er sich noch die Augen rieb, zauberte Mutti ein Comic-Heft hinter ihrem Rücken hervor. Kein gewöhnliches Heft, nein! Es war Prinz Eisenherz. Der Titel glänzte silbern, als hätte jemand Sternenstaub darübergestreut. Willi war schlagartig hellwach. Hätte man ihm in dem Moment ein Schwert in die Hand gedrückt, er hätte sich sofort auf den Weg gemacht, Drachen zu erschlagen und Prinzessinnen zu retten – oder zumindest den kleinen Dieter aus der Parallelklasse zu beeindrucken.
Von diesem Tag an war Willi ein glühender Verehrer des edlen Ritters mit dem wallenden Haar. Er zeichnete Schwerter in seine Schulhefte, bastelte sich einen Helm aus Pappkarton und bestand darauf, dass man ihn nur noch „Sir Willibald von der Matratzenburg“ nennen sollte. Die Lehrer waren wenig begeistert, aber Willi war in seinem Element. Heute, 63 Jahre später, sitzt Willi in seinem Sessel, ein dampfender Kaffee in der Hand, und denkt zurück an diesen Morgen. An den Glanzkuchen, der besser schmeckte als jede Schwarzwälder Kirschtorte. An Mutti, die mit einem Lächeln mehr Wärme schenkte als jede Heizung. Und an Prinz Eisenherz, der ihm zeigte, dass man mit Fantasie jede Realität ein bisschen bunter machen kann. „Ach, die gute alte Zeit“, murmelt Willi und lächelt. Dann nimmt er einen Schluck Kaffee, schaut aus dem Fenster in den grauen Dezemberhimmel – und ist sich sicher: Wenn er heute ein Schwert hätte, würde er es immer noch schwingen. Vielleicht nicht mehr gegen Drachen, aber ganz sicher gegen die Fernbedienung, die sich mal wieder unter dem Sofa versteckt hat.
In der Hand hielt sie einen Teller, auf dem ein Stück Glanzkuchen
thronte wie ein König auf seinem Marmorthron.
Willi und der Winterwunder-Wahnsinn von Walsum
Wenn ich heute aus dem Fenster schaue und sehe, wie ein paar harmlose Schneeflöckchen auf den Asphalt rieseln und sofort wieder schmelzen, muss ich schmunzeln. Damals, in Walsum, in den guten alten Tagen, da war der Winter noch ein richtiger Kerl. Kein zartes Rieseln, sondern ein Schneesturm, der einem das Gefühl gab, man lebe in der Arktis – nur ohne Eisbären, dafür mit neun Geschwistern, die alle gleichzeitig ins Badezimmer wollten.
Ich war 14, hieß Willi, und hatte einen Schatz im Keller: meinen Schlitten. Kein Plastikding wie heute, sondern ein echtes Holzbrett auf Kufen, mit dem stolzen Namen „DAVOS“ in fetten Lettern drauf. Allein der Name klang schon nach Abenteuer, nach Alpen, nach waghalsigen Abfahrten und heldenhaften Stürzen.
Aber bevor es überhaupt losgehen konnte, mussten wir uns erstmal aus dem Haus schaufeln. Kein Witz – der Schnee lag so hoch, dass man dachte, man wohnt in einem Iglu. Wir Kinder bildeten eine Schneeräum-Kolonne, bewaffnet mit alten Besen, Kochtöpfen und dem, was wir halt so finden konnten. Mein Bruder Erhard versuchte es sogar mal mit einem Bratpfannenboden. Hat nicht funktioniert, aber wir haben Tränen gelacht.
Dann kam der große Moment: Ich holte meinen DAVOS aus dem Keller. Der war über den Sommer ein bisschen eingestaubt, aber das machte ihn nur noch ehrwürdiger. Mein Schwager Peter – ein Mann mit mehr Ideen als Verstand (er möge mir verzeihen)– hatte eine geniale Eingebung: „Willi, wir hängen deinen Schlitten ans Auto!“
Ich war sofort dabei. Peter knotete ein Seil an die Stoßstange seines alten Ford 17m , ich setzte mich drauf – und los ging die wilde Fahrt durch die verschneiten Straßen von Walsum. Der Wind peitschte mir ins Gesicht, meine Mütze flog davon, aber ich lachte wie ein Verrückter. Es war, als würde ich fliegen – nur mit mehr Schnee im Gesicht.
Natürlich blieb es nicht bei mir. Erst kam mein Bruder Dirk dazu, dann meine Schwester Rosi mit einem alten Wäschekorb (sie hatte keinen Schlitten, aber Improvisation war unsere Superkraft). Am Ende hingen wir zu siebt hinter dem Auto, wie eine Karawane der Kindheit, kreischend, lachend, halb erfroren – aber glücklich.
Und dann war da noch unser Hausberg hinter der Elperstraße. Ein aufgeschütteter Hügel, vielleicht 20 Meter hoch, aber für uns Kinder war das der Mount Everest. Wer da runterfuhr, war ein Held. Ich erinnere mich noch, wie ich oben stand, den DAVOS unter mir, das Herz klopfte bis zum Hals. „Jetzt oder nie“, dachte ich – und dann ging’s los. Rasant, rutschig, rasant und rutschig. Ich flog fast über den Rand, landete im Schnee, halb begraben, aber mit einem Grinsen bis zu den Ohren.
Heute? Heute gibt’s keine DAVOS-Schlitten mehr, sondern Apps, die einem sagen, wie kalt es draußen ist. Damals hat man das einfach gemerkt – an den klammen Fingern, den roten Nasen und dem Gefühl, dass man lebendig ist.
Ach, Walsum im Winter… das war keine Jahreszeit, das war ein Abenteuer. Und ich? Ich war mittendrin – mit neun Geschwistern, einem verrückten Schwager und einem Schlitten, der mehr erlebt hat als mancher Kleinwagen.
Kein Witz – der Schnee lag so hoch, dass man dachte, man wohnt in einem Iglu.
Winterabend im Stall
Der Tag war kurz gewesen, wie es im Dezember eben so ist. Schon am Nachmittag hatte sich der Himmel grau gefärbt, und als Willi mit der Mistgabel in der Hand aus dem Stall trat, fielen die ersten dicken Schneeflocken vom Himmel. Sie tanzten langsam und lautlos durch die Luft, legten sich auf die Dächer, auf die Felder, auf Willis Schultern – und verwandelten den Hof in eine stille, weiße Welt.
Drinnen im Kuhstall war es warm. Der Atem der Tiere stieg in kleinen Wölkchen auf, und das leise Schnauben und Kauen der Kühe erfüllte den Raum mit einer beruhigenden Melodie. Willi schob das frische Stroh in die Boxen, während Wilfried die Tränken kontrollierte. „Wenn’s so weiter schneit, sind wir morgen früh eingeschneit“, murmelte er, ohne aufzublicken. Willi grinste. Der Gedanke gefiel ihm.
Als die Arbeit getan war, stapften sie durch den knirschenden Schnee zurück zum Wohnhaus. Die Fenster leuchteten golden, und aus dem Schornstein stieg Rauch in den dunkler werdenden Himmel. Drinnen roch es nach Zimt, nach Bratäpfeln und nach dem Holzfeuer, das im Ofen knisterte. Frau Hochstein hatte Tee gekocht, und auf dem Tisch stand ein Teller mit frisch gebackenen Plätzchen – Vanillekipferl, Zimtsterne, Buttergebäck.
Willi setzte sich auf die Bank am Ofen, zog die klammen Stiefel aus und hielt die Hände über die warme Herdplatte. Seine Finger waren rot vor Kälte, aber sein Herz war voller Wärme. Wilfried setzte sich dazu, nahm einen Schluck Tee und sagte: „Weißt du, das ist das Schönste am Winter – wenn draußen alles still ist und drinnen das Leben pulsiert.“
Später, als draußen der Wind durch die Bäume pfiff und der Schnee leise gegen die Fensterscheiben tanzte, kroch Willi unter seine dicke Wolldecke im kleinen Gästezimmer. Durch das Fenster konnte er den Hof sehen – eingehüllt in Schnee, friedlich, wie gemalt. Er hörte noch das ferne Muhen einer Kuh, das Knacken des Holzes im Ofen, und dann schlief er ein – mit einem Lächeln im Gesicht und dem Gefühl, dass es keinen besseren Ort auf der Welt geben konnte als diesen Hof, an einem Winterabend in Böken.
Drinnen roch es nach Zimt, nach Bratäpfeln und nach dem Holzfeuer, das im Ofen knisterte.
Der Tag des entlaufenen Ferkels
Es war ein warmer Julitag, die Sonne stand hoch am Himmel, und der Duft von frisch gemähtem Gras lag in der Luft. Willi war schon früh auf den Beinen gewesen, hatte die Kühe gemolken, die Tränken aufgefüllt und mit Wilfried die Futterrationen für die Schweine vorbereitet. Alles lief wie am Schnürchen – bis plötzlich ein lauter Aufschrei vom Schweinestall kam. „Willi! Ein Ferkel ist ausgebüxt!“, rief Wilfried, während er sich hektisch den Strohhut aufsetzte. Willi ließ die Mistgabel fallen und rannte los. Und tatsächlich – ein kleines, rosiges Ferkel hatte es geschafft, sich durch ein Loch im Zaun zu zwängen und rannte nun quietschend über den Hof, als hätte es den größten Spaß seines Lebens. Was folgte, war eine wilde Jagd. Das Ferkel war flink, wendig und schien genau zu wissen, wie es seinen Verfolgern entwischen konnte. Es schoss unter den Trecker, durch die Scheune, zwischen den Kühen hindurch und schließlich hinaus auf die Wiese. Willi rannte hinterher, stolperte über eine Wurzel, rappelte sich wieder auf und lachte – denn so anstrengend es war, es machte auch einen Heidenspaß. Schließlich, nach einer halben Stunde, gelang es Willi, das kleine Ausreißer-Ferkel mit einem alten Kartoffelsack einzufangen. Es quiekte empört, aber als Wilfried es auf den Arm nahm und ihm beruhigend über den Rücken strich, wurde es ganz still. „Du hast das gut gemacht, Willi“, sagte Wilfried und klopfte ihm auf die Schulter. Es war das erste Mal, dass er ihn so offen lobte. Willi spürte, wie sein Herz vor Stolz pochte. In diesem Moment wusste er: Er war nicht mehr nur der Junge aus der Stadt – er war ein Teil dieses Hofes geworden. Am Abend saßen sie gemeinsam am Küchentisch. Frau Hochstein hatte frischen Rhabarberkuchen gebacken, und während draußen die Grillen zirpten und die Sonne langsam unterging, erzählte Willi lachend von seiner Verfolgungsjagd. Alle lachten mit, sogar Wilfried – ein leises, kurzes Lachen, aber es war da. Und so wurde dieser Tag, der mit einem entlaufenen Ferkel begann, zu einem der schönsten in Willis Zeit in Böken. Ein Tag voller Leben, Lachen und dem Gefühl, angekommen zu sein.
Das Ferkel war flink, wendig und schien genau zu wissen, wie es seinen Verfolgern entwischen konnte.
Der erste Tag auf dem Hochstein-Hof
Es war ein frischer Morgen, als Willi mit seinem kleinen Koffer am Rand des Dorfes Böken stand. Die Straße war noch feucht vom Tau, und die Felder dampften leicht in der aufgehenden Sonne. Er war gerade mal 14 Jahre alt, die Schulzeit lag hinter ihm, und vor ihm lag etwas völlig Neues: das Leben als Landwirt – und das auf einem richtigen Bauernhof. Der Hof der Familie Hochstein war ein stattliches Anwesen mit roten Backsteinmauern, einem großen Stallgebäude und einem Trecker, der aussah, als hätte er schon viele Sommer und Winter erlebt. Als Willi das erste Mal durch das Tor trat, bellte ein Hund, Hühner flatterten aufgeregt zur Seite, und aus dem Kuhstall drang ein tiefes, zufriedenes Muhen. Wilfried Hochstein, der Sohn der Familie, stand bereits mit verschränkten Armen im Hof. Groß gewachsen, wettergegerbtes Gesicht, ein Mann, der wusste, wie man zupackt. „Na, du bist also der Neue“, sagte er knapp, aber nicht unfreundlich. Willi nickte, ein bisschen nervös, aber auch voller Tatendrang. Der Tag begann direkt mit Arbeit. Keine lange Einführung, kein Herumstehen – Wilfried zeigte ihm den Kuhstall, in dem über fünfzig Kühe standen, jede mit ihrem eigenen Namen und Temperament. Willi durfte gleich mithelfen beim Füttern, und als er zum ersten Mal eine Mistgabel in die Hand nahm, spürte er: Das hier war kein Klassenzimmer – das war echtes Leben. Dann kam der Schweinestall. Der Lärm war überwältigend – Grunzen, Quieken, Schmatzen. Ferkel wuselten durcheinander, und Willi musste aufpassen, wohin er trat. Aber auch hier packte er mit an, lernte, wie man füttert, wie man sauber macht, wie man sich Respekt verschafft – auch bei den Schweinen. Am Nachmittag durfte er zum ersten Mal auf den Trecker steigen. Wilfried setzte sich neben ihn, erklärte die Hebel, die Kupplung, das Gas. Und dann – durfte Willi selbst fahren. Langsam, ruckelig, aber stolz wie ein König zog er seine erste Runde über den Hof. Der Wind im Gesicht, die Hände am Steuer – ein Moment, den er nie vergessen würde. Am Abend saß Willi mit der Familie Hochstein am großen Holztisch in der Küche. Es gab deftige Suppe, frisches Brot und Geschichten aus dem Dorf. Wilfried erzählte von früher, Frau Hochstein lachte über Willis verdreckte Hose, und Willi fühlte sich – zum ersten Mal – nicht wie ein Gast, sondern wie jemand, der dazugehört. Als er später in seinem kleinen Zimmer unter dem Dach lag, hörte er das leise Muhen der Kühe, das entfernte Grunzen der Schweine und das Knarzen des alten Hauses. Und obwohl seine Hände schmerzten und seine Beine müde waren, schlief er mit einem Lächeln ein. Denn er wusste: Das war der Anfang von etwas Großem.
Der Tag begann direkt mit Arbeit. Keine lange Einführung, kein Herumstehen.
Wilfried zeigte ihm den Kuhstall, in dem über fünfzig Kühe standen.
Treibjagd und Erbsensuppe
Es war ein kalter, klarer Morgen im Spätherbst, als sich auf dem Hochstein-Hof die Männer zur großen Treibjagd versammelten. Der Nebel hing noch schwer über den Feldern rund um Böken, und die Luft roch nach feuchtem Laub, Schießpulver und Kaffee aus der Thermoskanne. Willi, inzwischen schon ein fester Bestandteil des Hoflebens, war aufgeregt – heute durfte er zum ersten Mal bei der Jagd mithelfen.
Die Jäger kamen von überall her: aus Aukrug, aus den Nachbardörfern, sogar einer aus Neumünster war dabei. Sie trugen grüne Lodenjacken, wetterfeste Stiefel und Hüte mit kleinen Federbüscheln. Die Hunde bellten ungeduldig, die Gewehre wurden kontrolliert, Patronengürtel geschnallt. Wilfried Hochstein, wie immer ruhig und bestimmt, verteilte die Posten. Willi bekam eine ganz besondere Aufgabe: Er sollte den alten VW Bulli mit der offenen Ladefläche fahren – das „Beutemobil“, wie Wilfried es augenzwinkernd nannte.
Die Treiber zogen los, klatschten in die Hände, riefen laut, um das Wild aufzuscheuchen. Es war ein wildes Durcheinander aus knackenden Ästen, flatternden Flügeln und aufgeregtem Hundegebell. Immer wieder hallten Schüsse durch den Wald, gefolgt von kurzen Momenten der Stille. Willi wartete am Waldrand, den Bulli im Leerlauf, die Ladefläche mit Stroh ausgelegt – bereit für das, was kommen würde.
Und es kam einiges: Hasen, Fasane, ein paar Wildtauben. Die Jäger brachten ihre Beute stolz zum Wagen, legten sie vorsichtig auf die Ladefläche. Die Hasen lagen mit weichem Fell und geschlossenen Augen nebeneinander, die Fasane mit schillerndem Gefieder wirkten fast zu schön, um sie zu essen. Willi betrachtete sie mit Respekt – nicht als Trophäen, sondern als Teil des Kreislaufs, den er auf dem Hof so oft erlebt hatte.
Als die Sonne langsam unterging und der letzte Schuss gefallen war, fuhr Willi den Bulli zurück zum Hof. Die Ladefläche war voll, und der Geruch von Wild mischte sich mit dem Duft von feuchtem Holz und Diesel. Auf dem Hof wartete schon das Beste: ein riesiger Kessel dampfender Erbsensuppe, über dem offenen Feuer gekocht, mit dicken Mettenden und Speckstücken, die auf der Zunge zergingen.
Die Männer standen in einem Kreis, die Gewehre sicher verstaut, die Gesichter rot von Kälte und Zufriedenheit. Jeder bekam eine Schüssel, dazu ein Stück Bauernbrot, und man prostete sich mit Schnaps oder Bier zu. Geschichten wurden erzählt – von verpassten Schüssen, von cleveren Hasen, die entkamen, und natürlich von dem einen Fasan, der sich direkt vor Wilfrieds Füße gesetzt hatte, als wolle er sagen: „Na los, trau dich.“
Willi saß auf der Stoßstange des Bullis, die Hände um die warme Schüssel gelegt, und hörte zu. Er fühlte sich wie einer von ihnen – nicht mehr der Junge aus der Stadt, sondern ein Teil dieser Gemeinschaft, die wusste, was es heißt, draußen zu leben, zu arbeiten, zu jagen, zu feiern.
Und als der Abend dunkler wurde, das Feuer langsam herunterbrannte und die letzten Löffel Suppe geschlürft waren, wusste Willi: Solche Tage sind selten. Aber sie bleiben – wie der Geschmack von Erbsensuppe nach einem langen Tag im Wald – für immer im Herzen.



Willi erzählt dir was über Walsum
Na Junge, pass mal auf – ich erzähl dir was über Walsum, und zwar nicht irgendein Kram, sondern nur das, was richtig knallt:
Na, weißte noch, wie wir früher immer gesagt haben: ‚Im Pott ist alles grau‘? Vergiss dat! Walsum ist der Beweis, dass selbst mitten im Ruhrgebiet die Natur 'ne Show abzieht. In der Rheinaue Walsum – über 500 Hektar groß, größer als manch ganzes Dorf – da haben sich Seeadler niedergelassen. Kein Witz! Die haben da drei Jungtiere großgezogen. Das is das erste Brutpaar mit Nachwuchs im ganzen Ruhrgebiet. Die Experten sagen: absolute Sensation! Und dann die Wehofensiedlung – denkmalgeschützt, echte Zechensiedlung, da riechst du noch den Kohlenstaub in der Luft, wenn du durch die Gassen läufst. Ruhrpottromantik pur, sag ich dir. Früher war Walsum 'ne eigene Stadt, bis Duisburg sich das 1975 einverleibt hat. Aber die Seele von Walsum, die kriegste nicht so einfach. Die lebt weiter – in den alten Bergwerksgeschichten vom Schacht Walsum, wo die Kumpels bis 2008 noch malocht haben. Und wenn du mal richtig entschleunigen willst, steig auf die Rheinfähre nach Orsoy. Kein Motorenlärm, nur Wasser, Wind und 'n bisschen Freiheit zwischen den Ufern. Also Junge, Walsum ist kein Stadtteil – das ist 'ne Legende mit Flügeln aus Stahl und Federn aus Natur.“
Wenn du willst, machen wir mal 'ne Tour – Seeadler gucken und 'ne Currywurst in Aldenrade. Deal?
Rudi und der Notfall mit den Lyoner-Ringen
In Wahlen, einem gemütlichen Örtchen im Saarland, da lebt Rudi. Rudi, gute achtzig, ist eine Institution. Er wohnt mit seiner lieben Frau Jutta in einem **schmucken Häuschen** mit sorgfältig gepflegtem Garten. Rudi war in seinen letzten Arbeitsjahren Sanitäter in der Umgebung gewesen. Eine ruhige, besonnene Seele, die unzähligen Menschen geholfen hatte. Er hatte wirklich sein Recht auf einen **geruhsamen Ruhestand** verdient. Aber "geruhsam" und Rudi? Nun, das ist so eine Sache. Er hatte zwar den Blaulicht-Stress hinter sich gelassen, aber die Routine des Alltags war ihm manchmal ein bisschen *zu* ruhig. Seine sanften Hände, die früher Verbände anlegten und Puls fühlten, sind nun hauptsächlich damit beschäftigt, am Rasenmäher zu schrauben oder mit Jutta den Wochenmarkt in Merzig unsicher zu machen. Eines Dienstagnachmittags, die Sonne schien warm auf Wahler Erde, saß Rudi in seinem Sessel und las die Zeitung, während Jutta in der Küche war. Plötzlich hörte er aus der Küche einen **lauten, beunruhigenden Aufschrei!** "RUDI! SCHNELL! Komm schnell, es ist ein… ein **NOTFALL!**"Rudi, der alte Sanitäter, war in einer Millisekunde hellwach. Adrenalin schoss ihm in die Adern. Er ließ die Zeitung fallen, rannte zur Küche und erwartete Schlimmstes: Jutta gestürzt? Ein Brand? Ein verirrter Marder, der Kochrezepte klaut? Er stürmte in die Küche, die Augen auf der Suche nach der akuten Gefahr. Jutta stand mit entsetztem Gesicht vor der Arbeitsplatte. In ihrer Hand hielt sie einen Teller mit… **zwei dicken Ringen Lyoner-Wurst**. Das saarländische Nationalheiligtum, gerade frisch vom Metzger."Was ist passiert, Jutta? Was tut weh? Wo ist der Verletzte?", fragte Rudi atemlos, schon halb bereit, eine Schiene anzulegen. Jutta deutete mit dramatischem Finger auf die Wurst. "Schau doch, Rudi! Ich wollte die Lyoner gerade anschneiden und habe festgestellt: **Die beiden Ringe sind exakt gleich groß!**" Rudi blinzelte. Rudi, der schon Motorrad-Unfälle, Herzinfarkte und verschluckte Zahnprothesen gemanagt hatte, sah nun auf zwei perfekt proportionierte Wurstringe. Jutta, noch immer im Panikmodus, fuhr fort: "Das ist doch ein Ding der Unmöglichkeit! Jeder weiß: Die Lyoner-Ringe sind immer unterschiedlich groß! Eine große, eine kleinere, das ist das Gesetz der saarländischen Metzgerkunst! Aber die hier! Sie sind **identisch!** Ich glaube, das ist ein Zeichen! Oder ein Produktionsfehler! Ich bin **völlig überfordert!**" Rudi lehnte sich an den Türrahmen, atmete tief durch und ein breites, verschmitztes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Der Adrenalinspiegel sank so schnell, dass er fast ein Nickerchen hätte machen können. Er schob Jutta sanft beiseite, nahm ein großes, scharfes Messer und schnitt routiniert zwei dicke Scheiben von der Wurst ab. "Ach, Jutta, meine Liebe", sagte er ruhig, mit dem tiefen Ernst eines ehemaligen Sanitäters, der die Lage schnell und effizient klären musste. "Auch wenn sie identisch aussehen, ist das kein Notfall. Das ist nur ein Fall für **qualifizierte Innere Medizin**."Er legte eine Wurstscheibe auf ein Stück Brot, bestrich es mit Senf, reichte es Jutta und machte sich das Gleiche zurecht. "Jetzt essen wir diese 'Notfälle' ganz in Ruhe auf. Und wenn sie gleich schmecken wie immer, dann weißt du: Die einzige akute Gefahr hier war, dass wir diese Prachtstücke **nicht schnell genug aufessen!**" Jutta lachte endlich, erleichtert und ein bisschen verlegen. Rudi, der alte Retter, hatte wieder einmal einen "Notfall" mit seiner typischen Ruhe und einem großen Schuss saarländischem Witz gelöst. Er hatte nicht nur Leben gerettet, sondern auch den Frieden im Haus gewahrt – auch wenn es nur um Wurst ging. Und in seinem ruhigen, zufriedenen Rentnerdasein waren solche kleinen, skurrilen "Einsätze" manchmal die allerbesten.
Und Heute, heute fährt er nur noch Roller!
Willi und der Weihnachtsbaum-Einsatz
Ach, Dieter und ich! Das war so 1968. Ich glaub', da war ich gerade mal Anfang 16, so unbeschwert wie 'ne Goldwing auf freier Bahn – nur dass ich damals höchstens ein Mofa hatte! Aber egal.
Wir waren auf Schacht Walsum, auf der Hängebank. Sie wissen ja, da, wo die kleinen Loren in den Schacht runterdonnerten. Es war so Anfang November – die Blätter waren ab, es wurde früh dunkel, und die Zechenleitung kriegte plötzlich die tolle Idee, dass die Fördertürme schon mal vorweihnachtlich glänzen müssten.
"Willi! Dieter! Auf geht's, Jungs! Jeder Turm kriegt 'nen Baum auf die Spitze! Ran da, aber dalli!"
Wir guckten uns an. Anfang November. Weihnachtsbäume auf dem Förderturm. Mitten im Ruhrpott. Typisch.
Das Lustigste daran? Ich hatte damals meine brandneue, klitzekleine Super-8-Kamera dabei. So ein Ding! Man kaufte die 15-Meter-Filmdosen, und eine Woche später erst wusste man, ob man den Film überhaupt getroffen hatte. Da hab ich ja neulich erst so eine Dose im Keller von Rosi und mir gefunden!
Jedenfalls, Dieter und ich kletterten da hoch. Der Wind pfiff uns um die Ohren. Duisburg-Walsum lag uns zu Füßen, wenn man sich denn traute, runterzuschauen. Der Baum wurde befestigt – Dieter schimpfte, weil der Draht hakte, und ich dachte nur: Diesen historischen Moment, Willi, den musst du festhalten!
Ich zielte auf Dieter, der da oben stand, den Rhein im Rücken, mit seinen Arbeitshandschuhen winkte und fluchte. Klick. Klick. Film lief. 15 Meter Ruhm!
Dieter winkte. Er wusste, dass der Film erst nächste Woche fertig war, aber er winkte pflichtbewusst, als gäb's eine Hollywood-Prämie.
Wir stiegen wieder runter, die Finger blau, der Baum stand. Ich war stolz wie Bolle auf meinen Film.
Eine Woche später: Die Dose kam zurück. Entwickelt. Schnell in den Projektor damit!
Ergebnis: Ein schwarzer Bildschirm, auf dem man nach langem Starren etwas wie einen Schatten erkennen konnte – den Umriss des Turms und ganz, ganz dunkel: Dieter, der winkte. Ich hatte irgendwas total versemmelt. Wahrscheinlich die Blende... egal! Der Förderturm war da. Dieter war da. Der Weihnachtsbaum war da.
Aber wissen Sie, was das Verrückte ist? Obwohl der Film Müll war, ist es trotzdem eine meiner liebsten Erinnerungen. Der Baum, die Höhe, das Unbekümmerte.
Manchmal denke ich: Wenn ich noch einmal so jung wäre, so unbeschwert wie damals auf Schacht Walsum... Tja, dann würde ich trotzdem wieder auf den Turm steigen. Aber diesmal mit 'ner gescheiten Kamera-Einstellung! Oder einfach nur Rosi schnappen und eine Runde mit der Goldwing nach Ruhrort drehen, – das ist auch schön.
Aber hey, Hauptsache, wir haben den Baum hoch gekriegt!
🦋Na, schon Kaffee gehabt heute Morgen?🦋
🌷Aber aufpassen, er kommt aus der Nase!🌷
Montag 3.11.2025
Dieses komische Tier lief heute Morgen über unseren Teppich. Rosi hat es sofort eingefangen.
Ist schon etwas irritierend, was hier so alles rumläuft.
Milo, der kleine Hase, traf seinen Freund Flipsi, die flotte Heuschrecke, am Rand der großen Wiese. "Hallo, Flipsi!", rief Milo. "Ich habe heute Morgen die leckersten, knackigsten Salatblätter gefunden!" Flipsi zirpte aufgeregt. "Ein Salatblatt-Wettessen? Ich bin dabei! Ich bin zwar schnell beim Laufen, aber auch beim Knabbern unschlagbar!"
Freitag 31.10.2025
Finleys Kristall-Abenteuer
Tief unter der Erde, wo es nach frischer Erde duftet und das Echo von Spitzhacken hallt, lebte ein kleiner Maulwurf namens Finley. Finley war nicht wie die anderen Maulwürfe, die nur nach leckeren Regenwürmern suchten. Nein, Finley hatte eine große Leidenschaft: Er war ein Schatzsucher! Er liebte es, mit seiner kleinen Spitzhacke und seinem funkelnden Stirnlicht durch die dunklen Gänge zu graben.
Eines sonnigen Dienstagmorgens, als die Vögel über der Erde zwitscherten, packte Finley seine kleine Loren und seine Lupe ein. "Heute", murmelte er zu sich selbst, "werde ich den Kristall von Glitzerhügel finden!" Er hatte von alten Maulwurflegenden gehört, die von einem riesigen, leuchtenden Kristall erzählten, der so hell strahlte wie die Sonne selbst.
Finley grub und grub, vorbei an schlafenden Regenwürmern und Wurzeln von alten Bäumen. Plötzlich stieß seine Spitzhacke auf etwas Hartes. "Klirr!" Es war kein Stein. Er leuchtete mit seinem Stirnlicht und sah einen glitzernden blauen Kristall.

Finley staunte nicht schlecht. Der Kristall war zwar nicht der riesige Glitzerhügel-Kristall, von dem die Legenden sprachen, aber er war wunderschön und strahlte in einem sanften Blau. Vorsichtig löste Finley den Kristall aus der Erde und legte ihn in seine Lore. "Das ist ein guter Anfang!", dachte er und seine kleine Maulwurfsnase zuckte vor Aufregung.
Er grub weiter, immer tiefer in die Erde hinein. Die Gänge wurden enger und dunkler. Plötzlich hörte Finley ein leises Geräusch – ein klopfendes Geräusch, das nicht von seiner Spitzhacke stammte. Er hielt inne und lauschte. Klopf, klopf, klopf. Es kam von einem Gang, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Neugierig, wie er war, schaltete er seine Stirnlampe ein und folgte dem Geräusch.
Der Gang führte zu einer kleinen Kammer, in der Finley etwas Unglaubliches entdeckte: eine Gruppe winziger, lächelnder Regenwürmer mit kleinen gelben Bauarbeiterhelmen!

Sie waren emsig dabei, noch kleinere, bunte Kristalle aus der Wand zu klopfen und in ihre winzigen Loren zu laden. Ein Regenwurm, der eine kleine Fahne schwenkte, bemerkte Finley und piepste aufgeregt. Die anderen Regenwürmer hielten ihre Arbeit inne und blickten neugierig zu ihm auf.
Finley lachte. "Hallo, ihr kleinen Kristallgräber!", sagte er freundlich. "Ich bin Finley und ich suche nach Schätzen!" Der Regenwurm mit der Fahne kletterte auf Finleys Arm und zeigte mit seiner Fahne auf einen riesigen, goldenen Kristall, der in der Mitte der Kammer thronte und in allen Farben des Regenbogens funkelte. Es war nicht der Glitzerhügel-Kristall aus der Legende, aber er war noch viel schöner!
Finley verbrachte den Rest des Tages damit, den Regenwürmern zu helfen, ihre bunten Kristalle zu sammeln. Er lud seine Lore bis zum Rand mit den glitzernden Steinen und der große goldene Kristall leuchtete hell in der Kammer. Am Abend, als die Lichter der Glühbirnen in der Mine langsam erloschen, verabschiedete sich Finley von seinen neuen Freunden. Er versprach, bald wiederzukommen, um ihnen beim Graben zu helfen und vielleicht noch weitere Schätze zu finden.
Zuhause angekommen, verteilte Finley die bunten Kristalle in seinem kleinen Maulwurfshügel, und sie leuchteten wie kleine Sterne in der Dunkelheit. Finley wusste, dass der größte Schatz nicht immer der größte oder seltenste Kristall war, sondern die Freude am Entdecken und die Freundschaft, die er auf seinen Abenteuern fand. Und so schlief Finley mit einem Lächeln ein, träumend von weiteren Abenteuern und den vielen bunten Kristallen, die noch darauf warteten, entdeckt zu werden.

Donnerstag 30.10.2025
Die Königin am Knopfakkordeon
Das leise Knistern im Radio, eine vertraute, fast schon vergessene Melodie auf einem Knopfakkordeon, riss mich jäh aus dem Hier und Jetzt. Plötzlich war ich nicht mehr der erwachsene Mensch in meinem Kinderzimmer, sondern wieder der junge Bub aus Duisburg-Walsum in den frühen Siebzigern. Das war der Klang meiner Kindheit, der unverkennbare Ton von Mutti Gisela.
Neulich, als diese Töne erklangen, war ich sofort zurück in den sechziger Jahren, auch wenn die goldene Zeit des Akkordeons bei uns bis weit in die Siebziger reichte. Ich sah es wieder vor mir, das Wohnzimmer in unserem Zuhause. Obwohl wir zehn Geschwister waren (und die Erinnerung an die verlorene Schwester immer leise mitschwingt), fand sich immer ein Kreis. Wir alle hockten irgendwo – auf dem Teppich, auf dem Sofa – und blickten gebannt zu unserer Mutter, Gisela.
Sie saß kerzengerade, das glänzende Knopfakkordeon auf dem Schoß, ein Instrument, das in dieser Zeit so manchen Abend zum Leben erweckte. Mutti hatte einfach den Dreh raus, sie war in unseren Augen die unangefochtene Königin am Knopfakkordeon. Wir liebten es, wenn sie spielte. Es war mehr als Musik, es war eine Zeremonie.
Ich erinnere mich gut an diese Abende. Sie spielte meist immer die gleichen Lieder, die Evergreens der Fünfziger und Sechziger, vielleicht auch einmal ein sentimentaler Schlager wie "Ganz Paris träumt von der Liebe" oder ein Stück wie "Capri-Fischer", die so perfekt zur Stimmung passten. Aber diese Lieder spielte sie mit viel Herz – und genau das machte den Unterschied. Manchmal, wenn die Melodie besonders sehnsüchtig klang, sahen wir die kleine Träne, die sich verstohlen ihren Weg an Muttis Wange bahnte, vielleicht eine Erinnerung an ihre eigene Jugend, ihre Gedanken über das Leben. Sie hatte so viel erlebt, wir waren so viele Geschwister, eine große Familie, und nun dies: der kurze Moment der Melancholie im Schein des Wohnzimmerlichts.
Was hätte ich damals gegeben! Ich war wie gebannt und wünschte mir nichts sehnlicher, als auch nur ein kleines Lied auf ihrem Akkordeon spielen zu können. Doch egal wie fest ich mich bemühte – mit meinen Händen, die später vielleicht einen LKW, einen Bagger oder ein Steuerrad auf dem Rhein halten sollten – ich bekam es nicht hin. Die Tasten wollten nicht, die Bässe widerspenstig. Mutti blieb die **Königin auf dem Akkordeon**.
Unser Vater, versuchte es auch hin und wieder. Er konnte zwar spielen, war aber in seinem eigenen Urteil weniger erfolgreich und ließ daher Mutti gerne den Vortritt. Er wusste, dass ihre Musik die Seele des Abends war.
Wenn ich heute darüber nachdenke, fällt mir die Melodie nicht mehr ein. Die Titel der Schlager und Volksweisen sind verweht, die Noten im Nebel der Zeit verschwunden. Nur das warme Gefühl bleibt. Ach, wenn Mutti Gisela doch nur hier wäre, sie würde sicher jeden Abend für uns die schönsten Melodien spielen. Diese langen Abende mit Mutti und ihrem Knopfakkordeon waren einfach zu schön, und ich sehne mich heute noch danach zurück.
Wir schulden ihr so viel für diese musikalischen Geschenke, die uns Kindern in der hektischen Welt von damals einen Ruhepol und so viel Liebe schenkten. Es waren die Klänge, die uns als Familie zusammenhielten.
✨Es waren die Klänge, die uns als Familie zusammenhielten.✨
❤️Danke - Mama und Papa❤️
Hallo... ich bin Willi. Ich bin 72 Jahre alt und heute erzähle ich euch von jemandem, der für mich ein Held war. Kein Superheld mit Umhang, sondern mit Fell. Und Pfoten. Und einem Herz so groß wie der Mond. Unser Hund (ein schwarzer Pudelmischling) Jenny – die war nicht einfach nur ein Tier. Sie war... Familie.
Eine Freundin, die uns nie verließ, egal ob es regnete draußen oder drinnen im Herzen. Immer war sie da. Immer war sie lieb. 15 Jahre lang war Jenny unser Schatten, unser Clown, unser Trostpflaster, unser Warmmacher, unser „Ich-freu-mich-auf-dich“-Kuschelwunder.
Und dabei hat sie nie gefragt, wie wir drauf waren. Ob wir gute Laune hatten oder muffelig waren oder nach Regen rochen – Jenny hat einfach gewedelt. Weil sie uns mochte. Einfach so. Wenn ich morgens die Augen kaum geöffnet hatte, stand sie schon da. Schwanz wie ein Propeller, Augen wie zwei Funkelsterne. Und manchmal hat sie mich angestupst: „He, du Schlafmütze! Aufstehen! Es ist ein neuer Tag – wir könnten was erleben! Vielleicht ein verlorener Socken unter dem Sofa! Abenteuer pur!“
Und wenn ich von der Arbeit kam – müde, kaputt, vielleicht sogar traurig – stand sie da. Als wär sie mein persönlicher Fanclub. Gesprungen, gebellt, gewedelt, gelächelt. So sah es aus. Ich glaube, Jenny konnte lächeln. Und ich glaube, sie hat’s ganz oft getan.
Jetzt… jetzt ist sie nicht mehr da. Gestern Dienstag am 29. März 2005 ist Jenny gestorben. Und mein Herz... fühlt sich leer an. Ein bisschen wie wenn man nach Hause kommt und das Licht nicht angeht. Oder wenn der Lieblings-Teddy plötzlich nicht mehr spricht. Man weiß, dass es vorbei ist. Aber man glaubt es nicht. Nicht so richtig.
Aber weißt du was? Ich stelle mir vor, dass Jenny jetzt im Hundehimmel ist. Vielleicht rennt sie durch Felder, die nach Leberwurst riechen, vielleicht spielt sie mit Wolken, die wie quietschende Gummienten aussehen. Und vielleicht, ja vielleicht… wartet sie dort auf mich.
Und wenn ich einmal ankomme, irgendwann – da steht sie da. Schwanzwedelnd. Mit diesem Blick. Dieses „Du bist da! Ich hab auf dich gewartet!“ Und dann gräbt sie ihre Schnauze unter meinen Arm, wie früher. Damit ich sie streicheln kann. Damit sie weiß: Ich bin jetzt wieder bei ihr.
Am Samstag, den 10. September 2005, machte ich mich frühmorgens aus Walsum auf den Weg. Meine Yamaha Drug Star 650 lief ruhig unter mir, während die A31 mich der Nordsee näherbrachte. Es war eine Fahrt ohne Stau und Regen, fast so, als ob das Wetter meine Suche nach etwas Unbenennbarem unterstützte.
Willi und das Glück – Eine Erzählung aus dem Erinnerungsnebel
Sonntag 26 Oktober 2025
Willi und das Glück
Weißt du, manchmal sitze ich einfach da – auf einer Bank im Park, wo der Wind die Gedanken sortiert und die Amsel mir zuhört, als wäre ich ein alter Freund. Und dann denke ich nach. Über das Leben, über das Glück, über all das, was war und was vielleicht noch kommt.
Ich hab mich oft gefragt, ob ich ein Glückspilz bin. Früher, als ich noch jung war und die Welt mir wie ein offenes Buch erschien, dachte ich: „Die da drüben, die haben einfach mehr Glück. Die stolpern nie, die lachen immer, und wenn’s regnet, haben sie den Schirm schon aufgespannt, bevor der erste Tropfen fällt.“ Ich hab gehadert. Mit dem Schicksal, mit mir selbst, mit allem. Warum ich? Warum jetzt? Warum schon wieder?
Aber irgendwann – ich weiß nicht mehr genau wann, vielleicht war’s nach dem dritten Kaffee an einem verregneten Dienstag – da hat sich was verändert. Nicht draußen, sondern drinnen. In mir. Ich hab aufgehört, ständig „Warum?“ zu fragen. Stattdessen kam ein neues Wort in mein Leben: „Wozu?“ „Wozu ist das gut, dass mir der Bus vor der Nase weggefahren ist?“ – Vielleicht, damit ich endlich mal zu Fuß gehe und die alte Dame am Park treffe, die mir von ihrer Jugend erzählt. „Wozu ist es gut, dass ich den Job nicht bekommen habe?“ – Vielleicht, damit ich den Mut finde, etwas Eigenes zu starten. Etwas, das wirklich zu mir passt. Ich hab gelernt: Die Glücklichen sind nicht die, denen nie etwas passiert. Die Glücklichen sind die, die anders damit umgehen. Die nicht in Problemen denken, sondern in Lösungen. Die nicht jammern, sondern fragen: „Was kann ich tun?“ Und weißt du was? Das ist kein Hokuspokus. Das ist eine Entscheidung. Jeden Tag aufs Neue. Natürlich verhedder ich mich manchmal noch in meinen Erinnerungen. Ich bin ja Willi, kein Weiser. Aber ich versuche, den Faden wiederzufinden. Und wenn ich ihn nicht finde, dann knote ich einfach einen neuen. Das Leben ist schließlich kein gerader Weg – eher ein Teppich aus Umwegen, Stolpersteinen und kleinen Glücksmomenten, die man nur sieht, wenn man den Blick hebt. Also, wenn du mich heute fragst, was Glück ist, dann sag ich: Glück ist, wenn man nicht fragt „Warum ich?“, sondern „Was mache ich draus?“ Und das, mein Lieber, ist ein Weg, den ich gerne weitergehe. Auch wenn ich manchmal stehenbleibe, um mich zu erinnern.
Die Glücklichen sind die, die anders damit umgehen.
Die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz
Sonntag 19 Oktober 2025
Künstlicher Intelligenz
Die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz bringt nicht nur faszinierende Möglichkeiten mit sich – sie birgt auch ernsthafte Risiken. Was früher aufwendig und technisch anspruchsvoll war, ist heute mit wenigen Klicks möglich: Deepfakes von Freunden, manipulierte Bilder, täuschend echte Videos. Neue Apps machen es kinderleicht, die Realität zu verzerren.
Wir stehen an einem Wendepunkt.
Bilder und Videos, einst als Beweise für das Geschehene betrachtet, sind heute nicht mehr verlässlich. KI kann Inhalte so realistisch verändern, dass wir kaum noch zwischen echt und gefälscht unterscheiden können. Das bedeutet: Wir dürfen nicht mehr blind vertrauen, was uns in den sozialen Medien gezeigt wird. Es ist wichtiger denn je, kritisch zu hinterfragen, was wir sehen – und uns bewusst zu machen, dass nicht alles, was glaubwürdig aussieht, auch wahr ist.
Was früher aufwendig und technisch anspruchsvoll war, ist heute mit wenigen Klicks möglich.
Hier gibt es mehr zur Künstlicher Intelligenz
ki-echo.de
Mittwoch 15 Oktober 2025
Der Käfer, der nur mit Handgas fuhr
Also Leute, setzt euch mal hin, ich erzähl euch was. Ich bin Willi, 72 Jahre jung, und wenn ich heute an die 70er zurückdenke, dann fällt mir sofort dieser eine legendäre Heimweg ein – mit Karl-Heinz, Klaus-Dieter und dem Käfer, der plötzlich auf Handbetrieb umgestellt wurde.
Wir waren damals Soldaten in Flensburg-Weiche. Und wenn man da mal ein Wochenende nach Hause durfte, war das wie Weihnachten, Ostern und Freibier zusammen. Karl-Heinz war der König unter uns – nicht wegen seiner Uniform, sondern weil er einen VW Käfer hatte. Der einzige aus Walsum mit eigenem Auto! Ein rollender Schatz auf vier Rädern.
Also, wir drei steigen ein, voller Vorfreude auf Muttis Sonntagsbraten, und tuckern Richtung Duisburg. Und dann – zack! – bleibt der Käfer stehen. Einfach so. Der Gaszug war gerissen. Ich sag euch, das war wie wenn dir jemand mitten im Satz das Mikro klaut.
Wir standen da wie die Ölgötzen. Motor hinten, Gaspedal vorne – und dazwischen ein gerissener Gaszug. Aber wir wären nicht wir gewesen, wenn uns das aufgehalten hätte. Also haben wir ein Loch in die Rückwand vom Käfer gebohrt (ja, wirklich!), den Gaszug da durchgefädelt, und dann kam die große Stunde des Rücksitz-Gaspiloten.
Der hinten saß – ich glaube, das war Klaus-Dieter – musste den Gaszug per Hand ziehen. Und Karl-Heinz vorne rief: „Mehr Gas! Weniger Gas! Bremsen!“ Das war wie eine Mischung aus Marionettentheater und Formel 1. Und so sind wir tatsächlich bis nach Hause gekommen. Ich schwöre, wir hätten einen Innovationspreis verdient.
Aber das war noch nicht das Ende. Zuhause wollten wir den Gaszug natürlich ersetzen. Karl-Heinz besorgte einen neuen, und ich – in meiner jugendlichen Genialität – dachte, ich finde das Rohr, durch das der Zug läuft, einfach nicht. Also schnapp ich mir den Seitenschneider und peng! – ich kappe die Bremsleitung. Ja, die BREMSLEITUNG!
Hydrauliköl überall, keine Bremse mehr. Ich wurde blass wie ein frisch gewaschener Bettlaken. Karl-Heinz? Der machte nur eine Faust in der Hosentasche. Ich glaube, innerlich hat er mich schon auf dem Kasernenhof beerdigt. Aber äußerlich blieb er ruhig. Ging los, kaufte einen ganzen Satz neuer Bremsleitungen – einzeln gab’s die ja nicht – und schraubte alles wieder zusammen.
Wir haben’s gerade so zurück zur Kaserne geschafft. Und Karl-Heinz? Der hat wochenlang nicht mit mir gesprochen. Aber weißt du was? Er hat uns trotzdem jedes freie Wochenende wieder mitgenommen. Und dafür, lieber Kalle, sag ich heute: Danke für deine stoische Ruhe und deinen Käfer mit Charakter.
Also schnapp ich mir den Seitenschneider und peng! – ich kappe die Bremsleitung.
Ja, die BREMSLEITUNG! Hydrauliköl überall, keine Bremse mehr.
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Mein erster fahrbarer Schatz – der VW Käfer für 50 Mark
Dienstag 14 Oktober 2025
Mein erster fahrbarer Schatz – der VW Käfer für 50 Mark
Na, dann setzt euch mal hin, Leute – ich erzähl euch was. Ich bin der Willi, fast 73 Jahre alt, und manchmal, da reicht ein kleiner Gedanke, ein Geruch oder ein Geräusch – und zack! Bin ich wieder mittendrin. In einer anderen Zeit. In meinem Kopf läuft dann ein alter Super-8-Film ab, leicht flimmernd, aber gestochen scharf.
Und heute? Heute geht’s um mein erstes Auto. Ach, das war was!
Stellt euch das mal vor: Ich war noch ein junger Kerl, voller Tatendrang, mit ölverschmierten Händen und großen Träumen. Und dann stand er da – mein erster eigener Wagen. Ein VW Käfer. Nicht irgendeiner, sondern einer mit Charakter. Gekauft für schlappe 50 Mark. Ja, ihr habt richtig gehört – fünfzig! Heute kriegst du dafür nicht mal mehr einen vollen Tank. Damals war das ein echtes Schnäppchen, auch wenn er nicht mehr ganz taufrisch war. Der Kohlenhändler von der Kampstraße 8 hatte ihn mir überlassen. Die Kupplung war hinüber, aber das hat mich nicht abgeschreckt. Im Gegenteil – das war für mich wie ein Abenteuer.
Ich weiß noch genau, wie wir ihn abgeschleppt haben – von der Kampstraße rüber zu uns nach Hause, Elperstraße 11. Kein ADAC, kein Abschleppdienst. Nur ein Seil, ein bisschen Mut und mein Papa. Der war ein echtes Original, ein Mann mit Händen wie Schraubstöcke und einem Schweißgerät, das mehr Geschichten erzählen könnte als so mancher Roman.
Schrauben mit Papa – mehr als nur Reparatur
Wir haben den Motor ausgebaut – einfach so, auf dem Hof. Kein Hebekran, keine Werkstatt. Nur wir zwei, ein paar Werkzeuge und der feste Wille, das Ding wieder zum Laufen zu bringen. Und dann sahen wir’s: Der Ausrückhebel in der Kupplungsglocke war gebrochen. Für viele wäre das das Ende gewesen. Für Papa? Nur ein kleiner Umweg.
Er hat das Teil kurzerhand wieder angeschweißt. Ich seh ihn noch vor mir, wie er mit ruhiger Hand das Schweißgerät ansetzte, während ich daneben stand, voller Ehrfurcht. Das war kein bloßes Reparieren – das war Magie. Und siehe da: Motor wieder rein, alles angeschlossen, Zündung – wroooom! Der Käfer lief. Und wie er lief!
Winterfahrten mit Stil – und ohne Heizung
Ich fuhr den Käfer ein gutes halbes Jahr. Und zwar im Winter. Jetzt denkt ihr vielleicht: „Na und?“ Aber der hatte keine Heizung. Null. Nada. Ich sag euch, das war wie Iglu-Fahren auf Rädern. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit meiner Schwester Brigitte – wir wollten nach Hamborn, ins Kaufhaus Horten. Ich hab sie hingefahren und im Auto gewartet. Und als sie zurückkam, waren alle Scheiben zugefroren – von innen! Ich saß da wie ein Eiszapfen, konnte kaum noch die Finger bewegen. Aber hey, das war eben so. Wir haben nicht gejammert – wir haben’s erlebt.
Tauschgeschäft in Marxloh – der Käfer geht, die Fords kommen
Irgendwann war’s dann soweit. Ich wollte was Neues. Oder besser gesagt: zwei Neue. Ich hab den Käfer in Marxloh bei einem Autohändler gegen zwei Ford 12m eingetauscht. Zwei für einen – klingt verrückt, oder? Aber so war das damals. Die Fords hatten ihre eigenen Macken, aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht erzähl ich euch die beim nächsten Mal, wenn ich wieder in Erinnerungen schwelge.
So war das damals…
Heute, wenn ich an all das zurückdenke, dann wird mir warm ums Herz – auch ohne Heizung. Es war eine andere Zeit. Eine Zeit, in der man noch selbst Hand anlegte, in der man mit wenig viel machte. Und dieser Käfer? Der war mehr als nur ein Auto. Er war mein Einstieg in die große Freiheit, mein erstes Abenteuer auf vier Rädern. Und irgendwie – ein Stück von mir.
So war das damals.
Heute, wenn ich an all das zurückdenke, dann wird mir warm ums Herz – auch ohne Heizung.
Montag 25.11.2025
Der Hafen von Mertert – und die verlorenen 50 Mark
Also passt mal auf, Leute. Ich mach die Augen zu – und zack, bin ich wieder mittendrin. Nicht hier im gemütlichen Sessel mit der Lesebrille auf der Nase, sondern auf der Meeuw 2, einem schnuckeligen niederländischen Motorschiff mit gerade mal 294 Tonnen. Juli 1969 war das, steht so in meinem Schifferdienstbuch, und wenn das Buch das sagt, dann wird’s wohl stimmen. Ich war Willi, 16 Jahre jung, Schiffsjunge mit mehr Elan als Erfahrung – und einem Kopf voller Abenteuerlust. Wir tuckerten von Duisburg Richtung Mertert, einem kleinen Ort an der Mosel, den damals kaum jemand kannte – außer vielleicht die Leute, die dort Portlandzement brauchten. Ja, Zement! Eine komplette Ladung davon hatten wir an Bord. Ich sag’s euch: Wenn man jung ist, denkt man bei „Zement“ an Baustellen, nicht an Rückenschmerzen vom Schleusen kurbeln. Ach, die Schleusen! Ich kann mich noch gut erinnern – leider. Die waren klein, charmant, und vor allem: manuell. Keine Knöpfchen, keine Automatik. Nee, da musste ich ran. Kurbeln, schieben, ziehen – wie ein Uhrwerk, nur mit Muskelkraft. Wie viele Schleusen es waren? Keine Ahnung mehr. Aber ich weiß noch ganz genau, dass ich abends Arme hatte wie Popeye und Hände, die nach Maschinenöl rochen. Und trotzdem war’s schön. Irgendwie. In Luxemburg-Stadt haben wir auch angelegt. Ich wurde losgeschickt zum Einkaufen – große Verantwortung für einen kleinen Willi. Ich hatte 50 Mark in der Tasche, fest eingesteckt, dachte ich. Im Laden dann: Leere Taschen. Kein Geld, keine Ware, und ein Gesicht wie ein begossener Pudel. Ich trottete zurück zum Schiff, das Herz schwer wie ein Anker. Der Kapitän war nicht begeistert – verständlich. Erst wollte er mir das Geld vom Lohn abziehen. Ich sah meinen Monatsverdienst schon in Zementstaub aufgehen. Aber dann, vielleicht weil ich so zerknirscht aussah, hat er’s doch gelassen. Ein guter Mann, streng, aber mit Herz. Mertert selbst? Ein kleiner Hafen, fast verschlafen, aber für mich war’s ein Ort voller Geschichten. Die Mosel glitzerte in der Sonne, die Luft roch nach Sommer und Abenteuer. Ich war jung, frei, und Teil einer Crew – das war mehr wert als jeder Lohn. Heute, mit fast 73, sitze ich hier und denke zurück. Die Meeuw 2 gibt’s wohl längst nicht mehr, und die Schleusen sind wahrscheinlich automatisiert. Aber in meinem Kopf tuckert das Schiff noch immer durch die Mosel, und ich bin wieder Willi, der Schiffsjunge mit den öligen Händen und dem verlorenen Geld. Ach ja – schöne Zeit war das. Und wenn ich ehrlich bin: Ich würd sofort wieder losfahren.
Kein Geld, keine Ware, und ein Gesicht wie ein begossener Pudel.
Ich trottete zurück zum Schiff, das Herz schwer wie ein Anker.
Sonntag 12 Oktober 2025
Colin & Alice – Die große Schulanmeldung
Colin und Alice waren fünf Jahre alt und echte Zwillinge – aber nicht identisch. Colin hatte kurze blonde Haare und war ein bisschen schüchtern, besonders wenn Erwachsene komisch lächelten und „Na, wie heißt du denn?“ fragten. Alice hingegen hatte lange blonde Haare, ein freches Grinsen und genug Mut für zwei.
An einem sonnigen Dienstag war es so weit: Die Schulanmeldung stand bevor! Mama hatte gesagt: „Heute lernt ihr euren zukünftigen Schulleiter kennen.“ Colin hatte sofort gefragt: „Muss ich ihm die Hand geben? Oder reicht ein Winken mit dem Ellenbogen?“
Alice kicherte. „Ich sag einfach, dass du mein persönlicher Assistent bist. Dann musst du nur nicken.“
Sie zogen ihre besten Zwillings-Outfits an: Colin trug sein rotes Lieblingsshirt mit dem Dino, Alice ihr Kleid mit den bunten Punkten, das aussah wie ein Konfetti-Feuerwerk. Beide hatten ihre Rucksäcke dabei – nicht weil sie etwas tragen mussten, sondern weil sie sich damit wie echte Schulkinder fühlten. Im Schulbüro saß der Schulleiter hinter einem riesigen Schreibtisch. Er hatte eine Brille, die aussah, als könne sie Gedanken lesen, und einen Bart, der wie ein Wolkenkissen wirkte. Colin versteckte sich halb hinter Alice. „Das sind Colin und Alice“, sagte Mama. „Sie möchten nächstes Jahr zur Schule gehen.“ Der Schulleiter lächelte. „Zwillinge! Wie wunderbar. Und wer von euch ist der mutigere?“
Alice zeigte auf Colin. „Er ist mutig. Er hat gestern eine Spinne aus dem Badezimmer gerettet. Mit einem Joghurtdeckel!“
Colin wurde rot, aber auch ein bisschen stolz. „Sie hat geschrien wie ein Feuerwehrhorn“, murmelte er. Der Schulleiter lachte. „Dann seid ihr beide bereit für die Schule. Einer rettet Spinnen, die andere schreit Alarm – das ist Teamarbeit!“ Am Ende bekamen sie einen bunten Zettel mit ihrem Namen drauf und ein Lächeln vom Schulleiter. Colin flüsterte: „Ich glaube, Schule wird gar nicht so schlimm.“ Alice nickte. „Vor allem, wenn du mein Assistent bleibst.“
An einem sonnigen Dienstag war es so weit: Die Schulanmeldung stand bevor!
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Montag 6 Oktober 2025
William und das Abenteuer im Pilzkönigreich
William war ein ganz normaler Junge aus Berlin – na ja, fast normal. Denn eines Abends, als er gerade sein Lieblingsspiel „Super Mario“ spielte, blitzte der Bildschirm plötzlich hell auf. Ehe er sich versah, wurde William hineingezogen – mitten ins Pilzkönigreich!
„Mamma mia! Du bist kein Pilz!“, rief Mario überrascht, als William direkt neben ihm landete.
„Ich bin William“, sagte er mutig. „Und ich bin bereit für ein Abenteuer!“
Mario grinste. „Dann los! Bowser hat Prinzessin Peach entführt – und wir brauchen deine Hilfe!“
Gemeinsam sprangen sie über bunte Plattformen, sammelten goldene Münzen und wichen fliegenden Gumbas aus. William entdeckte, dass er besonders gut darin war, Rätsel zu lösen. In einem geheimen Schloss knackte er ein Rätsel aus beweglichen Blöcken und öffnete ein Tor zu Bowsers Versteck.
Dort wartete Bowser – groß, grimmig und feuerspuckend. Doch William hatte eine Idee: Er lenkte Bowser mit einem Spiegel ab, sodass Mario ihn mit einem Superstern besiegen konnte.
„Du bist ein echter Held!“, sagte Mario stolz, als sie Prinzessin Peach befreiten.
Zurück im Schloss gab es Pizza mit Pilzbelag und eine goldene Medaille für William: „Held des Pilzkönigreichs“.
Als William wieder in seinem Zimmer aufwachte, lag die Medaille auf seinem Schreibtisch. War es ein Traum? Vielleicht. Aber in seinem Herzen wusste er: Das Abenteuer war echt.
Gute Nacht, kleiner Held. Die Welt braucht deinen Mut – auch im Traum.
„Ich bin William“, sagte er mutig.
„Und ich bin bereit für ein Abenteuer!“
Mario grinste.
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Montag 6 Oktober 2025
Prinzessin Alice und das fliegende Einhorn
Es war einmal ein funkelndes Schloss hoch oben auf einem Hügel, umgeben von duftenden Blumen und singenden Vögeln. Dort lebte Prinzessin Alice – klug, mutig und mit einem Lachen, das selbst die Sonne heller strahlen ließ.
Eines Abends, als der Himmel rosa und gold leuchtete, hörte Alice ein leises Glitzern in der Luft. Sie blickte aus dem Fenster und sah ein Einhorn mit silbernem Fell und einem leuchtenden Horn, das durch die Wolken flog!
„Ich bin Liora, das Wolken-Einhorn“, sagte es sanft. „Ich habe gehört, du träumst von Abenteuern.“
Alice kicherte und stieg auf Lioras Rücken. Gemeinsam flogen sie über das Schloss, durch Regenbogenbögen und vorbei an schlafenden Sternen. Sie besuchten das Schloss der Träume, wo jede Tür zu einem anderen Märchen führte – eines mit sprechenden Teddybären, eines mit tanzenden Keksen und eines mit einem See aus Vanillepudding.
Als die Nacht dunkler wurde, brachte Liora Alice zurück. „Wenn du morgen wieder träumen willst, schau einfach zum Himmel – ich werde da sein.“
Alice kuschelte sich in ihr Bett, das nach Lavendel duftete, und flüsterte: „Bis morgen, Liora.“
Und während die Sterne über dem Schloss glitzerten, schlief Prinzessin Alice mit einem Lächeln ein – bereit für neue Abenteuer im Traumland.
Gute Nacht, kleine Prinzessin. Die Magie wartet schon auf dich.
Alice kicherte und stieg auf Lioras Rücken.
Gemeinsam flogen sie über das Schloss,
durch Regenbogenbögen und vorbei an schlafenden Sternen.
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Montag 6 Oktober 2025
Colin und der kleine Spider-Held
Es war einmal ein Junge namens Colin, der in einer gemütlichen Stadt lebte, wo die Häuser bunt waren und die Bäume wie Lollis aussahen. Colin hatte ein großes Geheimnis: Unter seinem Bett lag ein kleiner, roter Umhang – sein eigener Spider-Man-Umhang!
Jeden Abend, wenn die Sterne am Himmel funkelten und die Stadt schlief, zog Colin seinen Umhang an und wurde zu „Mini-Spidey“, dem freundlichsten Superhelden der Nachbarschaft.
Eines Nachts hörte er ein leises Miauen. Die kleine Katze Minka war auf einen Baum geklettert und traute sich nicht mehr herunter. Colin sprang mit seinem Netz hoch, landete sanft auf einem Ast und sagte: „Keine Sorge, Minka. Ich bin da!“
Mit einem eleganten Schwung brachte er die Katze sicher zurück zu ihrem Körbchen. Die Nachbarn klatschten leise aus ihren Fenstern und flüsterten: „Mini-Spidey ist einfach der Beste!“
Als Colin wieder in sein Bett kroch, legte er den Umhang vorsichtig zurück unter das Bett und schloss die Augen. In seinem Traum schwang er durch die Wolken, Seite an Seite mit dem echten Spider-Man, und sie lachten gemeinsam über die lustigen Abenteuer des Tages.
Gute Nacht, kleiner Held. Die Welt ist sicher – dank dir.
Colin sprang mit seinem Netz hoch, landete sanft auf einem Ast und sagte:
„Keine Sorge, Minka. Ich bin da!“
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Freitag 3 Oktober 2025
Die Stille nach dem Knall – Mattenklotz - Walsum, Dezember 1969
Es war ein kalter Dezembermorgen im Jahr 2024, als ich – Willi – mich auf den Weg zu meiner routinemäßigen Untersuchung beim Hausarzt machte. Der Parkplatz neben der geschlossenen Trinkhalle am Schwan war wie immer fast voll und still. Ich parkte dort und überquerte die B8, wie ich es schon unzählige Male getan hatte. Doch diesmal war etwas anders. Die Drogerie Mattenklotz, die sonst mit Leben gefüllt war, lag still und verschlossen da. Kein Licht, kein Geräusch – nur eine bedrückende Leere. Ich blieb stehen. Etwas stimmte nicht. Und während ich dort stand, überkam mich eine Erinnerung wie ein plötzlicher Sturm. Ich war nicht mehr in Walsum, sondern zurück auf der Revanche, einem Frachtschiff in Holland. Der Hafen war ruhig, der Kranführer machte Pause, und ich blätterte durch eine Zeitung. Und da war es: die Schlagzeile, die mir den Atem raubte. Eine Gasexplosion in meiner Heimatstadt. Die Drogerie Mattenklotz war in die Luft geflogen. Ich konnte es nicht fassen. Sofort ging ich zur Tesefonzelle und griff zum Hörer und rief meine Mutter in Walsum an. Ihre Stimme zitterte, als sie mir erzählte, was geschehen war. Selbst am Telefon war sie noch sichtlich erschüttert. Sie berichtete mir von der Gewalt der Explosion, von Trümmern, die über die B8 verstreut lagen, und von Menschen, die sich einfach bedienten, als wäre nichts geschehen. Doch das war es nicht. Es war alles geschehen. Und es war furchtbar. Damals wusste noch niemand, wie viele Menschen verletzt oder gar getötet worden waren. Informationen wurden zurückgehalten, die Wahrheit lag unter den Trümmern begraben. Wochen später stand ich selbst vor dem beschädigten Gebäude. Ich sah die Risse in den Mauern, die geborstenen Fenster, und ich dachte nur: „Da bin ich nur kurz weg – und dann geht hier alles drunter und drüber.“ Heute, Jahrzehnte später, habe ich nach Antworten gesucht. Und ich fand sie. Vier Menschen verloren damals ihr Leben. Vier Seelen, die einfach ausgelöscht wurden. Die Drogerie Mattenklotz wurde zum Symbol einer Tragödie, die sich tief in das Gedächtnis unserer Stadt eingebrannt hat. Meine Mutter und ich waren damals gleichermaßen erschüttert. Und auch heute noch, wenn ich daran denke, spüre ich unser gemeinsames Mitgefühl für die Besitzer und die Angehörigen der Opfer. Es war nicht nur ein Unglück – es war ein tiefer Riss in der Geschichte Walsums. Ein Riss, den man nicht einfach flicken kann.
Das Foto zeigt die Drogerie Mattenklotz in Walsum am Schwan,
wie sie damals noch aussah!
Eine Gasexplosion in meiner Heimatstadt.
Die Drogerie Mattenklotz war in die Luft geflogen.
Die Erinnerungsschublade, die plötzlich aufsprang – und zack, war ich wieder da...
Mittwoch 1 Oktober 2025
Ali unser Hund
Es war, als hätten meine grauen Zellen mir ein kleines Geschenk gemacht – fein verpackt in Nostalgie und einem Hauch Abenteuer. Ich mach die Augen zu, und zack, bin ich wieder auf der Elperstraße. Es ist 1960, die Sonne wärmt die Wiese, und wir Kinder sind mittendrin im wilden Spiel. Wie viele wir waren? Keine Ahnung. Aber das war auch nie wichtig. Hauptsache, es war laut, lebendig und voller Lachen.
Der Garten – unser Königreich
Unser Garten war mehr als nur ein Stück Grün. Es war unser Spielplatz, unsere Bühne, unser kleines Paradies. Die Wiese war weich, die Luft roch nach Sommer, und der Jägerzaun war die Grenze zwischen unserer Welt und der der Erwachsenen. Neben der Garage verlief ein schmaler Weg, auf dem die Leute zu ihren Gärten schlenderten – und oft blieben sie stehen, um einen Blick auf unser Treiben zu werfen.
Ali – der wilde Wächter unserer Kindheit
Und dann war da Ali. Unser junger Schäferhund, voller Energie und mit einem Herzen, das für uns Kinder schlug. Er war angeleint, klar – denn Fremde machten ihn nervös. Und an jenem Tag, da kam ein älterer Junge, stellte sich an den Zaun und fing an, Ali zu ärgern. Mit Steinen! Ich spür heut noch, wie sich die Stimmung veränderte. Ali bellte, zerrte – und dann, mit einem Satz, sprang er über den Zaun. Ein Moment wie aus einem Film. Der Junge schrie, Ali schnappte zu – und dann war alles vorbei. Der Junge rannte, die Siedlung war wach, und wir standen da, mit offenen Mündern und pochenden Herzen.
Die Rückkehr – mit Vater im Schlepptau
Später kam der Junge zurück, diesmal mit seinem Vater. Die Geschichte, die er erzählte, war eine andere: Ali hätte ihn grundlos angefallen. Aber ich war da. Ich hatte gesehen, was wirklich passiert war. Ich sagte die Wahrheit – dass er unseren Hund mit Steinen beworfen hatte. Der Vater nickte, sagte nichts, und die beiden gingen. Doch die Nachwirkungen blieben.
Der Abschied von Ali
Papa hat Ali später abgegeben. Und auch wenn ich verstand, warum – es tat weh. Ali war mehr als ein Hund. Er war unser Wächter, unser Spielgefährte, unser Freund. Und diese Erinnerung, so wild und so ehrlich, liegt seitdem in meiner inneren Schublade. Manchmal, wenn ich die Augen schließe, springt sie auf – und ich bin wieder da. Auf der Wiese, mit Ali, mit dem Lachen der Kinder und dem Duft des Sommers.
So wurde aus einem wilden Moment ein bleibendes Ereignis.
Nicht nur wegen des Schreckens, sondern weil es zeigt, wie lebendig unsere Kindheit war. Wie ehrlich, wie direkt – und wie sehr selbst ein kleiner Garten zur Bühne großer Geschichten werden konnte.
Unser Garten war mehr als nur ein Stück Grün.
Es war unser Spielplatz, unsere Bühne, unser kleines Paradies.
Mittwoch 1 Oktober 2025
Dat Leben vom kleene Willi – en Bollerwagen, en große Traum
Also pass op, jetz kommt wat uff Duisburger Platt, mit Herz un ’nem kleene Augenzwinkern – wie sich dat gehört, ne?
Dat war so um neunzehnhundertsechzich, kurz nach Weihnachten. Et war kalt, aber dat Herz – dat war warm wie’n Kohleofen inne Stube. Ich, der kleene Willi ausm Elperbach-viertel, hatte grad mein janz jroßes Weihnachtsjeschenk bekommen: en Bollerwageen! Aber nich son schnöder Kasten uff Räder – nee, dat war en Tretroller mit Beiwagen. Wat für’n Geschoss! Ich sach euch, dat Ding war für mich wie’n Brummi für die Großen.
Ich bin direkt inne Rolle jeschlüpft: Willi, der Transportör. Freie Kapazitäten, sach ich euch! Wenn et hieß: „Willi, hol ma’n Kasten Wasser vom Konsum“, dann war ich schon unterwegs. Oder: „Willi, fahr ma zum Atropshof, die Kartoffeln sin fertig!“ – Zack, Bollerwagen beladen, Mütze tief ins Jesicht, und ab ging die Fure.
Jede Fahrt war wie en Lehrstunde
Ich hab gelernt, wie man Fracht sichert – mit alte Strümp und Wäscheklammern. Wie man Kurven nimmt, ohne dat die Kartoffeln fliegen. Und wie man uff’m Bürgersteig nich die Omma mit’m Dackel über’n Haufen fährt. Dat war mein Training, meine Fahrerschule – ganz ohne TÜV, aber mit Herzblut.
Rosi, die Rennfahrerin
Meine Schwester Rosi – Gott hab sie selig, „hab Dich lieb“ – die hatte en jroßen Roller. Die flog an mir vorbei wie’n Düsenjet. Aber mir war dat egal. Ich hatte Fracht, Verantwortung! Ich war nich zum Spaß unterwegs, ich war im Dienst. Und wenn ich mal Pause machte, dann hab ich mein Bollerwagen poliert wie andere ihre Mopeds.
Brigitte, die stille Beobachterin
Wat meine jroße Schwester Brigitte damals dachte, weiß ich bis heute nich. Vielleicht hat sie sich gewundert, wie ernst ich dat nahm. Vielleicht hat sie gelacht, wenn ich mit stolzgeschwellter Brust durch’n Hof rollte. Vielleicht erzählt sie mir dat mal, wenn sie dat alte Foto sieht – dat, wo ich vom Konsum kam, mit’m leeren Seitenwagen und’m Grinsen wie’n richtiger Fernfahrer.
Un wenn ich jetz die Augen zumach...
...dann seh ich dat alles wieder. Die frostige Luft, die klamme Finger am Lenker, die Rufe vonne Nachbarn: „Willi, sach ma, haste noch Platz für’n Sack Möhren?“ Und ich – der kleine König vom Gehweg – hab nur jesaacht: „Klar, aber nur wenn se nich stinken!“
So fing dat an, mein Weg zum LKW-Fahrer. Mit’m Bollerwagen, mit Herz, und mit jeder Menge Geschichten, die bis heute in meine Koppschublade liegen – bereit, rauszupurzeln, wenn ich die Augen zumach.
Wenn et hieß: „Willi, hol ma’n Kasten Wasser vom Konsum“,
dann war ich schon unterwegs.
Sonntag 28 September 2025
Willis-To-do-Liste
Mein Leben ist noch lange nicht fertig erzählt. Da stehen noch ein paar richtig wilde Sachen auf meiner „Unbedingt-machen-bevor-ich-nur-noch-Kartoffeln-anpflanze“-Liste.
Ganz oben: Ich will endlich mal mit ’ner Honda Gold Wing 1500 durch die Gegend cruisen. So richtig mit Sonnenbrille, Lederjacke und dem Gefühl, dass ich mindestens 20 Jahre jünger bin. Vielleicht winkt mir ja jemand und denkt: „Boah, der Willi – ein echter Rocker!“
Dann muss ich unbedingt nochmal Kühe melken. Nicht, weil ich Milch brauche – sondern weil ich wissen will, ob ich’s noch kann. Die letzte Kuh hat mich angeschaut, als hätte ich ihr das WLAN abgedreht. Diesmal zeig ich ihr, wer hier der Chef am Euter ist!
Ein großes Feld mit dem Trecker umpflügen steht auch noch an. Ich will dabei so viel Staub aufwirbeln, dass man mich nur noch als Silhouette im Sonnenuntergang sieht. Hollywoodreif, sag ich euch.
Und dann: Mitternacht. Strand. Spaziergang. Romantik pur. Vielleicht treffe ich eine Krabbe, die mir philosophische Fragen stellt. Oder ich stolpere über meine eigenen Gedanken. Beides möglich.
Fallschirmspringen… ja, das steht auch drauf. Aber ehrlich gesagt: Ich bin mir nicht sicher, ob ich lieber springe oder einfach nur so tue, als hätte ich’s gemacht. Vielleicht mach ich ein Selfie vorm Flugzeug und behaupte, ich wär gesprungen. Reicht doch, oder?
Irland! Da will ich hin. Grüne Hügel, Guinness, und vielleicht ein Kobold, der mir einen Goldtopf anbietet. Ich nehm ihn – aber nur, wenn er mir auch ein Schaf dazugibt.
Und nochmal auf ’ner Kuh reiten. Diesmal ohne Abwurf! Ich werde mich festhalten wie ein Rodeo-Profi mit Superkleber an den Hosen. Die Kuh wird mich lieben. Oder zumindest dulden.
Ein Foto machen, das so gut ist, dass ich damit berühmt werde. Vielleicht von mir auf der Kuh. Oder wie ich versuche, einen Wal zu umarmen. Apropos…
Wale in freier Natur beobachten – das wär was! Ich will ihnen winken und hoffen, dass einer zurückwinkt. Wenn nicht, auch okay. Ich wink trotzdem.
Mit dem Rucksack durch Amerika reisen. Ich will Burger essen, in Motels schlafen und mich fragen, ob ich gerade in einem Roadmovie gelandet bin. Vielleicht treff ich sogar Elvis – oder zumindest jemanden, der so tut.
Und ja, ich will einmal so besoffen sein, dass ich mich an nichts mehr erinnere. Aber nur, wenn jemand dabei ist, der mir am nächsten Tag erzählt, was ich alles Lustiges gemacht hab. Sonst wär’s ja verschenkt.
Mit meinem Sohn durch den Grand Canyon wandern – das wird episch. Zwei Generationen, ein Canyon, und hoffentlich kein Streit darüber, wer die Snacks trägt.
Und zum Schluss: Meiner Frau was Liebes sagen. Nicht nur „Wo ist mein Kaffee?“ – sondern was richtig Schönes. Vielleicht: „Du bist mein Lieblingsmensch, sogar wenn du mir verbietest, auf Kühe zu reiten.“
So, das ist mein Plan. Und wenn ich nur die Hälfte davon schaffe, dann war’s schon ein ziemlich gutes Leben. Aber ich geb alles – versprochen!
Wale in freier Natur beobachten – das wär was!
Ich will ihnen winken und hoffen, dass einer zurückwinkt.
Freitag 26 September 2025
Willi und der Gartenpool – Eine nostalgische Verhedderung
Also, heute Morgen sitze ich da – ganz der alte Willi. Kein Radio, kein Fernseher, kein Handygedudel. Nur ich, mein Kaffee (der mittlerweile kalt ist), und mein Gedächtnis, das sich mal wieder wie ein alter Wollpullover in den Erinnerungen verheddert hat. Und was halte ich da in der Hand? Ein vergilbtes Foto, das aussieht, als hätte es den Zweiten Weltkrieg persönlich miterlebt. Darauf: meine Geschwister und ich, irgendwo in den frühen 60ern, im Garten auf der Elperstraße in Walsum. Und mittendrin – unser legendärer Gartenpool.
Der Pool – unser Sommerparadies
Ach ja, der Pool. Ein gemauerter Kasten mit Wasser drin, aber für uns war das damals das reinste Südseeparadies. Jeden Tag im Sommer sind wir da reingehüpft, geplanscht, getaucht und haben uns gefühlt wie die Könige von Walsum. Papa stand mit seiner Kamera da, stolz wie Oskar, und hat uns fotografiert, als wären wir die Stars einer Bademoden-Kampagne – nur eben mit selbstgestrickten Badehosen und einem Haarschnitt, den man heute als „mutig“ bezeichnen würde.
Peters Fischkunst – Der Picasso von Walsum
Und dann war da Peter – unser Schwager, weil er Brigitte geheiratet hatte. Der Kerl hatte mehr Talent in seinem kleinen Finger als ich in meinem ganzen Körper. Eines Tages kam er auf die glorreiche Idee, den Innenrand unseres Pools mit bunten Fischzeichnungen zu verzieren. Ich sag’s euch: Makrelen, Goldfische, sogar ein Hai mit einem frechen Grinsen – alles war dabei. Ich stand da wie ein kleiner Kunstkritiker und hab ihn bewundert, als hätte er gerade die Sixtinische Kapelle neu erfunden. Der Pool war danach nicht nur nass, sondern auch ein echtes Kunstwerk.
Vom Pool zum Teich – und die Wespen ziehen ein
Aber wie das so ist: Kinder werden größer, der Pool wurde leerer. Und irgendwann hat Papa beschlossen, das Ding einfach zum Fischteich umzufunktionieren. Schilf wurde gepflanzt, irgendwelche botanischen Experimente am Rand durchgeführt – und zack! Die Erdbienen und Wespen haben sich gedacht: „Danke für das neue Zuhause, Willi!“ Und da lagen wir nun, wollten Sonne tanken, und wurden ständig von diesen pelzigen Flugmonstern belästigt.
Papas Wasserschlacht gegen die Wespen
Papa, der alte Tüftler, hatte dann die glorreiche Idee: „Wasser gegen Erdwespen!“ Also hat er den Gartenschlauch genommen, ihn ins Nest gehalten und den ganzen Tag laufen lassen. Ich glaube, der Wasserzähler hat sich damals übergeben. Aber hey – irgendwann waren die Wespen weg, und wir hatten wieder Ruhe. Und der Teich? Der hat danach geglänzt wie frisch poliert – ganz ohne Summen.
Fazit aus Willis Sicht heute
Heute sitze ich hier, schaue auf das Foto, und denke mir: Was für ein herrlicher Unsinn das alles war. Aber genau dieser Unsinn macht das Leben doch aus, oder? Der Pool, die Fische, die Wespen – das war mein kleines Abenteuerland. Und wenn ich mich mal wieder in meinen Erinnerungen verhedder, dann weiß ich: Ich war mittendrin. Und das ist doch irgendwie schön.



Ach ja, der Pool. Ein gemauerter Kasten mit Wasser drin,
aber für uns war das damals das reinste Südseeparadies.
Donnerstag 25 September 2025
Dat große Ofen-Drama von 1960
Also pass op, Jung – ich sach dir wat: Die grauen Zellen, die haben sich neulich zusammengesetzt wie bei ’nem Betriebsratstreffen inne Birne und gesagt: „Willi, et wird Zeit für ’ne Erinnerung!“ Und zack – wie mit’m Knüppel auf’n Kopp – war ich wieder da. Mitte inne Sechziger, mitten in Duisburg, mitten im Chaos.
Familie wie ’ne Fußballmannschaft
Wir warn so viele Kinder, dat man beim Abendbrot erstmal ’ne Aufstellung machen musste: „Du links außen, du rechts neben Mamas Suppenkelle!“ Wie viele wir warn? Keine Ahnung, ich glaub, wir hatten mehr Geschwister als der Zoo Tiere.
Mamas Reich – die Küche
Die Küche war wie Mamas Thronzimmer. Warm, lecker, und immer ein bisschen gefährlich – wie ’ne Mischung aus Sauna und Hexenküche. Da stand der große Herd, so’n silbernes Ungetüm mit ’nem Rohr drumrum, wo die Handtücher hingen wie Fahnen bei Olympia. Und wehe, man kam dem Ding zu nah – da gab’s direkt ’ne Ohrfeige vom heißen Topf.
Der Ofen – mein Erzfeind
Im Winter war dat so: Der Ofen ging abends aus wie ich nach drei Frikadellen, und morgens musste einer den wieder anmachen. Und wer war dat? Natürlich ich – Willi, der Held mit dem Anmachholz.
Die Tageszeitung – mehr Drama als die Tagesschau
Ich nehm die Zeitung vom Vortag – dat war die mit dem Bericht über den Kaninchenzuchtverein – stopf die in den Ofen, Holz drauf, und nix passiert. Gar nix. Der Ofen guckt mich an wie: „Dat meinste doch nicht ernst, oder?“
Die glorreiche Idee – Spiritus statt Hirn
Und dann – Blitzidee! Ich erinner mich, wie Mama gestern im Keller die Hühner gerupft hat. Und wie sie die Viecher mit Brennspiritus abgeflämmt hat, als wär sie bei „Grill den Henssler“. Ich denk: „Willi, dat is et! Spiritus macht Feuer – und du machst Mama stolz!“
Also hol ich die Flasche, schütt dat Zeug rein wie beim Cocktailmixen, zünd an und...
PENG! – Die Frisur war Geschichte
Dat hat geknallt, Junge! Meine Stirn sah aus wie frisch gelockt vom Friseur mit Pyromanen-Ausbildung. Und der Gestank – wie verbrannte Hoffnung. Mein Gesicht war schwarz wie Kohle, aber ich mach den Ofen zu und tu so, als wär nix.
Mama – die stille Heldin
Nur Mama hat’s gemerkt. Guckt mich an, schnuppert, sagt nix. Kein Wort zu Papa. Nur ein Blick, der sagte: „Mein Junge, du bist bekloppt – aber ich lieb dich trotzdem.“
Und dat, mein Freund, war der Tag, an dem ich gelernt hab:
Finger weg vom Spiritus – und hör auf deine Mama, auch wenn sie nix sagt.
Un wat lernen wir daraus?
Wenn du denkst, du bist schlauer als der Ofen – dann haste bald Locken, die keiner bestellt hat.
Dat war Willi – mit Herz, Humor und ’nem Hauch verbrannter Eitelkeit. Willze noch ’ne Geschichte hören? Ich hab noch mehr auf Lager als der Kohlenkeller von damals!
Dat hat geknallt, Junge!
Meine Stirn sah aus wie frisch gelockt vom Friseur mit Pyromanen-Ausbildung.
Mittwoch 24 September 2025
Großer Hans – Willi erzählt op Duisburger Platt
Ich, der Willi, sitz wie jeden Nachmittag uff'm Balkon, Sonne auf'n Kopp, die Haare schon wat grau – und blätter so durch 'ne alte Illustrierte, wie man dat halt macht, wenn man nich mehr jeden Tag zur Maloche muss. Und plötzlich seh ich da 'n Foto – nix Besonderes für die meisten, aber für mich? Dat war wie 'ne Zeitmaschine.
Ein oller Aluminiumtopf, mit Deckel, leicht verbeult, aber sofort wiedererkannt. Und zack – bin ich wieder kleene Pöks, Anfang der 60er, mitten in unserer Küche, wo et immer nach irgendwat Leckerem roch.
Dat war nich irgendein Topf, neee, dat war der Große Hans. So nannten wir den damals. Jeder Haushalt in Schleswig-Holstein hatte so'n Ding, und Mama natürlich auch – klar, wir kamen ja von da oben. Der Topf hatte 'nen Deckel, den konntste festdrehen, damit der beim Kochen nich abhaut. Und dann kam der ganze Apparat in 'nen zweiten Topf mit kochendem Wasser. Kein Backofen, kein Schnickschnack – dat war Dampfkraft pur, wie bei de Lokomotive.
Mama hat da Mehl reingetan, Eier, Milch, Zucker – und manchmal Rosinen, die ich als Kind ja nich so mochte, aber die gehörten halt dazu. Wat da sonst noch reinkam, weiß ich nich mehr genau, mein Kopp is wie 'ne löchrige Socke. Aber Junge, wenn dat Ding fertig war und aus dem Topf kam, dann roch dat wie Himmel auf Erden.
Der Kuchen war weich, fluffig, warm – und dann kam der absolute Knaller: Vanillesoße. Selbstgemacht, warm, süß, und so lecker, dat wir Kinder fast die Teller abgeleckt haben. Zehn Pöks warn wir – und jeder hat um das größte Stück gekämpft. Mama hat immer gesagt: „Nich streiten, jeder kriegt wat!“ – aber wir hatten da unsere eigenen Taktiken.
Ich seh uns noch alle am Tisch sitzen, mit großen Augen und kleenen Löffeln, wie wir gewartet haben, bis Mama den Deckel vom Topf abmacht. Und dann – dampfend, duftend – kam der Große Hans auf den Tisch. Und wenn dann die Vanillesoße drüberlief, wie Lava über 'nen Vulkan, dann war dat für uns wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.
Dat war mehr als nur Nachtisch. Dat war Familie. Dat war Zusammenhalt. Dat war Liebe in Topfform.
Und jetzt, wo ich hier sitz und dat alles wieder vor Augen hab, denk ich: Rosi muss den Großen Hans unbedingt mal machen. Nich nur für den Geschmack – sondern für dat Herz. Für die Erinnerung. Für die Seele.
Rosi, hör ma: Wenn du dat machst, sach Bescheid. Ich bring den Löffel mit – und vielleicht auch 'ne Träne im Auge.
Willze noch mehr Geschichten aus alten Zeiten hören? Ich hab noch 'ne ganze Schublade voll – von Kohlenklau bis Kirmes, alles dabei.
Vanillesoße. Selbstgemacht, warm, süß, und so lecker,
dat wir Kinder fast die Teller abgeleckt haben.
Dienstag 23 September 2025
Willi über die Seele – ein elektrisches Abenteuer im Brustkorb<
Also, Freunde der gepflegten Verwirrung, ich muss euch was erzählen. Neulich saß ich da, mit ’nem Kaffee in der Hand und einem Brötchen, das mehr Luft als Teig war, und plötzlich kam mir der Gedanke: Wo zum Geier sitzt eigentlich meine Seele? Ich mein, ich weiß, wo meine Socken sind – meistens. Aber die Seele? Die ist ja nicht einfach im Schrank neben den Winterjacken. Und dann hab ich’s gelesen: Die Seele sitzt in einem Knochen-Hohlraum nahe dem Herzen. Kein Witz! Nicht im Kopf, nicht im Bauch – nein, irgendwo zwischen Rippe 3 und 7, da hockt sie, wie ein stiller Mitbewohner, der nie Miete zahlt. Aber jetzt kommt’s: In diesem Hohlraum gibt’s keine Möbel, keine Pflanzen, nicht mal WLAN – nur elektrische Energie! Ich sag euch, meine Seele ist quasi ein biologischer USB-Stick mit Dauerstrom. Und was speichert sie? Jeden einzelnen Gedanken, den ich je hatte – in Form von Gefühlen. Also auch den Moment, als ich mit zwölf dachte, ich könnte mit einem Regenschirm von der Garage fliegen. Ja, auch das ist drin. Inklusive dem Gefühl der Panik, als ich gemerkt hab, dass Schwerkraft keine Verhandlungssache ist. Und das Beste: Diese Sammlung von Gefühlen macht mich zu dem, was ich bin. Einzigartig. Unverwechselbar. Ein emotionaler Fingerabdruck, sozusagen. Wenn du also mal denkst, du bist nur ein Durchschnitts-Willi – falsch gedacht! Deine Seele hat ein ganz eigenes Mixtape aus Freude, Wut, Liebeskummer und dem peinlichen Moment, als du dachtest, „LOL“ heißt „Lots of Love“. Ich stell mir meine Seele vor wie so ’ne alte Jukebox. Du drückst auf „Erster Liebeskummer“ und zack – läuft „Nothing Compares 2 U“ in Dauerschleife. Oder du wählst „Montagmorgen im Büro“ und bekommst das Gefühl, als hätte dir jemand die Lebensfreude mit einem Teelöffel rausgekratzt. Aber hey – genau das macht uns aus! Jeder hat seine eigene Playlist, seine eigene elektrische Suppe im Brustkorb. Und wenn du mal denkst, du bist nicht besonders – dann denk dran: Deine Seele hat mehr Daten gespeichert als die Cloud von Google. Und das ganz ohne Passwort. So, das war mein kleiner Seelen-Exkurs. Wenn ihr jetzt das nächste Mal tief durchatmet, denkt dran: Da unten, zwischen Herz und Rippen, sitzt euer ganz persönlicher Stromkasten der Gefühle. Und der ist verdammt einzigartig.
Willi out.
Ich sag euch, meine Seele ist quasi ein biologischer USB-Stick mit Dauerstrom.
Montag 22 September 2025
Zwölf auf einen Streich
Wenn ich an meine Kindheit denke, irgendwo zwischen 1958 und 1960, dann sehe ich keine Hochglanzbilder aus Werbeprospekten, sondern eine bunte, chaotische, liebevolle Großfamilie – eine echte Grasfamilie, wie man bei uns sagte. Und das war so klar wie Kloßbrühe. Mama, Papa und wir – zehn Kinder, wie die Orgelpfeifen aufgereiht, jedes Jahr ein neues Gesicht am Esstisch. Ich glaube, irgendwann hat der Storch einfach bei uns ein Dauerabo abgeschlossen.
Zwölf Personen unter einem Dach – das war keine Familie, das war ein mittelgroßes Logistikunternehmen mit Herz. Heute würde man dafür wahrscheinlich eine App brauchen, ein Projektmanagement-Tool und mindestens drei Coaches. Damals reichte Mamas Organisationstalent und Papas stoische Ruhe. Und natürlich ein bisschen Wahnsinn.
Der Schuhputzer vom Dienst
Meine Aufgabe war klar: Ich war der Schuhputzer. Nicht aus Leidenschaft, sondern weil irgendjemand die Schuhe auf Hochglanz bringen musste, und ich hatte wohl das Talent, mit Bürste und Paste zu zaubern. Während andere mit Puppen spielten oder Räuber und Gendarm waren, stand ich da und polierte, als wären wir auf dem Weg zum Opernball. Ich kann nicht für meine Geschwister sprechen – jeder hatte seinen Job, und ich will auch gar nicht urteilen. Aber ich weiß: Ohne uns Kinder wäre der Laden nicht gelaufen.
Das Kartoffel-Ufo
Ein Highlight unserer Küchentechnik war das legendäre Kartoffelschälgerät. Ein wasserbetriebenes Wunderwerk, das aussah wie ein Ufo – zumindest für Kinder, die noch nie eins gesehen hatten. Es drehte sich, schmirgelte, spritzte und schälte, bis die Kartoffeln fast nackt waren. Nur die Augen mussten noch manuell entfernt werden – ein Job für die Feinarbeit. Das Ding war ein Durstiger: Es soff Wasser wie ein Kamel nach der Wüstenwanderung. Und wie das mit technischen Wundern so ist – es hielt nicht lange. Bald wurde wieder per Hand geschält, und das Ufo verschwand in den Küchenlegenden.
Kohle, Kochtopf und Chaos
Unser Küchenherd war ein echtes Biest – mit Kohle befeuert, groß wie ein Kleinwagen und heiß wie die Hölle. Ein 10-Liter-Topf voll Wasser drauf, Kartoffeln rein, und dann hieß es: warten, rühren, hoffen, dass nichts anbrennt. Das war keine Kochkunst, das war Überlebensstrategie. Und trotzdem – oder gerade deswegen – schmeckte alles besser als heute.
Dankbarkeit mit einem Lächeln
Wir hatten keine Designerklamotten, keine Urlaube auf Mallorca und keine Zimmer für jeden. Aber wir hatten etwas, das unbezahlbar ist: Zusammenhalt, Lachen, Streit, Versöhnung – und Eltern, die uns liebten. Und die wir liebten. Sie haben uns getragen, geführt, ertragen – und das mit einer Liebe, die man nicht messen kann. Dafür bin ich dankbar. Von ganzem Herzen.
Denn trotz aller Entbehrungen, trotz der Arbeit und des Chaos – wir waren glücklich. Und wenn ich heute meine polierten Schuhe betrachte, dann sehe ich darin nicht nur Glanz, sondern auch die Erinnerung an eine Kindheit, die so reich war, wie es kein Konto je sein könnte.
Unser Küchenherd war ein echtes Biest – mit Kohle befeuert,
groß wie ein Kleinwagen und heiß wie die Hölle.
Sonntag 21 September 2025
Mama, die Gänseflüsterin
Es war einmal, irgendwann zwischen 1968 und dem ersten Farbfernseher, da verwandelte sich unser Garten in eine Mischung aus Streichelzoo, Baustelle und – wie sich später herausstellte – einem geheimen Trainingslager für Gänsekommunikation. Papa, der Heimwerker mit Stallbauambitionen, zimmerte einen Hasenpalast mit Gitterboden, der so effizient war, dass selbst die Hasenköttel eine eigene Abflugrampe hatten. Ob die Hasen das mochten? Natürlich nicht. Aber wie Papa immer sagte: „Das ist jetzt so. Peng.“
Hasen mit Hang zur Dramatik
Die Hasen vermehrten sich wie... na ja, Hasen eben. Und während wir dachten, wir hätten ein niedliches Familienidyll, spielten sich in den Käfigen Szenen ab, die selbst Hitchcock nervös gemacht hätten. Einige Hasenmütter hielten ihre Brut offenbar für einen Snack – und das war der Moment, in dem ich beschloss, dass ich lieber Gänse mag.
Und dann kamen die Gänse...
Sechs stolze Gänse marschierten durch unseren Garten wie die Queen’s Guard – nur mit mehr Schnattern und weniger Uniform. Sie wurden liebevoll gemästet für den großen Auftritt am Weihnachtstisch. Doch eines Tages, während wir auf der Terrasse saßen und versuchten, uns wie normale Menschen zu sonnen, passierte es: Die Gänse kamen um die Ecke und veranstalteten ein Schnatterkonzert, das selbst Beethoven aus dem Grab geholt hätte.
Mama tritt auf – die Gänseflüsterin in Aktion
Mutti, unsere Heldin in Hauspantoffeln, stand auf, warf einen Blick auf die schnatternde Truppe und sagte nur: „Da fehlt eine.“ Keine Panik, keine Hektik – sie hatte den Blick einer Ornithologin und das Gehör einer CIA-Agentin. Sie verschwand um die Ecke und kam zurück mit der vermissten Gans, die aussah, als hätte sie gerade ein Drama in drei Akten hinter sich. Papa kam raus, die Stirn gerunzelt, bereit für eine Erklärung. Und dann kam der Moment, der in die Familiengeschichte eingraviert wurde: „Faddi, die Gänse kamen und erzählten, dass eine Gans sich an einem Nagel in einem Brett verfangen hat und nicht mehr loskam.“
Standing Ovations für Mama
Wir lachten. Nicht laut, sondern dieses ehrfürchtige, stille Lachen, das man hat, wenn man weiß: Diese Frau hat gerade mit Gänsen gesprochen. Und sie hat verstanden, was sie sagen wollten. Mama war nicht nur unsere Mutter – sie war die Gänseflüsterin, die Dr. Dolittle des Ruhrgebiets, die einzige Person, die aus einem Schnattern eine vollständige Rettungsmission ableiten konnte. Und selbst Papa, der sonst nur über Werkzeugkisten lachte, musste schmunzeln. Denn wenn Mama mit Gänsen spricht, dann hört man besser zu.
Die Gänse kamen um die Ecke und veranstalteten ein Schnatterkonzert,
das selbst Beethoven aus dem Grab geholt hätte.
Sonntag 21 September 2025
Willi und das Kellerfenster des Grauens
Also, hört mal zu, Leute. Ich, Willi, muss euch da was erzählen. Ist schon ein paar Jährchen her – sagen wir mal so... Ende der 50er. Damals war ich noch ein kleiner Draufgänger mit mehr Mut als Verstand und einem Hang zu Abenteuern, die meistens mit einem Pflaster endeten.
Mein Lieblingsrevier war der Atropshof. Das war so ’ne Ecke mit einem alten Bauernhof, der schon aussah, als hätte er den Krieg persönlich miterlebt und dann beschlossen, sich langsam in Staub aufzulösen. Dort musste ich regelmäßig Hühnerfutter holen – für unsere Hühner und Enten, versteht sich. Aber das war nur der offizielle Auftrag. Inoffiziell war ich auf Entdeckungsreise. Indiana Jones in kurzen Hosen, sozusagen.
An der Walsumerstraße, gleich um die Ecke, stand noch ein anderes Haus. Auch alt, auch verfallen, aber irgendwie... mysteriös. Die Fenster und die Tür waren zugemauert – also entweder wohnte da ein Vampir oder jemand mit sehr viel Angst vor Besuch. Und was macht ein neugieriger Willi? Genau: Er will da rein.
Ich hatte natürlich meine Taschenlampe dabei – ein echtes Schätzchen mit gefühlt 0,3 Lumen, aber für mich war das Hightech. Ich leuchtete durch ein schmales Kellerfenster und sah... Sachen. Keine Ahnung mehr was genau, aber genug, um meinen Entdeckertrieb zu wecken. Also zwängte ich mich durch dieses Fenster. Und jetzt kommt der Teil, den man in keinem Abenteuerfilm sieht: Ich verlor das Gleichgewicht und stürzte kopfüber in den Keller. Mit der Stirn. Auf Beton.
BÄMM. Ich sag euch, ich hab Sterne gesehen, und zwar nicht die romantischen am Himmel, sondern die, die einem das Gehirn in Morsezeichen schicken. Benommen wie ein Boxer nach der dritten Runde versuchte ich, irgendwie wieder rauszukommen. Hochspringen? Fehlanzeige. Also sammelte ich alles, was da rumlag – Kisten, Bretter, vielleicht auch ein alter Eimer – und baute mir einen Turm der Hoffnung. Mit viel Gewackel und noch mehr Fluchen kam ich tatsächlich wieder raus aus diesem kalten Loch. Aber jetzt fing der Spaß erst richtig an. Mein Kopf pochte wie ein Schlagzeugsolo, und meine Taschenlampe war weg. Zurück in den Keller? Keine Chance. Ich rannte nach Hause, als wäre ich vom Teufel persönlich verfolgt. Mutti machte die Tür auf und schrie sofort: „Faddi! FADDI! Oh Gott, oh Gott, komm mal schnell!“ Papa kam angerannt, sah mich an und fragte nur trocken: „Was hast du wieder angestellt?“ Ich stand da wie ein begossener Pudel und wusste gar nicht, was los war – bis ich in den Spiegel schaute.
Und da war sie: Die Beule. Nicht irgendeine Beule. Nein, das war die Königin aller Beulen. Die leuchtete fast im Dunkeln und hatte die Größe eines mittleren Hühnereis. Ich sah aus wie ein missglückter Versuch, einen Einhorntrend zu starten.
Mutti holte sofort ihre Wunderwaffe: die große Kelle. Damit wurde die Beule gekühlt, als wäre sie ein frisch gebackener Braten. Ich durfte wochenlang nicht mehr zum Atropshof – Hausverbot wegen Dummheit, quasi.
Die Beule verschwand irgendwann, aber ob da oben was zurückgeblieben ist? Tja, das müsst ihr entscheiden. Ich hoffe nicht. Aber wenn ich heute manchmal vergesse, wo ich meine Brille hingelegt habe, dann denke ich: Vielleicht war’s doch das Kellerfenster.
Mutti holte sofort ihre Wunderwaffe: die große Kelle.
Damit wurde die Beule gekühlt, als wäre sie ein frisch gebackener Braten.
Sonntag 21 September 2025
Crocodile Rock
Also, Freunde, ich sag euch was: Manchmal reicht ein einziger Ton, ein Fitzelchen Musik, und zack – man wird rückwärts durch die Jahrzehnte geschleudert wie ’ne Konservendose im Schleudergang. So ging’s mir neulich, als ich gemütlich auf dem Sofa saß, die Füße hoch, und plötzlich Elton John aus dem Radio plärrte. Crocodile Rock. Ja, genau DER Song. Und ich sag euch: Mein Hirn hat sofort die alte Erinnerungskiste aufgemacht – und raus kam nicht etwa ein klarer Film, sondern ein wildes Durcheinander aus Orten, Namen und einem ziemlich kaputten Bundeswehr-LKW.
Das war irgendwann Anfang 1972. Also vor... Moment... über 50 Jahren! Himmel, das ist ja fast ein halbes Jahrhundert her. Damals war ich noch jung, knackig und hatte mehr Haare als Sorgen. Ich war mit Kanonier Frericks unterwegs – oder war’s mein Schwager? Ach, egal, einer von den beiden war’s jedenfalls – und wir sollten einen kaputten Bundeswehr-LKW zur Reparatur bringen. Der hing hinten am Autokran wie ein nasser Sack Kartoffeln. Und wohin ging’s? In die Kaserne. Jetzt kommt’s: Ich war mir sicher, es war Flensburg. Oder war’s Husum? Nee, Husum hatte doch gar keine Kaserne... oder doch? Vielleicht war’s auch Kiel? Ach du meine Güte, mein Kopf ist wie ein alter Stadtplan – die Hälfte der Orte ist verblasst und die andere Hälfte falsch eingezeichnet. Aber ich bleib jetzt einfach mal bei Flensburg. Klingt militärisch genug. Jedenfalls: Wir tuckerten also mit dem defekten LKW zur Kaserne, schoben das Ding in die Werkstatt und hatten danach Pause. Und wo geht man hin, wenn man Pause hat? Genau – in die Kantine. Und da stand sie: die Musikbox. Ein glänzendes Ding, das aussah wie ein Raumschiff aus den 60ern. Wir warfen ein paar Münzen rein – damals kostete ein Lied noch weniger als ein Brötchen – und was kam raus? Crocodile Rock. Elton John in voller Lautstärke. Und ich sag euch: Wir haben den Song nicht nur einmal gespielt. Nee, wir haben ihn rauf und runter gehört, bis die Kantinenfrau schon mit dem Kochlöffel drohte. Und jetzt, heute, über 50 Jahre später, sitze ich hier, höre diesen Song, und sofort bin ich wieder da – in dieser Kantine. Ich rieche den Bohnenkaffee, sehe die grauen Tische, höre das Klirren der Tabletts. Und dann... dann kommt wieder die große Frage: War’s wirklich Flensburg? Oder doch Husum? Vielleicht war’s auch nur ein besonders realistischer Traum. Mein Kopf ist da nicht mehr ganz zuverlässig. Ich sag ja immer: Mein Gedächtnis ist wie ein alter Diaprojektor – manchmal bleibt das Bild hängen, manchmal ist’s verkehrt herum, und manchmal läuft einfach gar nix.
Aber eins weiß ich sicher: Crocodile Rock war der Soundtrack dieses Tages. Und auch wenn ich die Kaserne vielleicht nie wieder finde – das Lied bringt mich immer wieder zurück. Irgendwohin. Irgendwann. Und das reicht mir.
Und jetzt, heute, über 50 Jahre später, sitze ich hier,
höre diesen Song, und sofort bin ich wieder da – in dieser Kantine.
Willi und der Glanzkuchen - Eine bittersüße Sonntagserinnerung
Samstag 20 September 2025
Willi und der Glanzkuchen
Also Leute, setzt euch hin, ich muss euch was erzählen. Es geht um Kuchen. Aber nicht irgendeinen Kuchen. Es geht um den Kuchen. Den Olymp des Backwerks. Den Zitronen-Glanzkuchen meiner Mutter. Und ja – ich geb’s zu – ich habe mich irgendwann mal in meine eigenen Erinnerungen verliebt. Besonders in die mit Zuckerguss.
Ich bin inzwischen ein alter Kerl mit grauen Haaren und einem Hang zur Nostalgie. Manchmal sitze ich da, mit einer Tasse Tee, schaue aus dem Fenster und denke: „Früher war Sonntag noch ein echter Sonntag.“ Nicht so ein Tag, an dem man die Steuer macht oder den Wäscheberg bezwingt. Nein, Sonntag war bei uns heilig. Und das lag nicht an der Kirche – sondern an Mamas Kuchen.
Mama war eine kulinarische Allzweckwaffe. Die konnte alles: Braten, Eintöpfe, sogar diese komischen gefüllten Paprika, die ich nie mochte. Aber beim Backen – da wurde sie zur Legende. Und ihr Glanzkuchen war das Meisterstück. Der kam jeden Sonntag auf den Tisch, als wäre er der Ehrengast. Gebacken wurde er samstags, in einer flachen Backform, die sonst nur für Hühner oder Gänse reserviert war. Ich sag euch: Der Kuchen hatte mehr Ofenerfahrung als ich Lebenserfahrung.
Der Name „Glanzkuchen“ kam nicht von ungefähr. Der hatte einen Überzug – eine Zitronenglasur, die so glänzte, dass man sich darin hätte spiegeln können. Ich weiß bis heute nicht genau, was Mama da zusammenrührte. Wasser, Zucker, Zitronensaft – und vermutlich ein bisschen Zauberei. Jedenfalls war das Zeug so lecker, dass ich regelmäßig wie ein Trüffelschwein die dicksten Stellen der Glasur aufspürte. Die waren mein Schatz. Mein persönlicher Kuchengoldfund.
Die Stücke sahen aus wie überdimensionale Salinos – ihr wisst schon, diese Lakritz-Dinger. Nur halt in süß, gelb und ohne Lakritz. Also eigentlich gar nicht wie Salinos, aber irgendwie doch. Ihr versteht schon. Und wenn nicht – dann habt ihr nie Glanzkuchen gegessen. Mein Beileid.
Der Duft! Leute, der Duft! Wenn ich heute irgendwo Zitronenkuchen rieche, werde ich sofort zurückkatapultiert. Ich stehe wieder in unserer alten Küche, die Tapete leicht vergilbt, das Radio dudelt irgendeinen Schlager, und Mama steht da mit ihrer Schürze und wedelt mit dem Holzlöffel, weil ich schon wieder den Glasur-Pott auslecken will, bevor der Kuchen überhaupt fertig ist.
Was würde ich heute geben, noch einmal mit Mama in der Küche zu stehen. Ihr beim Backen zu „helfen“ – also im Weg stehen, naschen und dumme Fragen stellen. Und dann, ganz am Ende, den Pott auslecken. Mit Hingabe. Mit Ehrfurcht. Mit dem Wissen, dass dieser Moment ein kleines Stück Himmel ist.
Tja, so ist das mit Erinnerungen. Manchmal schmecken sie nach Zitrone. Und manchmal glänzen sie so schön, dass man sich darin verlieren möchte.
Der Duft! Leute, der Duft!
Wenn ich heute irgendwo Zitronenkuchen rieche, werde ich sofort zurückkatapultiert.
Samstag 20 September 2025
Dieter und die Schranke
Ich sag’s euch, wenn ich heute das Geräusch höre – dieses knatternde, röhrende „Peng-peng-peng“ – dann zuckt mein Herz wie damals in den frühen 70ern. Denn das war der Soundtrack unserer Jugend: der Motor der legendären Kreidler Florett. Und der Dirigent dieses blechernen Orchesters? Mein Kumpel Dieter.
Dieter war nicht nur mein bester Freund, sondern auch ein echter Draufgänger mit einem Hang zur Improvisation – besonders, wenn es um Technik und Mädchen ging. Und in diesem Fall ging’s um beides. Denn Dieter war verknallt bis über beide Ohren in Doris, das Mädchen von der Ackerstraße. Sie wohnte direkt vorm Bahnübergang in einem Haus, das heute nicht mal mehr als Ruine existiert. Damals stand es noch – und in Dieters Augen war es ein Schloss. Und Doris? Die Prinzessin.
Nun wollte Dieter natürlich Eindruck schinden. Und wie macht man das als 17-jähriger Möchtegern-Rennfahrer? Richtig: Man fährt vor dem Haus der Angebeteten auf und ab, als wär man der König von Monaco. Und nicht einfach nur fahren – Kunststücke mussten her. Wheelies, scharfe Kurven, und das alles mit einem Moped, das mehr Krach machte als ein Presslufthammer auf Speed.
Ich stand daneben, natürlich, als treuer Sidekick. Und dann kam der große Moment: Die Bahnschranken gingen runter. Für Dieter war das kein Hindernis – das war die Bühne! Er wollte zeigen, dass er nicht nur rasen, sondern auch bremsen konnte. Und zwar so, dass der Asphalt weint.
Er nahm Anlauf, trat auf die Bremse – und dann kam das, was man in Fachkreisen als „technisches Drama mit romantischem Hintergrund“ bezeichnet. Die Bremse machte: Nix. Nada. Null. Statt eines eleganten Stopps gab’s eine Lüsterklemmen-Katastrophe. Ja, richtig gehört: Dieter hatte das originale Bremsseil durch ein loses ersetzt und das Ende mit einer Lüsterklemme befestigt. Die flog in hohem Bogen davon – vermutlich bis nach Bottrop – und die Bremse verabschiedete sich in die ewigen Jagdgründe.
Was dann passierte, war wie aus einem Slapstick-Film: Dieter knallte voll gegen die Bahnschranke, hob sie aus den Angeln, und die Schranke hing danach auf halb acht, als hätte sie einen schlechten Tag gehabt. Dieter selbst? Blaue Flecken, zerschrammte Ehre, aber kein Gejammer. Denn Doris hatte alles gesehen – und ein echter Romeo jammert nicht, wenn die Julia zuschaut.
Er hob seine Kreidler auf, fühlte am Reifen und sagte trocken:
„Iss ja noch nicht einmal Panne.“
Der Schrankenwärter war schon auf dem Weg zum Telefon, wollte den Krankenwagen rufen, aber Dieter winkte ab:
„Alles gut, ich brauche keinen Krankenwagen.“
Und das alles – wegen Doris. Die ihn übrigens nie als Freund haben wollte. Aber hey, die Geschichte hat uns bis heute begleitet. Und wenn ich heute an Dieter denke, höre ich nicht nur das Knattern der Kreidler, sondern auch das leise Klirren der Lüsterklemme, die damals Geschichte schrieb.
Die Bahnschranken gingen runter. Für Dieter war das kein Hindernis – das war die Bühne!
Samstag 20 September 2025
Willi und das Schaf
Also, ich sag’s euch: Wenn man alt genug ist, dass der Rücken beim Bücken knackt wie ein altes Dielenbrett, dann fängt man an, sich in seine Erinnerungen zu verlieben. Und ich, Willi, bin da ganz vorne mit dabei. Ich hab Erinnerungen wie andere Leute Briefmarken – und manche sind so kurios, dass man sie eigentlich rahmen müsste. Eine davon stammt aus den frühen 60er Jahren, als ich noch ein kleiner Rabauke war mit mehr Energie als Verstand. Ich spielte mit meinen Geschwistern – es waren damals, glaube ich, schon sechs oder sieben. Oder acht? Keine Ahnung, wir waren jedenfalls eine ganze Fußballmannschaft plus Ersatzbank. Unser Garten auf der Elperstraße war unser Stadion, Abenteuerspielplatz und manchmal auch Wildgehege.
Und dann – Tusch! – öffnet sich das Gartentor. Papa und Mutti kommen rein, und Papa hält ein Seil in der Hand. Am anderen Ende? Kein Hund, kein Paket, kein Werkzeugkasten. Nein, ein Schaf. Ein echtes, wolliges, blökendes Schaf. Ich dachte erst, ich hätte zu viel Sonne abbekommen. Aber nein – Papa hatte tatsächlich ein Schaf mitgebracht. Einfach so. Als wär’s das Normalste der Welt.
„Das ist jetzt unser neuer Rasenmäher“, sagte Papa trocken.
Und das Schaf? Das fing auch direkt an, den Rasen zu vertilgen, als hätte es seit Wochen nur an einem Grashalm geknabbert. Wir standen da wie die Zuschauer beim Pferderennen – fasziniert, verwirrt und ein bisschen neidisch auf die Effizienz dieses tierischen Mähers. Und dann kam mir natürlich die Idee. Ich meine, was macht ein Junge, wenn ein Schaf im Garten steht? Richtig: Er will drauf reiten. Papa schaute mich an, grinste und – ich schwöre – er konnte Gedanken lesen. Zack, setzte er mich auf das Schaf, als wär ich der neue Cowboy von Walsum.
Kaum saß ich drauf, ging die Post ab. Das Schaf war offenbar kein Fan von Reitunterricht und düste los wie ein Formel-1-Wagen mit Wolle. Ich hielt mich tapfer – für etwa drei Sekunden. Dann machte ich Bekanntschaft mit dem Boden. Aber das war noch nicht das Ende. Das Schaf, offenbar beleidigt, dass ich es als Pony missbraucht hatte, drehte sich um, nahm Anlauf und verpasste mir einen Kopfstoß, der selbst einem Fußballprofi Tränen in die Augen getrieben hätte. Ich flog nicht, aber meine Stirn wuchs. Und zwar in Rekordzeit. Eine Beule, so groß wie eine Birne auf Weltreise. Mutti, die Drama-Queen unserer Familie, rief sofort ihre Standardformel: „Oh Gott … Faddi, Faddi, oh Gott, oh Gott!“ – und rannte in die Küche, um mit einem großen Löffel die Beule zu kühlen. Ich weiß bis heute nicht, ob das medizinisch sinnvoll war, aber es war Familientradition. Und jetzt, Jahrzehnte später, sitze ich hier, trinke meinen Kaffee, und frage mich: Hat das Schaf mir damals was im Kopf verrückt? Ich glaube nicht. Aber wenn doch – dann hat’s mir wenigstens ein paar gute Geschichten hinterlassen.
„Das ist jetzt unser neuer Rasenmäher“, sagte Papa trocken.
Samstag 20 September 2025
Willi und der Duft der Vergangenheit
Also, heute Morgen sitze ich wieder mal da – ganz der alte Willi. Kein Radio, kein Fernseher, kein Handygedudel. Nur ich, mein Gedächtnis, und die Zeit, die sich wie ein alter Kumpel auf den Sessel neben mir pflanzt. Wir sagen nix, wir brauchen auch nix sagen. Wir kennen uns ja schon ewig.
Und dann passiert’s. Peng! Da schleicht sich dieser Duft in meine Nase. Nicht irgendein Duft – nein, das ist der König aller Düfte: frisch aufgebrühter Kaffee. So einer, der sich nicht einfach in der Küche versteckt, sondern sich wie ein stolzer Hahn durch die Wohnung kräht: „Hier bin ich!“
Und zack, bin ich nicht mehr in meinem Wohnzimmer, sondern mitten in den 70er Jahren. Dinslaken. Herti-Kaufhaus. Ja, das gute alte Herti – das Ding steht heute nicht mehr, wurde plattgemacht und durch irgendwas ersetzt, das aussieht wie ein IKEA auf Diät. Ich war da nie drin. Nicht aus Protest, sondern weil mein Herz immer noch auf dem Ascheplatz parkt, direkt vorm alten Herti.
Damals bin ich da hingefahren, um meine Schwester Ulli zu besuchen. Die arbeitete oben in der Cafeteria – und ich sag dir, das war keine schnöde Kantine mit Automatenkaffee. Das war ein Tempel des Aromas! Wenn du da reingegangen bist, hat dich der Kaffeeduft wie ein Bodyguard gepackt und direkt nach oben eskortiert.
Ich also rein ins Herti, Nase auf Empfang, und sofort dieser Duft – wie ein Liebesbrief aus der Kaffeekanne. Ich konnte gar nicht anders, ich musste hoch. Und da stand sie: Ulli, die Kaffeekönigin von Dinslaken. Mit einer Suppenkelle bewaffnet, als wär’s ein Zauberstab, goss sie heißes Wasser auf das frisch gemahlene Gold im Filter. Vor ihr eine Kanne, so groß wie mein damaliger Fernseher, und der Duft?
Der war nicht von dieser Welt.
Ich sag’s dir: Wenn Engel Kaffee trinken, dann riecht das genau so.
Natürlich hab ich mir sofort eine Tasse bestellt. Nicht irgendeine Tasse – das war flüssige Erinnerung, ein Schluck Heimat, ein Tropfen Glück. Und Ulli? Die wusste genau, was sie da tat. Die hat den Kaffee nicht einfach aufgebrüht – die hat ihn zelebriert. Vor aller Augen. Das war Show, das war Marketing, das war Magie. Die Leute kamen nicht nur wegen des Kaffees, sondern wegen Ullis Kaffee. Und die Kasse hat geklingelt wie bei Karstadt im Winterschlussverkauf.
Heute, wenn ich so dasitze, ganz still, und dieser Duft kommt vorbei wie ein alter Bekannter, dann lächle ich. Nicht, weil ich traurig bin, sondern weil ich weiß: Manche Erinnerungen sind wie guter Kaffee – sie werden mit der Zeit nur besser.
Ich sag’s dir: Wenn Engel Kaffee trinken, dann riecht das genau so.
Freitag 19 September 2025
Morgen gibt’s Spargel!
Also, das war irgendwann Anfang der 60er. Wir wohnten auf der Elperstraße – ein Haus voller Leben, Lärm und Liebe. Mama Gisela, Papa Wilhelm und wir zehn Kinder. Ja, zehn! Wenn du dachtest, ein voller Kühlschrank sei Luxus – versuch mal, ihn mit zehn hungrigen Mäulern zu teilen. Da war selbst ein Stück Butter ein strategisches Gut.
Papa war Bergmann auf Schacht 2,5, arbeitete unter Tage, aber über Tage war er ein echter Gärtnerkönig. In seiner Freizeit – und ich frage mich bis heute, wo er die hergenommen hat – legte er ein riesiges Spargelbeet an. Und ich meine riesig. Das war auf dem hinteren Teil unseres Grundstücks, der damals noch doppelt so groß war. Später hat die Thyssenhütte einfach einen Berg draufgeschüttet. Zack, weg war der Garten. Ich glaube, der Teil war eh nur gepachtet – aber das hat Papa nie gestört. Er hat da Spargel angebaut, als wäre es sein persönliches Versailles.
Und wer durfte den Spargel stechen? Genau. Ich. Willi, der Spargelstecher. Während andere Kinder Fußball spielten oder sich mit Murmeln prügelten, stand ich mit gebücktem Rücken im Beet und suchte nach den weißen Stangen, als wären sie Goldbarren. Ich wusste genau, wie tief man stechen musste, wie man den Spargel nicht verletzt – ich war quasi der Spargelflüsterer. Meine Geschwister staunten nicht schlecht. „Willi, wie weißt du das alles?“ fragten sie. Ich zuckte nur mit den Schultern. Insiderwissen, meine Lieben.
Mutti war dann die Spargelmanagerin. Sie wusch die Stangen, band sie zu 1-Kilo-Bündeln zusammen und wog sie auf einer alten Küchenwaage ab, die aussah, als hätte sie schon den Kaiser gewogen. Und dann ging’s ab in die Siedlung. Der Spargel war heiß begehrt – die Leute rissen ihn uns förmlich aus den Händen. Als Suppe, als Beilage, als Hauptgericht – unser Spargel war der Star.
Nur einer mochte ihn nicht. Ich. Ich konnte ihn nicht ausstehen. Der Geschmack, die Konsistenz – Spargel und ich, das war wie Wasser und Öl. Ich hab ihn jahrelang gestochen, verkauft, bewundert – aber gegessen? Nein danke. Meine Geschwister fanden das herrlich. „Der Spargelprofi mag keinen Spargel!“ – das war ihr Lieblingswitz.
Und dann, irgendwann um 1970, war Schluss. Die Thyssenhütte hat den Garten zugekippt, einfach einen Berg hinter unser Haus gesetzt. Der Spargel war Geschichte. Wir waren alle traurig. Es war nicht nur ein Nebenerwerb – es war ein Stück Familienleben. Ein Kapitel, das nach Erde roch und nach Muttis Küche schmeckte.
Aber wenn ich heute daran denke, muss ich schmunzeln. An die staunenden Gesichter meiner Geschwister, an Papas Stolz, an Muttis Waage – und an mich, den Spargelstecher ohne Appetit.

Und wer durfte den Spargel stechen? Genau. Ich. Willi, der Spargelstecher.
Sie wusch die Stangen, band sie zu 1-Kilo-Bündeln zusammen und wog sie
auf einer alten Küchenwaage ab, die aussah, als hätte sie schon den Kaiser gewogen.
Donnerstag 11 September 2025
Die legendäre Steinewerferei
Also pass ma auf, Jung – et is ma wieder soweit. Ich sach dir, letztens saß ich inne Küche, trink mein Kaffee, guck aus’m Fenster, und zack! Kommt mir so’n Gedanke inne Birne geschossen wie’n Ziegelstein vom Hochhaus: „Willi, weißte noch damals, wie du mit Dieter die Straße unsicher gemacht hast?“ Und ich sach dir – dat war nich irgendein Tag, dat war DER Tag vom großen Steineweitwurfturnier!
Wie alles anfing...
Ich war so... äääh... zehn, vielleicht auch zwölf – weißte, in dem Alter, wo man mehr Unsinn im Kopp hat als Verstand. Dieter, mein Kumpel vonne Ecke, und ich standen vorm Elternhaus auf der Elperstraße. Kein Handy, kein TikTok, nur wir, unsere Fantasie und ’ne Handvoll Steine. Und dann kam die Idee – wie aus’m Nichts: „Ey Willi, lass ma gucken, wer weiter werfen kann!“ Klar, Steineweitwurf! Vollkommen logisch, oder?
Also haben wir losgelegt. Dieter warf wie so’n Maschinengewehr, ich eher wie’n nasser Waschlappen – aber hey, ich hab nich aufgegeben! Dann kam mir die nächste glorreiche Idee: „Lass ma gucken, wer höher werfen kann!“ Und weil damals kaum Autos rumstanden, konntste locker mitten auf der Straße rumkaspern, ohne direkt plattgefahren zu werden.
Die Sache mit dem Haus...
Aber dann – und jetzt kommt der Knaller – kam mir die Idee aller Ideen: „Ey Dieter, wir werfen die Steine ÜBERS Haus!“ Ich sach dir, dat war wie Olympia, nur mit mehr Glasbruch. Die ersten Steine klatschten aufs Dach, rollten zurück wie Bowlingkugeln. Aber dann – Junge, wir hatten den Dreh raus! Die Dinger flogen wie Raketen über dat Dach und verschwanden hinten irgendwo im Nirgendwo.
Und dann...
Der Moment der Wahrheit
Plötzlich – wie aus’m Nichts – geht die Haustür auf, und mein Vater steht da wie der Hulk in Jogginghose. „WILLIIIIII!“ brüllt der, und ich sach dir, ich hab innerlich direkt mein Testament geschrieben. Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig – wie wenn du im Sommer in’n Kühlschrank steigst.
Der Alte kommt raus, Zeigefinger wie’n Schwert, packt mich am Ohr – und zack, durch dat ganze Haus zur Terrasse hinten. Und da seh ich’s: Zwei dicke Löcher im Drahtglasdach. Unsere Steine – die Champions vom Elpersteinwurf – hatten sich da durchgebohrt wie Maulwürfe auf Speed.
Die Strafe? Legendär.
Zwei Wochen Stubenarrest. Kein Bolzen, kein Freibad, nix. Und als Bonus: Schuheputzen. ALLE Schuhe. Von Mama, Papa, von allen Geschwistern, selbst die ollen Gummistiefel vom Keller. Ich sach dir, ich war der Schuhflüsterer von Duisburg.
Und heute?
Heute lach ich drüber. Damals war’s Drama, heute is et Comedy. Aber eins sach ich dir: Wenn du mal wieder Langeweile hast – nimm keine Steine. Nimm’n Ball. Oder besser noch: Frag Willi, der hat Geschichten für drei Leben.

Plötzlich – wie aus’m Nichts – geht die Haustür auf, und mein Vater steht da wie der Hulk in Jogginghose.
Samstag 13 September 2025
Willi erzählt vom Rhein
Einleitung
Also pass ma auf, Jung – oder Mädel, is mir egal – ich sach dir jetz ma, wie dat früher bei uns am Rhein war. Und wie et heute noch is, wenn de mit Herz guckst und nich nur mit’m Handy vorm Kopp rumläufst.
Morgens am Pott – wat für’n Schauspiel!
Wenn et morgens noch dämmert und der Nebel sich wie’n altes Bettlaken über’n Rhein legt, dann sach ich immer: „Guck ma, dat is wie bei Omas Wäsch – alles hängt, alles dampft, aber irgendwie gemütlich.“
Da steh ich dann mit mein Kaffeepott auf’e Brücke, guck rüber zum Wasser und denk: „Willi, du alter Kerl, dat hier is Heimat. Und dat riecht man sogar!“
Der Duft vom Rhein – wie Parfüm für’n Ruhrpottler
Dat Wasser vom Rhein, dat hat so’n ganz eigenen Mief – nich eklig, ne! So’n ehrlicher Geruch, wie frisch geputzte Gummistiefel nach’m Hochwasser. Wenn dat in der Luft liegt, dann weiß ich: Ich bin da, wo ich hingehör.
Früher, als wir noch mit’m Fahrrad zum Baggerloch gefahren sind, da hat dat schon so gerochen. Und wenn de Pech hattest, biste mit’m halben Fuß im Schlamm versackt. Aber wat soll's – Hauptsache draußen!
Die Schiffe – wie alte Bekannte, die nie Tschüss sagen
Und dann hörste die Schiffe. Erst nur so’n Brummen, wie wenn Opa sein Rasenmäher nich anspringt. Dann kommt dat Horn – „Tuuuuuut!“ – und ich sach: „Da isser wieder, der Dicke aus Rotterdam!“
Die tuckern da lang, als hätten se alle Zeit der Welt. Und ich steh da, winke wie’n Bekloppter und denk: „Vielleicht winkt einer zurück. Vielleicht auch nich. Aber is egal – Hauptsache wat bewegt sich!“
Zuhause – dat is kein Ort, dat is ’n Gefühl
Wenn dat alles zusammenspielt – Nebel, Mief, Schiffe – dann sach ich: „Willi, du bist zuhause.“
Und weißte wat? Ich will hier nich wech. Nich nach Malle, nich nach Sylt, und schon gar nich nach Düsseldorf!
Hier am Rhein, da kannste atmen, da kannste träumen, und wenn de Glück hast, kriegste noch ’ne Currywurst mit richtich viel Soße für drei Euro fünfzig.
Und zum Schluss: Wat der Rhein kann, kann kein Meer
Also, wenn de mich fragst: Der Rhein is wie ’ne alte Tante – manchmal laut, manchmal müffelig, aber immer für dich da. Und wenn de morgens rausguckst und dat Wasser glitzert wie frisch polierte Kohle, dann sachste:
„Willi, du hast alles richtich gemacht. Und jetz gehste runter, holst dir ’n Brötchen und guckst weiter aufs Wasser. Weil hier, mein Freund, hier isset schön.“

Da steh ich dann mit mein Kaffeepott auf’e Brücke, guck rüber zum Wasser und denk:
„Willi, du alter Kerl, dat hier is Heimat. Und dat riecht man sogar!“
Hör ma, manchmal ist dat Leben einfach zu kurz!
Manchmal ist dat Leben einfach zu kurz!
Einleitung
Also pass auf, ich sach dir wat, ne. Manchmal sitz ich so da, mit ’nem Kaffee in der Hand, und guck unsere Fotos von unserem alten Garten an, und dann kommt er mir wieder in den Kopp – der Fred. Der gute alte Freddy. Sommer 2001, weißte noch? Da hat er da gesessen, mit seinem Grinsen, als hätt er grad ’nen Sechser im Lotto gezogen, und dabei war’s nur ’ne Bratwurst vom Grill und ’ne kalte Pils. Aber dat war Fred – einfach zufrieden, wenn er draußen war und wat mit uns machen konnte.
Die Geschichte
Fred war so’n Typ, den haste nich gesucht, aber plötzlich war er da, und dann wollteste ihn auch nich mehr missen. Immer ein lockerer Spruch auf den Lippen, und wenn’s ums Bootfahren ging, da hat sein Herz direkt ’n kleinen Freudentanz hingelegt. Ich sach dir, der war verrückt nach Wasser, wie andere nach Schalke oder Currywurst mit extra Zwiebeln.
Ich erinner mich noch an die Woche am Ijsselmeer, dat war wie Urlaub mit ’nem Sechser im Freundschaftslotto. Wir hatten uns da so’n Boot gechartert, und Fred stand da wie’n Kapitän auf großer Fahrt – mit Sonnenbrille, Strohhut und ’nem Gesichtsausdruck, als wär er grad auf Weltreise. Ich hab ihm gesagt, Fred, du siehst aus wie der holländische James Bond auf’m Wasser, und er hat sich weggelacht, bis ihm fast die Pfeife aus’m Mund gefallen is.
Wir sind da rumgeschippert, als wär dat Boot unser zweites Zuhause. Morgens Kaffee auf Deck, mittags ’ne Dose Ravioli warm gemacht auf’m Campingkocher, und abends Sonnenuntergang mit ’nem Bierchen in der Hand. Fred hat immer gesagt, Willi, dat is Leben, dat is Freiheit, und ich konnt ihm da nur zustimmen.
Wir hatten sogar Pläne, weißte? Wollten uns zusammen ein Boot kaufen, so richtig mit allem Zipp und Zapp. Am Wochenende schön übern Rhein oder die Ruhr tuckern, einfach raus, weg vom ganzen Stress. Aber dat Leben, dat hat manchmal andere Pläne. Am 5. März 2003 is der Fred von uns gegangen. Einfach so. Zack, weg. Und ich sach dir, dat hat gesessen wie’n Schlag mit’m nassen Handtuch.
Aber weißte wat? Ich glaub, der Fred guckt jetzt von oben zu, mit ’nem Grinsen, wie damals im Garten. Vielleicht schippert er da oben irgendwo rum, auf Wolke sieben mit ’nem kleinen Boot, und winkt uns zu, wenn wir am Rhein spazieren gehen.
Schlusswort
Freunde wie Fred, die gehen nie ganz. Die bleiben im Herzen, im Kopp und manchmal sogar im Wind, wenn er dir um die Nase weht wie damals auf’m Ijsselmeer. Und wenn ich heut am Wasser steh, dann hör ich ihn manchmal noch sagen: Willi, dat Leben is wie Bootfahren – du musst wissen, wann du den Anker wirfst und wann du einfach weiterziehst.
Freunde wie Fred, die gehen nie ganz.
Die bleiben im Herzen, im Kopp und manchmal sogar im Wind,
wenn er dir um die Nase weht wie damals auf’m Ijsselmeer.
Samstag 13 September 2025
Dat Leben
Also, hör ma, manchmal wird dat Leben einfach zu viel, ne, wie wenn du versuchst, ’ne volle Bierkiste mit einem Arm zu schleppen – geht, aber macht keinen Spaß. Und wenn der Kopp voll ist wie der Parkplatz vorm Stadion, dann brauchste wat, wat wieder Luft schafft. Ich, der Willi, hab da meine ganz eigene Methode, und die funktioniert besser als jede App zur Selbstfindung. Ich geh einfach raus, dahin wo der Wind weht und der Rhein fließt. Und wat ich da erleb, dat erzähl ich dir jetzt mal ganz locker vom Hocker.
Also pass auf, ich sach dir wat, ne, wenn et mir ma wieder zu viel wird im Kopp, wenn alles durcheinander geht wie inne Pommesbude zur Mittagspause, dann mach ich wat ganz Einfaches, aber wat richtig Gutes, ich geh spazieren, und zwar am Rhein, dat is wie Urlaub für die Birne.
Ich geh da ganz alleine lang, aber einsam bin ich nich, ne, da is ja der Rhein, der quatscht quasi mit dir, der erzählt von Weite, von Freiheit, von Dingen, die größer sind als der ganze Alltagskram, und wenn der Wind da so richtig durchpustet, dann merkste, wie der ganze Stress sich einfach verzieht, wie’n schlechter Geruch nach’m Regen.
Und dann, wenn et langsam kalt wird, wenn die Kälte sich so ganz sachte in die Knochen schleicht, dann spürste dich wieder, richtig, wie’n Mensch, nich wie’n Hamster im Rad, sondern wie Willi, der einfach mal wieder weiß, dat er lebt, dat er atmet, dat er nich nur funktioniert.
Ich guck dann immer auf’n Horizont, und weißte wat, da sind keine Grenzen, da is einfach nur Himmel und Wasser und Luft, und alles, wat dich sonst so einschränkt, dat is nur in deinem Kopp, dat hat sich da eingenistet wie’n nerviger Ohrwurm, aber draußen, draußen is alles offen.
Also, wenn du ma wieder denkst, dat alles zu viel wird, dann geh raus, geh zum Rhein, lass dich durchpusten, und hör dem alten Fluss zu, der hat mehr Lebenserfahrung als jeder Coach auf YouTube, und der nimmt dir nix übel, selbst wenn du ma laut fluchst, weil dir der Wind die Mütze klaut.
So, dat war mein Tipp von Willi, ganz ohne Schnickschnack, einfach nur echt, wie Currywurst mit Schranke und ’ne kalte Fanta dazu.
Manchmal muss man einfach nur rausgehen, damit man wieder reinkommt – in sich selbst.
Also, wenn du ma wieder denkst, dat alles zu viel wird, dann geh raus, geh zum Rhein,
dahin wo der Wind weht und lass dich durchpusten.
Freitag 12 September 2025
Willi und der Tieflader
Alsum am Rhein.Ein Ort, den kaum jemand kennt, aber für Willi war er das Zentrum seines ganz persönlichen Actionfilms. Keine Kameras, kein Regisseur – nur er, seine Fantasie und ein 60-Tonnen-Tieflader mit einem Bagger obendrauf. Klingt nach einem ganz normalen Arbeitstag? Nicht für Willi.
Die Auffahrt – steiler als der Karriereweg eines Politikers
Es war ein Tag wie jeder andere, nur dass Willi diesmal nicht nur mit seinem geliebten Dreiachser-Henschel unterwegs war, sondern auch mit einem Tieflader, der so lang war, dass man beim Besteigen fast die Postleitzahl wechseln musste. Der Auftrag: Die Deponie hochfahren, Bagger abliefern, runterfahren. Klingt simpel. War es aber nicht.
Denn die Auffahrt zur Deponie war kein gemütlicher Feldweg – sie war eine Mischung aus Mondlandschaft und Schutt-Achterbahn. Steil, rutschig, unberechenbar. Willi saß im Führerhaus, die Hände am Lenkrad, der Blick nach vorn – und der Puls irgendwo bei 180. Der Tieflader ächzte, die Räder drehten durch, und Willi hatte plötzlich das Gefühl, er sei nicht Fahrer, sondern Passagier in einem rollenden Betonklotz mit Todessehnsucht.
Der Moment der Wahrheit – „Ich glaub, ich kipp gleich um!“
Mitten auf der Kuppe, wo die Welt sich kurz in Zeitlupe verwandelte, sackte der Tieflader ein. Nicht ein bisschen – sondern so richtig. Die Vorderkante des Tiefladers tauchte ein wie ein Wal in der Nordsee, und Willi spürte, wie das Gewicht des Baggers ihn nach hinten zog. Der LKW stand schräg, die Kupplung kreischte, und Willi dachte nur: „Wenn ich jetzt loslasse, lande ich samt Tieflader im Alsum’schen Nirvana.“
Er klammerte sich ans Lenkrad wie ein Seemann im Sturm, fluchte leise vor sich hin („Was für’n Mist hab ich mir da eingebrockt?“), und überlegte kurz, ob er einfach aussteigen und den Tieflader seinem Schicksal überlassen sollte. Aber Willi wäre nicht Willi, wenn er nicht einen Weg gefunden hätte. Mit viel Gefühl, einem Hauch Wahnsinn und der Kraft von 320 PS schob er sich Zentimeter für Zentimeter aus der Kuppe heraus – die Reifen drehten durch, der Motor röhrte, und Willi schwitzte wie ein Marathonläufer im Hochsommer.
Der Abstieg – und die Erkenntnis
Als er oben endlich stand, war die Freude nur von kurzer Dauer. Denn runter musste er ja auch wieder. Und wer glaubt, dass bergab entspannter ist, der hat noch nie mit einem Tieflader auf losem Schutt gestanden. Willi starrte die Abfahrt hinunter wie ein Skifahrer vor der Streif. „Wenn ich jetzt zu stark bremse, rutsch ich. Wenn ich zu wenig bremse, bin ich schneller unten als mir lieb ist.“
Mit zittrigen Fingern und einem inneren Stoßgebet rollte er langsam bergab – jeder Meter ein Triumph, jeder Stein ein potenzieller Endgegner. Als er unten ankam, war er nicht nur erleichtert, sondern auch ein bisschen stolz. Und ein bisschen fertig. „Nie wieder“, murmelte er. Und meinte es auch.
Heute, Jahre später, sitzt Willi gemütlich am Küchentisch, schaut aus dem Fenster und denkt zurück. „Ich glaub, heute würd ich da nicht mehr hochfahren.“ Und wer ihm zuhört, merkt: Das war keine Heldengeschichte – das war echtes Leben. Mit Angst, Mut und einer ordentlichen Portion Willi-Charme.

Denn die Auffahrt zur Deponie war kein gemütlicher Feldweg
– sie war eine Mischung aus Mondlandschaft und Schutt-Achterbahn.
Donnerstag 11 September 2025
Der Spitz und ich
Ach, weißt du… manchmal sitz ich hier auf meinem kleinen Balkon, mit ’nem Kaffee in der Hand und dem Blick ins Grüne, und dann erwischt mich so ein Gedanke wie aus dem Nichts. Plötzlich bin ich wieder 17, mit zerzausten Haaren, ölverschmierten Fingern und einem Grinsen im Gesicht, das man nur hat, wenn man zum ersten Mal das Brummen eines echten Rolls-Royce-Motors hört – eingebaut in einen Spitz.
Ja, richtig gelesen: Spitz. So nennt man diesen Schiffstyp. Ein Binnenschiff, nicht größer als 38,5 Meter lang und 5,05 Meter breit. Für viele nur ein technischer Begriff, für mich aber… eine Jugendliebe. Ich war damals Schiffsjunge auf einem holländischen Frachter, und irgendwann legten wir an neben so einem Spitz. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal über seine Planken lief – als wär’s ein Tanzboden. Schlank, elegant, fast schon stolz lag er da im Wasser, als wüsste er genau, dass er etwas Besonderes war.
Der Kapitän – ein Belgier mit wettergegerbtem Gesicht und einem Humor, der so trocken war wie sein Gin – ließ mich mitfahren. Und da saß ich nun, auf dem Rhein-Rhône-Kanal, das Steuer in Sichtweite, den Wind im Gesicht und das sonore Brummen des Motors im Ohr. Und was für ein Motor das war! Ein Rolls-Royce, 250 PS stark, mit goldenen Buchstaben auf dem Gehäuse. Ich hab sie gestreichelt, diese Buchstaben. Kein Witz. Für mich war das wie ein Ritterschlag.
Der Spitz konnte durch die kleinsten Kanäle tuckern, bis nach Paris, hieß es. Und ich glaub das sofort. Der war wendig, charmant und hatte Charakter. In Holland und Belgien sieht man sie heute noch – diese alten Schönheiten. Wenn ich einen sehe, bleib ich stehen. Manchmal rede ich sogar mit ihnen, ganz leise. So wie man mit alten Freunden spricht, die einen nie vergessen haben.
Heute, mit 72, hab ich viele Geschichten erlebt. Aber die Fahrt mit dem Spitz? Die bleibt. Die hat sich eingebrannt wie der Geruch von Maschinenöl und frischem Brot in der Kombüse. Und wenn du mich fragst, ob man sich in ein Schiff verlieben kann – dann sag ich: Ja. Und wie.

Der Spitz konnte durch die kleinsten Kanäle tuckern, bis nach Paris, hieß es. Und ich glaub das sofort.
Donnerstag 11 September 2025
Die Jungfrau von Marxloh
„Hömma, dat Ding da – die Figur, die da steht wie ’ne griechische Göttin mit’m Krug über’m Kopp – die is nich einfach nur Deko. Die is Teil von meinem Leben. Seit fast 60 Jahren, glaub ich. Ich sach dir, die Jungfrau, wie ich sie nenn, die hat mehr von mir gesehen als manch Kumpel auf Schicht.
Ich hab die damals gekauft, da war ich noch jung und hatte mehr Haare als Sorgen. Im Woolworth war dat, an der Pollmannkreuzung in Marxloh – dat englische Kaufhaus, wo man alles kriegte: von Unterbuxen bis zu Plastikblumen. Und da stand sie – schneeweiß, wie frisch aus’m Gips gegossen. Ich weiß noch, ich hab sie gesehen und direkt gedacht: 'Die kommt mit!'
Warum? Weiß ich nich genau. Vielleicht, weil sie so stolz dastand, so ruhig, so... anders als der ganze Trubel draußen. Ich war verliebt, sach ich dir. Nicht so wie in die Uschi vonne Eckkneipe – nee, dat war anders. Die Jungfrau war wie ’ne Erinnerung an wat Höheres. An Schönheit, an Ruhe, an irgendwat, wat man im Pott nich oft sieht.
Seitdem isse bei mir. Mal auf’m Schreibtisch, mal in der Schublade, mal in der Hosentasche – ja, wirklich! Ich hab sie sogar mal mit auf Montage genommen. Die Kollegen haben gelacht, aber ich hab gesagt: 'Die passt auf mich auf.' Und dat hat sie auch. Wenn ich Mist gebaut hab, hab ich sie angeschaut und gedacht: 'Willi, reiß dich zusammen!'
Heute isse nich mehr schneeweiß. Sie is angegilbt, hat Kratzer, und der Krug hat ’ne Macke. Aber weißte wat? Dat macht sie nur schöner. So wie wir alle – ein bisschen ramponiert, aber voller Geschichten. Wenn sie erzählen könnte, würdse Sachen hören, da würd selbst der Pfarrer rot werden.
Ich hol sie jetzt raus, aus der Schublade, aus der Vergessenheit. Weil sie mir zeigt, dat selbst kleine Dinge große Bedeutung haben können. Und weil ich glaube, dat jeder von uns so ’ne Jungfrau hat – irgendwat, wat uns begleitet, uns erinnert, uns auffängt, wenn’s mal wieder regnet in Duisburg.
Also, Jung: Guck dich um. Vielleicht haste auch so’n Schatz irgendwo zwischen alten Quittungen und vergessenen Träumen. Und wenn nich – komm vorbei, ich zeig dir meine.“
Die Kollegen haben gelacht, aber ich hab gesagt: 'Die passt auf mich auf.' Und dat hat sie auch.
Donnerstag 11 September 2025
Wat is dat Leben eigentlich?
„Also hör ma, Jung – ich sach dir wat: Dat Leben, dat is wie ’ne Currywurst mit alles. Du kriegst, wat de bestellst – aber nur, wenn de auch selber an die Bude gehst, verstehste?
Früher, wo ich noch jung war – also so mit 20, wo man denkt, man wär der König von Meiderich – da hab ich gedacht, dat Leben passiert einfach so. Zack, biste da, und dann läuft dat. Aber heute, wo ich schon paar Jährchen auf’m Buckel hab und die Knie knacken wie ’n altes Garagentor, da weiß ich: Du selber machst dat alles. Echt jetzt!
Dat fängt schon morgens an, wenn de aufwachst und denkst: 'Boah, wat für’n Sch...tag.' Zack – haste auch ’nen Sch...tag. Denkste aber: 'Heute wird geil, ich gön mir erstmal ’nen Kaffee mit doppelt Zucker und hör die Tauben auf’m Balkon streiten' – dann wird dat auch wat!
Weißte, jeder Gedanke, den de hast, der macht wat mit dir. Denkste Mist, fühlste Mist. Denkste gut, fühlste gut. Und dat zieht sich durch wie die A40 bei Feierabend – mal stockend, mal Vollgas, aber du sitzt am Steuer, Kollege!
Ich sach immer: Du bist der Architekt von deinem eigenen Budenplan. Wenn dat Dach leckt, haste selber die Ziegel falsch gelegt. Wenn die Sonne scheint, haste wohl wat richtig gemacht. Und wenn du meinst, du wärst nur ’n Beifahrer im Leben – dann steig aus und setz dich vorne hin!
Ich hab mir mein Leben selbst zusammengeklöppelt – mit Herz, mit Schweiß und mit ’ner Menge Pommes-Schranke. Und ja, manchmal hab ich auch Mist gebaut. Aber dat war mein Mist, und ich steh dazu. Wie bei’m Grillen: Wenn die Wurst schwarz wird, haste halt zu lange gequatscht – aber du warst dabei!
Also, Jung: Denk dran – du bist der Boss in deinem Kopf. Und wenn du willst, dass dat Leben läuft wie ’n frisch geölter Pils-Zapfhahn, dann fang an, gut zu denken. Und wenn dat mal nicht klappt – mach dir ’n Witz draus, lach drüber und weiter geht’s.
Dat Leben is kein Ponyhof – aber mit ’ner Portion Ruhrpott im Herzen wird dat ’ne richtig geile Kirmes!“

Dat fängt schon morgens an, wenn de aufwachst und denkst:
'Boah, wat für’n Sch...tag.' Zack – haste auch ’nen Sch...tag.
Mittwoch 10 September 2025
Willi erzählt aus’m Pott
Also pass ma auf, Jung – ich sach dir wat: dat war so um 1970 rum, ne? Wochenende war, und wir hatten Schmackes inne Beine. Detlef Mundri, Kalle Stille, Dieter Heise und ich – Willi, wie du mich kennst – wir warn rausgeputzt wie für’n Opernball, aber mit mehr Haargel und weniger Benehmen.
Wir wollt’n inne Disco nach Hamborn, vielleicht inne „Idea“ oder irgendein anderer Schuppen, wo die Musik laut war und die Mädels noch lauter gelacht haben. Damals gab’s ja Discos wie Pommesbuden – überall, und jede hatte ihre eigene Sorte Krawall.
Also, wir latschen da so die Straße runter, grölen wie die bekloppten, machen Faxen auf’m Gehweg – richtig übermütig, wie man dat halt macht, wenn man jung is und meint, die Welt wär ein Kirmesplatz.
Und dann – hör ma – da steht ’ne Telefonzelle, und drin is’n Typ am Quatschen. Detlef, der olle Riese von uns, reißt die Tür auf und brüllt den an. Ich sach dir: ich hab kein Wort verstanden, aber ich blieb stehen, weil ich dachte: „Dat wird gleich komisch.“
Der Typ macht die Tür wieder zu, ruft wat Richtung Detlef – und dann, zack! – reißt der den Arm hoch. Und wat hat der in der Hand? ’nen Revolver! Ich sach dir, ich hab fast inne Hose gemacht. Der wollte echt schießen!
Wir haben uns nich zweimal bitten lassen – Beine in die Hand und ab Richtung Zuhause. Ich glaub, ich bin schneller gerannt als damals beim 100-Meter-Lauf in der Schule – und da war ich schon Letzter!
Kaum an der Tanke an der Walsumerstraße angekommen, kommt ’n Auto angerast wie bei „Alarm für Cobra 11“. Die halten an, springen raus – drei Typen in weißen Jacken, als wären se grad vonne Bühne runter, Boygroup-Style. Aber nix mit Singen – die wollten boxen!
Detlef hatte so’n kleines Messer dabei – nix Wildes, eher Zahnstocher mit Griff – und schmeißt dat direkt weg, als er eine auf die Zwölf kriegt. Die drei Typen – Zuhälter, wie sich rausstellte – konnten boxen wie Klitschko auf Speed. Zack, zack – und wir lagen da wie frisch verpackte Mettbrötchen.
Ich blutete aus der Nase wie’n kaputter Hydrant. Mein weißes Hemd? Rot wie die Ampel an der Duisburger Straße. Und mein neuer Schlips – den hatte ich extra für die Disco gekauft – sah aus wie’n Tatort.
Die Typen verschwanden so schnell, wie se gekommen waren. Und wir? Wir schlichen nach Hause wie geprügelte Hunde mit Disco-Verbot auf Lebenszeit.
Zuhause war dann Theater deluxe. Meine Mutter sieht mich, schreit: „Oh Gott, oh Gott, wat is passiert?“ Ich sach nix – nur: „Detlef war’s.“ Und dat war auch die Wahrheit. Die nächsten vier Wochen war Hamborn für uns tabu. Disco? Fehlanzeige. Detlef? Der durfte nich mal mehr mit inne Trinkhalle.
Und so, mein Jung, lernt man: Wenn du feiern gehst, nimm lieber ’nen Kamm mit als ’nen Kumpel wie Detlef. Und wenn einer in der Telefonzelle steht – lass ihn einfach machen. Könnt sein, der hat mehr als nur Worte parat.
Kaum an der Tanke an der Walsumerstraße angekommen,
kommt ’n Auto angerast wie bei „Alarm für Cobra 11“.
Dientag 9 September 2025
Königsmomente in den Rheinauen
Es war einer dieser Tage, die sich heimlich in den Kalender schleichen und dann plötzlich wie ein Geschenk vor einem liegen. Die Sonne schien, als hätte sie Urlaub genommen, nur um mir Gesellschaft zu leisten. Ich, Willi, mittlerweile über 70 Jahre alt, sitze auf einer Bank am Rheindamm, die Knie knarzen ein bisschen, aber der Kopf – der ist hellwach. Und plötzlich, wie durch einen geheimen Schalter, geht die Erinnerung an – und zack, ich bin wieder mittendrin.
Damals, als ich bei Van Wahnem als LKW-Fahrer unterwegs war – das war keine Arbeit, das war Abenteuer mit Dieselmotor. Mein Revier: die Walsumer Rheinauen, genauer gesagt die Kaiserstraße runter, ganz hinten, wo sich die Welt in grüne Wiesen und stille Tümpel auflöst. Dort, versteckt hinter hohen Bäumen, lag das Kieswerk – ich glaube, es war die Firma Hülskens. Ein Ort, der für Außenstehende nach Staub und Steinen klang, für mich aber nach ehrlicher Arbeit und einem Hauch Freiheit.
Der Kies – schwer wie die Verantwortung, aber goldwert
Bei Hülskens gab’s den schwersten Betonkies weit und breit. Kein Pipifax, sondern echtes Zeug, das unsere Ballastkästen an den Baukränen ordentlich beschwerte. Ich sag euch: Wenn man da rückwärts mit dem LKW ranfuhr, musste man schon wissen, was man tat. Kein Platz für Anfänger oder Leute mit zitternden Händen. Aber ich? Ich war Willi – König der Kiesfahrer, Herrscher über Hydraulik und Hebel.
Der Weg zum Kieswerk war ein Gedicht. Vorbei an saftig grünen Wiesen, wo die Kühe noch Namen hatten und die Frösche sich auf den warmen Steinen sonnten wie Urlauber in Rimini. Im Sommer war das eine Pracht – ich hab oft Pause gemacht, einfach den Motor aus, Fenster runter, und den Fröschen beim Sonnenbaden zugeschaut. Die haben mich nie gegrüßt, aber ich glaube, sie mochten mich.
Kindheit in den Rheinauen – Kibitze und kleine Wunder
Und wisst ihr was? Noch bevor ich Kies kutschierte, war ich als kleiner Steppke schon hier unterwegs. So mit 10, vielleicht 12 Jahren – die Haare noch voller Sand und die Hosentaschen voller Unsinn. Ich habe damals Kibitze beim Brüten beobachtet. Die haben sich einfach eine kleine Kuhle in den Acker gemacht, ganz ohne Bauantrag oder TÜV, und da ihre Eier reingelegt. Ich fand das faszinierend – so viel Vertrauen in die Welt. Kein Nest aus Gold, kein Schutzzaun, einfach Natur pur.
Ich hab stundenlang da gesessen, mucksmäuschenstill, damit sie sich nicht gestört fühlten. Und wenn ich heute daran denke, wie ich später mit dem tonnenschweren LKW durch dieselben Rheinauen gefahren bin, dann kommt mir das fast wie ein Kreis vor, der sich geschlossen hat. Vom kleinen Willi mit staunenden Augen zum großen Willi mit staubigen Stiefeln – und jetzt wieder zurück zum alten Willi mit Geschichten im Gepäck.
Damals, als ich bei Van Wahnem als LKW-Fahrer unterwegs war –
das war keine Arbeit, das war Abenteuer mit Dieselmotor.
Dientag 9 September 2025
Willi und das Gokart
Also passt auf, ihr jungen Hüpfer – ich mach die Augen zu und zack, bin ich wieder da. Anfang der 60er Jahre, irgendwo zwischen Milchzähnen und ersten Bartstoppeln. Die Erinnerungen klopfen an wie alte Freunde, die man viel zu lange nicht gesehen hat. Ich, Willi, damals so um die 10, vielleicht 12 Jahre alt, mit einem Kopf voller Flausen und einem Herzen, das schneller schlug, wenn irgendwo ein Rad rollte.
Eines Tages – ich weiß nicht mehr, ob’s ein Dienstag oder ein „Papa-hat-heute-Zeit“-Tag war – öffnete ich die magische Schublade in meinem Gedächtnis mit der Aufschrift „Gokart“. Und Peng! Da war sie wieder, die Szene: Ich stehe im Hof, die Sonne knallt, und ich habe einen Plan. Einen großen. Einen mit Rädern.
Papa, mein persönlicher MacGyver mit Schweißgerät, war natürlich sofort dabei. Der Mann konnte aus einem alten Toaster und zwei Besenstielen wahrscheinlich ein U-Boot bauen. Aber ich wollte was Bodenständiges – ein Gokart! Also ran an die Bretter, Eisenstangen und den alten Kinderwagen, den meine kleine Schwester längst nicht mehr brauchte (sie war eh mehr Team Puppenwagen mit Glitzer).
Die Achsen vom Kinderwagen waren Gold wert – stabil, leichtgängig und vor allem: schon da. Kein nerviges „Willi, das kostet Geld“ – Papa war ein Meister der Wiederverwertung. Und dann, das Highlight: ein echtes Lenkrad vom Schrottplatz! Ich sag euch, das Ding roch noch nach Abenteuer und altem Öl. Anfangs wurde mit den Füßen gelenkt – ja, lacht ruhig, das war halt die Steinzeit des Gokartbaus. Aber dann kam das Lenkrad zum Einsatz, und ich fühlte mich wie Stirling Moss auf dem Weg zur Schule.
Der Antrieb – Muskelkraft mit Familienanschluss
Jetzt fehlte nur noch eins: der Antrieb. Und da kam meine brillante Idee – warum Benzin, wenn man Brüder hat? Erhard oder Dirk, je nachdem, wer gerade nicht schnell genug weggelaufen war, wurden kurzerhand zum lebendigen Motor erklärt. Die Regel war einfach: Einer schiebt, einer fährt, und alle schreien. Leider war die menschliche PS-Zahl begrenzt, und nach ein paar Runden war der Motor meist außer Puste oder beleidigt. Also wurde regelmäßig gewechselt – wie bei der Formel 1, nur mit mehr Geschrei und weniger Sponsoren.
Irgendwann – ich weiß nicht mehr genau wann – habe ich den Flitzer einem meiner Brüder vermacht. Vielleicht war’s ein Akt der Großzügigkeit, vielleicht einfach nur, weil ich schon mit dem nächsten Traum liebäugelte: einem echten Moped! Mit Benzin, Gestank und dem Sound, der Nachbarn in den Wahnsinn treibt. Aber das, meine Lieben, ist eine andere Geschichte. Die liegt noch in einer anderen Lade meines Gedächtnisses, die sich hoffentlich bald öffnet.Bis dahin: Fahrt vorsichtig, und baut euch was Schönes!
Papa, mein persönlicher MacGyver mit Schweißgerät, war natürlich sofort dabei.
Montag 8 September 2025
Der OPEL brennt
Also passt auf – ich mach die Augen zu und zack, bin ich wieder da. Elperstraße, irgendwo in den 1970er Jahren. Die Tapete leicht vergilbt, das Radio auf dem Schrank, das nachts manchmal noch rauscht, wenn man nicht ganz abschaltet. Unser Sohn schläft friedlich in seinem kleinen Bettchen, meine Liebste liegt neben mir, eingekuschelt, und draußen ist es still. Fast zu still. Was soll ich euch sagen – manchmal öffnet sich so eine alte Erinnerungsschublade ganz von allein. Wie ein alter Sekretär, der plötzlich meint, mir seine Geheimnisse verraten zu müssen. Und diese hier, die trägt den Titel „Der OPEL brennt“. Klingt dramatisch? Wartet ab. Es war tief in der Nacht, ich schätze so gegen eins. Ich weiß noch, wie ich aus dem Schlaf gerissen wurde – nicht durch einen Traum, sondern durch ein Geräusch, das nicht in die Nacht passte. Ein Knacken, ein Fauchen, ein Flackern. Ich sprang auf, meine Liebste auch, und wir liefen zum Fenster. Und da war es: Feuer. Nicht irgendein kleines Flämmchen, sondern ein richtiges Inferno. Die Flammen schlugen hoch, als hätte jemand ein Osterfeuer mitten auf die Straße gesetzt. Ich wollte das Fenster öffnen, um besser sehen zu können – und erschrak. Die Scheibe war heiß, richtig heiß. Ich zuckte zurück, als hätte sie mir sagen wollen: „Willi, bleib zurück, das hier ist gefährlich.“ Meine Liebste schnappte sich unseren Sohn, instinktiv, wie Mütter das eben tun, wenn Gefahr droht. Ich blieb am Fenster, starrte hinaus – und da sah ich ihn: den Opel Rekord unseres Nachbarn. Lichterloh in Flammen. Ein paar Tage alt, nagelneu, glänzend wie ein frisch polierter Traum auf vier Rädern. Und jetzt? Ein glühender Haufen Blech. Die Feuerwehr kam zum Glück schnell. Ich rannte runter, um unseren eigenen Wagen wegzufahren – der stand nur zwei Plätze weiter. Ich weiß noch, wie mein Herz pochte, als ich den Schlüssel drehte. Ich dachte: Wenn das Feuer überspringt, war’s das. Aber ich hatte Glück. Wir alle hatten Glück. Tage später hörten wir, dass es ein Fehler in der Elektrik war. Irgendwas mit der Verkabelung, ein Kurzschluss, der sich heimlich durch die Nacht geschlichen hatte. Die Versicherung hat wohl gezahlt, und unser Nachbar hat irgendwann wieder ein neues Auto gehabt. Aber ich sag euch: Dieses Bild – der brennende Opel, die flackernden Flammen, das heiße Fenster – das hat sich eingebrannt. Wie ein Dia, das man nicht mehr aus dem Projektor bekommt. Und wisst ihr was? Das ist nur eine von vielen Schubladen. Mein Kopf ist voll davon. Manchmal träume ich davon, sie alle zu leeren, damit Platz für neue Erinnerungen ist. Aber dann denke ich: Vielleicht sind es gerade diese alten Geschichten, die mich ausmachen. Wie eine Spardose, die nicht mit Münzen, sondern mit Momenten gefüllt ist. Also nicht abschalten – ich hab noch viel zu erzählen. Und wer weiß, welche Schublade sich als Nächstes öffnet.

Ich wollte das Fenster öffnen, um besser sehen zu können – und erschrak.
Die Scheibe war heiß, richtig heiß.
Montag 8 September 2025
Ich schaue zurück
Wenn ich heute, mit 72 Jahren, in aller Ruhe nachdenke, dann ist es nicht die Zukunft, die meine Gedanken fesselt. Es ist die Vergangenheit – mein gelebtes Leben, das sich wie ein kostbarer Teppich aus Erinnerungen vor mir ausbreitet. Man sagt oft: „Schau nach vorne, nicht zurück.“ Aber ich frage: Warum sollte ich das tun, wenn das Zurückschauen mich erfüllt, mich wärmt, mich lächeln lässt? Ich erinnere mich an meine Kindheit in Duisburg – an die Straßen, die nach Kohle rochen, an die Nachbarn, die sich noch mit Namen grüßten, und an das Gefühl, dass die Welt zwar klein war, aber voller Abenteuer. Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie mit geschürzten Händen den Sonntagsbraten zubereitet, während aus dem Radio leise Musik klingt. Ich höre das Klappern der Schuhe meines Vaters, wenn er müde von der Schicht nach Hause kam – und trotzdem noch Zeit für ein paar Worte mit uns fand. Die Schule war nicht immer leicht, aber sie war ein Ort, an dem ich lernte, mich durchzubeißen. Ich erinnere mich an den Geruch von frisch gespitzten Bleistiften, an das Kratzen der Kreide auf der Tafel und an die erste große Liebe, die sich in einem schüchternen Blick über das Klassenzimmer hinweg zeigte. Damals war alles neu, alles aufregend – und ich wusste noch nicht, wie schnell die Jahre vergehen würden.
Dann kam das Arbeitsleben. Ich habe geschuftet, geschwitzt, gelernt und gelehrt. Ich habe Kollegen kommen und gehen sehen, habe Erfolge gefeiert und Rückschläge eingesteckt. Und ich habe eine Familie gegründet – das größte Abenteuer meines Lebens. Die Geburt unseres Kindes war ein Moment, der mein Herz für immer verändert hat. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mit kleinen Händen meine großen Finger umklammerten, wie er seine ersten Schritte machte, wie er fragte, ob ich ihm Geschichten erzähle. Heute ist er erwachsen. Er hat sein eigenes Leben, seine eigenen Sorgen und Freuden. Und ich bin stolz – nicht nur auf das, was er erreicht hat, sondern auf den Mensch, der er geworden ist. Wenn ich mit ihm spreche, dann höre ich manchmal meine eigenen Worte in seiner Stimme. Das ist ein stilles Glück, das man nur versteht, wenn man selbst Vater ist. Natürlich gab es auch dunkle Tage. Abschiede, die weh taten. Freunde, die gingen. Zeiten, in denen ich mich fragte, ob ich noch gebraucht werde. Aber selbst diese Momente haben mir etwas gegeben: Tiefe. Verständnis. Demut. Wenn ich heute zurückblicke, dann nicht mit Bedauern, sondern mit einem stillen Lächeln. Ich bin dankbar für jedes Jahr, für jede Erfahrung, für jeden Menschen, der mein Leben berührt hat. Die Vergangenheit ist kein Ort der Trauer – sie ist mein Zuhause. Und wenn ich dort verweile, dann nicht, weil ich der Gegenwart entfliehen will, sondern weil ich dort finde, was mich ausmacht. Ich bin Willi. 72 Jahre alt. Und ich schaue zurück – weil dort mein Herz wohnt.
Natürlich gab es auch dunkle Tage. Abschiede, die weh taten. Freunde, die gingen.
Zeiten, in denen ich mich fragte, ob ich noch gebraucht werde.
Sonntag 7 September 2025
Willis Gedankenspiele
Erzählung von Willi, Duisburger Original mit viel Herz und noch mehr Kaffee
Also pass auf, ich bin der Willi. Wohnhaft, nicht Gebürtig in Duisburg-Walsum, stolzer Besitzer von drei Kaffeemaschinen und ’nem Gedächtnis wie ’ne löchrige Socke. Aber wenn et um die Zukunft geht, da bin ich ganz vorne mit dabei – zumindest in meinen Gedanken. Und die sind manchmal so wild wie der Feierabendverkehr auf der A59. Letzte Woche sitz ich da, schön gemütlich auf meinem durchgesessenen Sofa, dat quietscht wie ’ne alte Straßenbahn, und guck meine Zimmerpflanze an – die heißt übrigens „Horst“, weil se so stur wächst wie meine Gedanken. Und da kommt mir plötzlich so’n Gedanke:
„Ey Willi, wie wird eigentlich deine Zukunft gemacht?“
Ich nehm ’nen kräftigen Schluck Kaffee – stark genug, um tote Träume wiederzubeleben – und fang an zu grübeln. Und wie dat bei mir so läuft, bin ich direkt mittendrin in ’nem philosophischen Marathon, obwohl ich eigentlich nur die Fernbedienung gesucht hab.
Die Willi-Theorie: Zukunft aus’m Kopf
Also hör ma: Die Zukunft, die machste dir selber – mit Gedanken! Kein Quatsch. Jeder Gedanke, den du hast – ob dat jetzt „Ich werd Millionär“ is oder „Ich brauch neue Socken“ – der macht wat mit dir. Der erzeugt so’n Gefühl, dat sich in deiner Seele festsetzt wie Currysoße auf ’nem weißen Hemd. Und dieses Gefühl, dat zieht dann Sachen an. Wie ’ne Pommesbude um Mitternacht – du denkst dran, du fühlst Hunger, und zack: stehst du da mit ’ner großen Portion Pommes mit Mayo. So läuft dat auch mit der Zukunft. Denkste positiv, fühlste dich gut, und plötzlich passieren Dinge, die genau zu dem Gefühl passen. Denkste Mist, kriegste Mist. Ganz einfach.
Der Kreislauf vom Willi
Dat is wie ’ne Endlosschleife: Gedanke → Gefühl → Ereignis → neues Gefühl → neuer Gedanke. Ich nenn dat den „Willi-Kreislauf“. Funktioniert wie ’ne Waschmaschine, nur ohne Schleudergang. Und je nachdem, wat du denkst, kommt da entweder ’ne Sahnetorte raus oder ’ne kalte Frikadelle.
Wenn ich mir also vorstell, ich werd Bestsellerautor und sitz irgendwann in ’nem Strandhaus in Dänemark – dann fühl ich mich wie der König von Meiderich. Und dieses Gefühl zieht dann Sachen an, die mich in die Richtung bringen. Vielleicht erst mal nur ’ne neue Tastatur, aber hey – jeder fängt klein an.
Fazit aus’m Pott
Also Leute, wenn ihr eure Zukunft gestalten wollt, fangt nicht mit ’nem Kalender an. Fangt mit euren Gedanken an. Denkt groß, denkt schräg, denkt wie Willi – mit Herz, Humor und ’nem ordentlichen Schuss Kaffeesatzleserei. Denn eure Seele is wie ’ne Jukebox: Die spielt genau dat Lied, wat ihr reinwerft. Und das Leben? Dat tanzt dazu – manchmal Walzer, manchmal Polka, und manchmal einfach nur Cha-Cha-Cha auf’m Gehweg.
Dat is wie ’ne Endlosschleife: Gedanke → Gefühl → Ereignis → neues Gefühl → neuer Gedanke.
Ich nenn dat den „Willi-Kreislauf“.
Sonntag 7 September 2025
Maikäferalarm in Winterswijk
Also, ich sag’s euch, das Leben schreibt die besten Drehbücher – und manchmal auch die schrägsten. Es war irgendwann Ende der 70er, die Haare saßen noch halbwegs, die Schlaghosen flatterten im Wind, und wir – meine Rosi, unser kleiner Norman und ich, Willi – waren stolze Besitzer eines Wohnwagens. Na ja, „neu“ war der nicht gerade, eher ein rollendes Denkmal aus der Zeit, als Orange noch eine Tapetenfarbe war. Gekauft beim Breuking, direkt ums Eck vom Campingplatz in Winterswijk. Ein echtes Schnäppchen, wenn man auf Abenteuer steht.
Kaum stand das gute Stück, da machte es knack, splitter, fluch! Das Rücklicht – frisch poliert und voller Hoffnung – verabschiedete sich beim Rangieren mit einem Geräusch, das mir heute noch die Nackenhaare kräuselt. Ich sag’s euch, das war kein Rücklicht, das war ein Rückschlag.
Aber das war nur der Auftakt. Die eigentliche Show begann nachts. Wir lagen im Wohnwagen, Rosi schnarchte leise wie ein Kätzchen, Norman murmelte irgendwas von „Bobbycar“, und ich war gerade dabei, mich in die Tiefen des Schlafs zu begeben, als es passierte: Krrrk. Ein Geräusch. Kurz. Knapp. Unheimlich. Ich dachte erst, das sei Rosis Verdauung, aber nein – es kam von oben.
Ich horchte. Da! Wieder! Diesmal länger. Und dann fing der Wohnwagen an zu wackeln, als hätte er einen Discoabend mit John Travolta hinter sich. Ich sprang auf, zog mich an wie ein Feuerwehrmann auf Speed und war bereit, die Familie zu evakuieren. Gänsehaut deluxe – ich sah aus wie ein gerupftes Grillhähnchen mit Panik im Blick.
Rosi, die Heldin der Nacht, blieb cool. „Willi, bleib ruhig. Ich schau mal.“ Und da war er: Der Maikäfer. Nicht irgendeiner. Nein, das war der Chuck Norris unter den Käfern. So groß wie ein Apfel, mit dem Selbstbewusstsein eines Rockstars. Er hing an der Gardine und glotzte mich an, als wolle er sagen: „Na, Willi, was nun?“
Rosi hatte einen Plan. Ich die Schaufel. Sie wackelte am Vorhang, ich hielt die Schaufel drunter, die Tür war offen – und zack! Der Käfer flog raus wie ein betrunkener Gast aus der Dorfkneipe. Mit einem dumpfen Plopp landete er draußen, und ich schloss die Tür wie ein Held, der gerade die Welt gerettet hatte.
Am nächsten Morgen war ich der Star des Platzes. Jeder fragte: „Na Willi, wann kommen die Monsterkäfer wieder?“ Ich grinste, zuckte mit den Schultern und sagte nur: „Wenn sie kommen, bin ich bereit – mit Schaufel und Rosi.“

Rosi, die Heldin der Nacht, blieb cool. „Willi, bleib ruhig. Ich schau mal.“
Samstag 6 September 2025
Ein Tag in Ostfriesland
Ich erinnere mich noch ganz genau an diesen Tag im Sommer 2005. Die Sonne stand schon früh am Himmel, kein Wölkchen in Sicht – perfektes Wetter für eine ausgedehnte Motorradtour. Ich schwang mich auf meine DragStar 650, die Chromteile blitzten im Morgenlicht, und der Motor brummte wie ein zufriedenes Raubtier. Endlich wieder unterwegs, raus aus Duisburg, rein ins Abenteuer.
Die Fahrt über die A31 – Freiheit auf zwei Rädern
Ich nahm die A31 Richtung Norden. Die Autobahn war frei, der Fahrtwind peitschte mir ins Gesicht, und ich spürte dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit. Kilometer um Kilometer ließ ich den Alltag hinter mir. Die Landschaft wurde weiter, flacher, norddeutscher. Ich grinste unter dem Helm – das war genau das, was ich gebraucht hatte.
Als ich mich Hinte näherte, war ich eigentlich schon gedanklich bei meinem Ziel: Norddeich, ein Fischbrötchen am Hafen, vielleicht ein Blick auf die Fähren nach Norderney. Doch dann passierte etwas, das mich abrupt aus meinen Gedanken riss.
Suurhusen – Der Turm, der nicht gerade stehen wollte
Ich fuhr durch die Gemeinde Hinte, und plötzlich – ich traute meinen Augen kaum – sah ich auf der linken Seite einen Kirchturm, der aussah, als würde er jeden Moment umkippen. Ich riss die Bremse meiner DragStar durch, blinkte links und bog ab. Das musste ich mir genauer ansehen.
Da stand er: der schiefe Turm von Suurhusen. Und schief war der wirklich – nicht nur ein bisschen, sondern mit einem Überhang von über zwei Metern! Genauer gesagt: 2,47 Meter bei einer Neigung von 5,19 Grad. Damit war er sogar schiefer als der berühmte Turm von Pisa. Ich war baff. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Die Kirche und Herr van Lessen – Ein Blick ins Innere
Ich hatte Glück: Eine kostenlose Führung war gerade im Gange, geleitet von Herrn van Lessen, einem freundlichen Kirchenführer mit viel Herzblut. Er erzählte von der Geschichte der Kirche, die schon im 13. Jahrhundert erbaut wurde, und vom Turm, der 1450 auf einem Fundament aus Eichenstämmen errichtet wurde – direkt über Moorboden. Die Entwässerung der Umgebung hatte später dazu geführt, dass die Eichen verrotteten und der Turm sich neigte.
Drinnen war es kühl und still. Die alten Backsteinmauern strahlten eine Ruhe aus, die mich tief berührte. Ich stellte mir vor, wie viele Generationen hier gebetet, geheiratet, getrauert hatten. Und draußen stand dieser Turm, trotzig und schief, als wolle er sagen: „Ich bin noch da.“
Weiter nach Norddeich – Mit einem Lächeln unter dem Helm
Nach der Führung stieg ich wieder auf meine DragStar. Ich war beeindruckt, bewegt und irgendwie dankbar für diesen unerwarteten Zwischenstopp. Die Straße nach Norddeich war ruhig, die Sonne stand nun hoch, und ich fuhr mit einem Lächeln weiter gen Küste. Der Tag war noch jung, und mein Herz war leicht.
So war das damals – ein Tag, den ich nie vergessen werde. Und wenn du mal in der Gegend bist: Halt an. Schau dir den Turm an. Es lohnt sich.





Ich riss die Bremse meiner DragStar durch, blinkte links und bog ab.
Das musste ich mir genauer ansehen.
Freitag 5 September 2025
Mit der DragStar nach Raesfeld
Es war einer dieser Tage, die sich heimlich in den Kalender schleichen und dann plötzlich wie ein Geschenk vor einem liegen. Donnerstag, der 27. Oktober 2005 – eigentlich schon tief im Herbst, aber das Wetter? Ein Gedicht. Die Sonne schickte mir warme Strahlen auf den Rücken, als wollte sie sagen: „Komm, Willi, noch eine letzte Tour, bevor du die DragStar in den Winterschlaf schickst.“
Ich tuckerte gemütlich Richtung Raesfeld, das Münsterland zeigte sich von seiner besten Seite. Die Luft war klar, die Felder leuchteten in sattem Grün, und dann kam er – dieser Geruch. Frisch gemähtes Gras, so intensiv, dass es mir fast die Schuhe auszog. Ich musste lachen. Nicht, weil Gras lustig ist, sondern weil mein Kopf sofort in die Vergangenheit sprang – zurück auf den Bauernhof in Norddeutschland, wo ich als junger Bengel mit dem Trecker über die Grassilos gefahren bin.
Ach, diese Silos! Große Haufen Gras, Lage für Lage verdichtet, und dazwischen – kein Witz – Säcke voller Zucker. Ja, Zucker! Damit das Futter für die Kühe im Winter schön gärt und nahrhaft wird. Wir haben das Ganze unter einer riesigen Plane versteckt und mit alten Autoreifen beschwert. Recycling auf ostfriesisch.
Im Winter, wenn wir das Silo öffneten, dampfte es wie ein Hexenkessel. Der Geruch war... sagen wir mal: speziell. Sauer, warm, irgendwie lebendig. Und ich stand da, mit Gummistiefeln bis zum Knie, mitten im warmen Grasdampf, während draußen der Frost an den Fenstern kratzte. Ich hab mir damals eingebildet, das sei wie Sauna für Bauern.
Und heute, auf dem Motorrad, kam all das zurück. Ich fuhr durch die Alleen, vorbei an Höfen mit genau solchen Silos, und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Einmal musste ich sogar anhalten, weil ich so lachen musste – da stand ein Trecker am Straßenrand, und auf dem Anhänger lag ein riesiger Sack mit der Aufschrift „Zucker für Silage“. Ich hätte fast gefragt, ob ich mal mitfahren darf.
Raesfeld selbst war wie immer charmant. Das Schloss, die kleinen Cafés, und ich mittendrin mit meiner DragStar, die leise vor sich hin knisterte. Ich gönnte mir einen Kaffee, saß auf der Bank und ließ die Sonne mein Gesicht wärmen. Ein paar ältere Herren kamen vorbei, einer zeigte auf mein Motorrad und sagte: „Na, das ist aber ein feines Teil!“ Ich nickte stolz und sagte: „Die hat mich schon bis nach Norddeich gebracht.“ Da staunten sie nicht schlecht.
Am Abend, zurück in der Garage, streichelte ich den Tank der DragStar wie einen alten Freund. „War eine gute Saison“, murmelte ich. Dann deckte ich sie zu – mit einer Plane, fast wie damals das Silo – und dachte: Wenn Motorräder träumen könnten, dann würde sie heute Nacht von frischem Gras und Zucker träumen.
Und ich stand da, mit Gummistiefeln bis zum Knie, mitten im warmen Grasdampf, während draußen der Frost an den Fenstern kratzte.
Freitag 5 September 2025
Die Tour nach Norddeich
Es war im Sommer 2005, ein Montag, der 8. August, als sich ein Kapitel meines Lebens öffnete, das ich längst vergessen glaubte. Heute, Jahre später, stand ich auf der B8 am Rathaus in Walsum, als sie plötzlich vor mir auftauchte – eine Yamaha DragStar 650. Und „Peng!“ – wie ein Donnerschlag war sie wieder da, die Erinnerung. Offen wie ein Scheunentor stand meine Gedankenwelt, und ich war mittendrin.
Ich hatte genau so eine Maschine damals aus dem Saarland geholt. Eine echte Schönheit, ein Chopper wie aus dem Bilderbuch. Morgens um halb acht war ich los, um den Motorradanhänger zu besorgen. Der Weg nach Heusweiler war lang, und ohne mein Navi hätte ich das versteckte Eckchen nie gefunden, wo sie auf mich wartete – meine DragStar. Ich wollte eigentlich noch bei Jutta und Rudi auf einen Kaffee vorbeischauen, aber der Stau in Düsseldorf machte mir einen Strich durch die Rechnung. Über eine Stunde stand ich, und mein Zeitplan war sowieso viel zu knapp. Klar, mit Hänger fährt man nicht wie auf der freien Bahn. Schade – ich hätte die beiden gern überrascht. Aber immerhin, am nächsten Tag ging’s ja wieder ins Saarland zu Rudis 60stem. Wenn er das liest, lacht er sich wahrscheinlich kaputt. Doch was wirklich bleibt, ist die Erinnerung an die Tour nach Norddeich. Ich hatte mir die Freiheit genommen, einfach loszufahren. Keine Termine, kein Ziel – nur der Wind, der Motor und ich. Die DragStar brummte unter mir wie ein zufriedenes Tier, und die Kilometer flogen vorbei wie Gedanken in der Nacht. Norddeich – das Meer, die salzige Luft, die Möwen, die sich über die Hafenmauer treiben ließen. Ich saß dort, die Maschine neben mir, und fühlte mich für einen Moment wie jemand, der angekommen war. Nicht irgendwo, sondern in sich selbst. Auf dem Rückweg machte ich einen Abstecher nach Suurhusen. Ein winziger Ortsteil der Gemeinde Hinte, aber mit einem Wahrzeichen, das mich irgendwie berührte: der schiefe Kirchturm. Nicht so berühmt wie Pisa, aber ehrlicher, bodenständiger. Er neigte sich wie ein alter Mann, der viel gesehen hat, aber nie gefallen ist. Ich stand davor und dachte: So ist das Leben. Manchmal schief, aber standhaft. Diese Tour war mehr als nur eine Fahrt. Sie war ein Stück Freiheit, ein Stück Vergangenheit, ein Stück von mir. Wenn ich heute an die DragStar denke, dann träume ich nicht nur von der Maschine – ich träume von dem Gefühl, das sie mir gegeben hat. Von der Weite, dem Klang des Motors, dem Duft der Landstraße. Und ja, wenn ich könnte, ich würde sie mir sofort wieder kaufen. Nicht nur wegen des Motorrads – sondern wegen all dem, was sie in mir bewegt hat.
Ich saß dort, die Maschine neben mir, und fühlte mich für einen Moment wie jemand, der angekommen war. Nicht irgendwo, sondern in sich selbst.
Freitag 5 September 2025
Willi und das glühende Ofenrohr
Also, pass auf.
Mein Kopf – dieser verrückte Kerl – hat sich heute einfach so entschieden, mir eine Erinnerung aus der Schublade mit der Aufschrift „Ofenrohr“ vor die Nase zu knallen. Warum gerade jetzt? Keine Ahnung. Vielleicht hat er Langeweile. Oder das Ofenrohr hat sich beschwert, dass es vergessen wurde. Jedenfalls: Ich, Willi, war da ungefähr zehn Jahre alt. Vielleicht auch neuneinhalb, aber wer zählt schon mit, wenn Weihnachten vor der Tür steht?
Unser Kinderzimmer lag direkt neben der Toilette – ja, romantisch war das nicht, aber praktisch! Und es war Heiligabend, so gegen sechs Uhr abends. Draußen lag Schnee, so hoch wie die Schneemänner, die wir Tage vorher gebaut hatten. Die Fenster hatten Eisblumen, die aussahen wie Kunstwerke von einem frierenden Picasso. Und mitten im Zimmer stand der König der Wärme: unser Kohleofen.
Das Ofenrohr – mein persönlicher Vulkan
Der Ofen war nicht einfach nur warm – er war heiß wie die Hölle auf Rädern! Und das Ofenrohr, das sich wie der Hals einer Giraffe durch den Raum streckte und dann elegant in der Wand verschwand, war glühend rot. Ich schwöre, wenn man zu nah an die Tür ging, bekam man Sonnenbrand – und das mitten im Winter! Ich hab mich einmal zu nah rangewagt und bin zurückgezuckt wie ein Toast aus dem Toaster. Meine Schwester meinte, ich hätte geglüht wie ein Glühwürmchen mit Jetpack.
Warten auf das Christkind – mit Feigen und schiefen Tönen
Wir saßen alle im Kinderzimmer, meine Geschwister und ich – und das waren nicht wenige. Ich glaube, wir waren sieben oder acht, vielleicht auch zwölf, je nachdem, ob man die Nachbarskinder mitzählt, die immer irgendwie bei uns rumhingen. Wir warteten auf das Glöckchen, das uns verraten sollte, dass das Christkind fertig war mit Geschenke verteilen und sich wieder auf den Weg gemacht hatte – wahrscheinlich mit einem Rentierschlitten, der schneller war als Papas Moped.
Mutti kam rein, ganz geheimnisvoll, und brachte uns ein Päckchen mit Feigen. FEIGEN! Ich meine, wer denkt sich sowas aus? Aber hey, wir waren Kinder, und Süßes ist Süßes. Wir haben sie aufgeteilt wie Piraten ihre Beute – einer hat gezählt, einer hat geguckt, dass keiner schummelt, und einer hat schon mal genascht. Dann haben wir angefangen, Weihnachtslieder zu singen. Jeder so, wie er konnte. Das klang wie eine Mischung aus Oper, Baustelle und Katzenchor – aber mit Herz!
Das Glöckchen – der Startschuss zur Bescherung
Und dann – endlich – ertönte das Glöckchen. Nicht laut, eher wie ein Mäuschen mit einem Glöckchen um den Hals. Aber für uns war das der Startschuss! Wir stürmten zur Wohnzimmertür, stellten uns auf wie Soldaten vor der Parade, und durch die geriffelten Scheiben sahen wir schon den Weihnachtsbaum. Der glitzerte wie ein Diamant im Schneesturm. Und dann ging sie auf – die Tür zum Paradies!
Geschenke, Riesenräder und verschwommene Erinnerungen
Ich erinnere mich noch an ein großes Riesenrad – das war, glaube ich, für Heidi. Oder vielleicht für mich? Nee, ich glaube, Heidi hat es bekommen. Der Weihnachtsmann war da wohl sehr großzügig. An ihn selbst kann ich mich leider nicht erinnern. Vielleicht war er schon wieder unterwegs, die Rentiere hatten sicher noch einen vollen Terminkalender. Ich hätte sie so gerne gestreichelt – besonders das mit der roten Nase. Vielleicht nächstes Jahr, wenn der Schnee wieder so hoch liegt, dass man darin versinken kann wie in Omas Federbett.
Lebkuchen, Liebe und ein bisschen Magie
Was ich aber ganz genau weiß: Die Weihnachtsteller waren randvoll mit Lebkuchen, Nüssen, Schokolade und anderen Leckereien, die direkt den Weg in meinen Mund gefunden haben. Ich war schneller als jeder Staubsauger! Und obwohl ich nicht mehr alles weiß – nicht, wie viele wir waren, nicht, was ich bekommen habe – weiß ich, dass es warm war. Nicht nur wegen dem glühenden Ofenrohr, sondern weil Weihnachten bei uns immer ein bisschen magisch war.
Der Ofen war nicht einfach nur warm – er war heiß wie die Hölle auf Rädern!
Und das Ofenrohr, das sich wie der Hals einer Giraffe durch den Raum streckte
und dann elegant in der Wand verschwand, war glühend rot.